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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Experten raten zu Vorsorgevollmacht schon in jungen Jahren

Ärzte in Schutzkleidung betreuen einen Patienten auf einer Intensivstation für Covid-19-Patienten in Moskau. (dpa)

Wer für den Fall einer längeren Bewusstlosigkeit nicht vorsorgt, bringt Angehörige in eine verzweifelte Lage: Sie dürfen nichts entscheiden. Experten raten schon jungen Menschen zu einer Vorsorgevollmacht.

Nina liegt nach einem schweren Unfall im Koma. Sie ist 25 Jahre alt, jeden Tag verschlechtern sich ihre Werte. Nina wollte nie so leben. Ihre Mutter weiß das. Ihr Freund weiß es. Und doch laufen die Maschinen, die die junge Frau am Leben erhalten. Ninas gerichtlich bestellter Betreuer hat es so entschieden. Weil Nina weder eine Vorsorgevollmacht noch eine Patientenverfügung hatte, als sie auf dem Fahrrad von einem Lastwagen angefahren wurde, sind ihre Angehörigen machtlos. Sie dürfen nicht bestimmen, was mit ihr passiert.

Nina ist keine reale Person, doch eine Situation wie die geschilderte könnte für die meisten jungen Menschen sehr wohl Realität werden: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Jahr 2014 ergab, dass nur vier Prozent der 16- bis 29-Jährigen eine Patientenverfügung verfasst hatten. Bei den 45- bis 59-Jährigen waren es 27, bei den Über-60-Jährigen 51 Prozent.

Eine spätere Erhebung des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigte, dass nur knapp über die Hälfte der befragten Intensivpatienten eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht hatten, wovon wiederum fast jede zweite unvollständig und damit unbrauchbar war.

"Das Gesetz sieht vor, dass man selbst handelt"

Sobald ein Mensch volljährig ist, dürfen die Eltern nicht mehr automatisch entscheiden, welche Maßnahmen im Fall der Fälle ergriffen werden. Angehörige sind nicht automatisch betreuungsberechtigt. Das gilt auch für Verheiratete.

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Vorsorge für den Ernstfall

Patientenverfügung: Regelt die medizinische Versorgung.
Vorsorgevollmacht: Berechtigt eine Vertrauensperson, stellvertretend für einen selbst zu handeln und Verträge zu schließen. Sie bezieht sich zum Beispiel auf finanzielle Angelegenheiten und die Unterbringung in einem Pflegeheim. Wichtig: Auch Eheleute dürfen ohne eine solche Vollmacht nicht füreinander entscheiden.

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"Das Gesetz sieht vor, dass man selbst handelt", erklärt Rechtsanwältin Christiane Brzoska aus Mainhausen (Offenbach). Wenn jemand nicht mehr selbst entscheiden kann, gibt es zwei Wege: Entweder sie oder er hat zuvor mit einer Vorsorgevollmacht und einer Patientenverfügung geregelt, wer wann was bestimmen und verwalten darf, oder ein Gericht bestellt einen gesetzlichen Betreuer. Das sind oft Anwälte und Sozialarbeiter.

Möglich wäre auch jemand aus der Familie, aber das passiere so gut wie nie, sagt Brzoska. Auch bei älteren Menschen lassen fehlende Vorsorgevollmachten Angehörige verzweifeln, weil plötzlich eine Fremde oder ein Fremder alle Entscheidungen für einen nahestehenden Menschen trifft.

"Haben uns machtlos gefühlt"

"Wir haben uns als Familie machtlos und ungerecht behandelt gefühlt", erinnert sich Julia Schäfer aus Rodgau (Offenbach). Die Vorsorgevollmacht ihrer Großmutter war lange nicht auffindbar, als sie - unfähig, selbst noch Entscheidungen zu treffen - ins Krankenhaus kam, wie die Mittzwanzigerin berichtet. Ein gesetzlicher Betreuer tauchte auf.

Für Julia Schäfers Familie begannen zwei quälend lange Monate, bis sie endlich die Vollmacht fanden: "Das ist eh schon eine sehr belastende Situation. Dann kam auch noch jemand Fremdes, der in das Leben der Familie eingreift."

"Unterlagen nicht nur oberflächlich ausfüllen"

Aus diesem Grund rät Rechtsanwältin Brzoska dringend dazu, sich um eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht zu kümmern - egal, in welchem Alter. Schon nach einer kurzen Suchanfrage im Internet findet man entsprechende Vordrucke, die sicher und rechtsverbindlich sind. "Man muss es nur persönlich unterschreiben. Eine notarielle Beglaubigung ist nicht nötig", sagt die Juristin.

Trotzdem kann es sich lohnen, sich beim Ausfüllen beraten zu lassen. Je genauer die Bögen ausgefüllt werden, desto sicherer kann man sein, dass der eigene Wille auch durchgesetzt wird. "Wenn der Arzt aus den Unterlagen nicht schlau wird, weil sie nur oberflächlich ausgefüllt wurden, kann er die Behandlung auch nicht entsprechend anpassen", sagt Brzoska. So reicht ein schlichter Ausschluss lebenserhaltender Maßnahmen nicht, man muss sie konkret nennen.

"Sie können nicht mal ein Stück Kuchen kaufen"

Rechtsanwältin Brzoska gibt noch zwei Tipps: Erstens solle man die Erklärungen regelmäßig erneuern, "Aktualität hilft vor Gericht immer". Zweitens sei es wichtig, die Dokumente gut auffindbar zu lagern und den jeweiligen Vertrauenspersonen Kopien zu geben, damit sie im Ernstfall nicht lange suchen müssen.

Wie wichtig eine Vorsorgevollmacht ist, macht Brzoska anhand eines simplen Beispiels deutlich: "Selbst wenn Sie wach und ansprechbar sind, aber für eine Weile im Krankenhaus bleiben müssen, können Sie sich nicht mal ein Stück Kuchen kaufen, wenn niemand über Ihr Konto verfügen darf."

"Ein Gefühl von Sicherheit"

In so eine Lage will Julia Schäfer auf keinen Fall geraten. Sie hat deshalb vor einiger Zeit eine Vorsorgevollmacht ausgefüllt. Ihre Mutter darf im Ernstfall für sie zur Bank gehen, Verträge kündigen und die Unterbringung in einer Pflegeeinrichtung veranlassen.

Über ihre Wünsche hat die junge Frau mit ihrer Mutter gesprochen. "Schwierig war zum Beispiel das Thema Organspende", erinnert sich Julia Schäfer. Sie habe klare Vorstellungen davon, was ein lebenswertes Leben ausmacht, und wolle keine lebenserhaltenden Maßnahmen: "Ich möchte niemandem zur Last fallen." Die Vorsorgevollmacht gebe ihr "ein Gefühl von Sicherheit, weil man weiß, was mit einem passiert, wenn man es selbst nicht mehr ausdrücken kann".

Sendung: hr-iNFO, 04.06.2021, 11.45 Uhr