Studenten laufen auf ein Gebäude der Universität Kassel zu

An Hessens Hochschulen finden seit knapp einem Jahr so gut wie keine Veranstaltungen mehr vor Ort statt. Fast alles läuft digital. Aber wie viel bleibt davon nach der Corona-Pandemie?

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wie soll es nach Corona an den Hochschulen weitergehen?

Student am Laptop
Ende des Audiobeitrags

Inzwischen haben sich sowohl Studierende als auch Lehrende an den Online-Unterricht gewöhnt. Auch wenn das keine optimale Lösung ist, die Vorteile wollen die Hochschulen beibehalten, wie sie auf Anfrage dem hr berichteten. Denn auch Studierende stellen sich zunehmend die Frage: Warum soll ich nach der Pandemie noch Montagmorgen um 8 Uhr in einem überfüllten Hörsaal sitzen, wenn ich mir die Vorlesung auch zuhause anschauen kann?

Probleme gibt es aktuell vor allem bei den anstehenden Prüfungen. Denn nicht alle Tests lassen sich online durchführen. Deshalb müssen manche Studierende sich in den kommenden Wochen entscheiden: In einem großen Raum mit 50, 100 oder noch mehr Menschen und einer FFP2-Maske eine Prüfung schreiben oder lieber ein paar Monate warten, in der Hoffnung, dann wieder unter normalen Bedingungen antreten zu können.

So planen folgende hessische Hochschulen für die Zukunft

Justus-Liebig-Universität Gießen

"Wir müssen sobald es geht zum normalen Studium zurückkehren", sagt Uni-Präsident Joybrato Mukherjee. Die rein digitale Lehre zehre an den Nerven der Lehrenden und der Studierenden. Vor allem der soziale Faktor sei ein "riesiger Verlust". Aber trotzdem werde das wohl erstmal so bleiben. Mukherjee rechnet auch noch in den nächsten beiden Semestern mit deutlichen Einschränkungen.

Für die Zeit danach glaubt er, dass die Lust auf das digitale Lernen kleiner sein wird. "Wir werden sehen, dass es nach der Pandemie eine neue Wertschätzung für das Zusammenkommen in Studium und Lehre geben wird." Die ewigen Diskussionen um Anwesenheitspflichten, da ist sich Mukherjee sicher, werden danach erstmal weniger laut geführt.

Goethe-Universität Frankfurt

Konzepte für das digitale Lernen habe die Uni auch schon vor Corona entwickelt, betont Roger Erb, Vizepräsident für Studium und Lehre. Aber manchmal brauche es eben eine Initialzündung wie Corona, um so ein Thema stärker nach vorne zu bringen. Nach der Pandemie soll die Uhr deshalb auch nicht wieder auf 2019 zurückgedreht werden.

"Ein Stichwort ist Blended Learning, also die intelligente Verbindung zwischen virtuellen und Präsensformaten." Wie genau das aussehen wird, weiß Erb aber noch nicht. "Darüber wird zu diskutieren sein." Die Goethe-Uni wolle aber auch in Zukunft auf virtuelle Veranstaltungen setzen, wo der Vorteil einer Präsenzveranstaltung nicht so groß sei.

Hochschule Fulda

"Nach zwei Semestern haben sich die digitalen Formate gut eingespielt", sagt eine Sprecherin der Hochschule. Und auch nach der Pandemie werde "eine ganze Menge übrig bleiben" vom digitalen Lernen. Auf große Hörsaalveranstaltungen will die Hochschule nach Corona aber nicht verzichten.

"Das Digitale kann das Persönliche nur zum Teil ersetzen." Eine Erkenntnis: "Viele Studierende haben signalisiert, dass sie die Online-Lehre als anstrengender empfinden, maßgeblich auch deshalb, weil diese Art des Lernens ihnen mehr Disziplin abverlangt."

Universität Kassel

Sobald es wieder möglich sei, wolle die Uni in größerem Umfang zu Präsenzangeboten zurückkehren, sagt ein Hochschulsprecher. Diese sollen aber mit Digital-Angeboten kombiniert werden, die sich bewährt haben. "Corona ist ein Schub für die digitale Lehre, zeigt aber auch auf, wo Präsenz und persönlicher Austausch auf Dauer nur schwer zu ersetzen sind."

Als Beleg für die erfolgreichen Digital-Angebote wertet die Uni eine für Exzellenz in der Lehre erhaltene Auszeichnung. Im Sommer 2020 wurde ein Team aus den Ingenieurwissenschaften ausgezeichnet, dem es (schon seit Vor-Corona-Zeiten) gelingt, eine Großveranstaltung mit 200 bis 300 Erstsemestern individuell auf die Studierenden zuzuschneiden. 

"Dafür ergänzen sie eine klassische Vorlesung und praxisorientierte Tutorien durch ein umfangreiches begleitendes Online-Angebot", erklärt der Hochschulsprecher.  

Technische Universität Darmstadt

"Die Präsenzuniversität ist nach wie vor das Modell, zu dem wir zurückkehren möchten", teilt die TU Darmstadt mit. Der persönliche Austausch, die spontane Diskussion, aber auch das Engagement auf dem Campus sei ein wichtiger Teil der Lernstrategie. Aber ganz zurück zu der Zeit vor Corona will die TU auch nicht: "Präsenzlehre, die sinnvoll durch digitale Inhalte unterstützt wird und dabei auch den individuellen Lernstrategien der Studierenden Rechnung trägt, hat Zukunft."

Viele Lehrende, die im vorigen Jahr zum ersten Mal die neuen digitalen Formate ausprobiert hätten, würden diese auch weiter nutzen und ausbauen. Das sei vor allem wichtig für die internationalen Studierenden, die aktuell "über den digitalen Weg von überall in der Welt leichtere und attraktive Zugänge zu Studienangeboten der TU Darmstadt" fänden.

Sendung: hr2-kultur, 02.02.2021, 08.15 Uhr