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Audioseite Neue Details zum Vater des Hanau-Attentäters

Ein Mann legt Blumen vor dem Graffito der Ermordeten nieder

Vor zehn Monaten erschütterte ein rassistischer Anschlag Hanau. Nun sorgen neue Details über den Vater des Attentäters für Angst und Fassungslosigkeit.

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hessenschau vom 18.12.2020
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Cetin Gültekin ist fassungslos. "Was muss ich mir noch alles anhören?", fragt der Bruder des getöteten Gökhan Gültekin. Gültekin hat in Ermittlungsakten lesen können, was der Vater des Attentäters des Anschlags vom 19. Februar in den vergangenen zehn Monaten von sich gegeben hat: diverse Anzeigen und Aussagen von Hans-Gerd R.

Auch der hr hat sie einsehen können. Sie lesen sich wirr, sind gespickt mit rassistischen Äußerungen und Verschwörungstheorien - und erinnern an das Pamphlet, das sein Sohn Tobias vor dem Anschlag verfasste und im Internet veröffentlichte. "Er stellt meinen Bruder als Täter dar und seinen Sohn als Opfer", ärgert sich Gültekin.

"Der Vater ist der Geselle und der Sohn war der Lehrling"

Hans-Gerd R. fordert unter anderem, dass alle Gedenkstätten, die an die Opfer des Anschlags erinnern, entfernt werden - Gedenktafeln in Hanau und das riesige Graffiti unter der Frankfurter Friedensbrücke. Der 73-Jährige sieht darin Volksverhetzung. Außerdem behauptet er, ein Geheimdienst habe seinen Sohn getötet. So habe ein Agent als Tobias R. verkleidet die Morde begangen. R. fordert zudem die Waffen und Munition seines Sohnes zurück und will, dass die Internetseite seines Sohnes wieder online geht - die, auf der der sein Pamphlet veröffentlicht hatte.

Tickt der Vater des Attentäters ähnlich wie der Sohn? "Der Vater ist der Geselle und der Sohn war der Lehrling", formuliert es Cetin Gültekin. Andere Angehörige der Opfer äußern sich ähnlich: "Es steht schwarz auf weiß, dass er eine tickende Zeitbombe ist", sagt Filip Goman, Vater der getöteten Mercedes Kierpacz.

OB Kaminsky: "Ich bin selbst auch beunruhigt"

Hans-Gerd R. hat nach dem Anschlag am 19. Februar mehrere Strafanzeigen erstattet - zum Beispiel an Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD). Unter anderem, weil der den vielzitierten Satz sagte: "Die Opfer waren keine Fremden." Kaminsky bestätigt, dass es mehrere Anzeigen von R. gegen ihn gegeben habe. "Dass das, was der Vater von sich gibt, die Menschen beunruhigt, beunruhigen muss, versteht sich von selbst", erklärt er. "Ich bin selbst auch beunruhigt."

Kaminsky hat deshalb das Gespräch mit dem Polizeipräsidenten des zuständigen Polizeipräsidiums Südosthessen gesucht. "Jetzt muss von polizeilicher Seite gehandelt werden", sagt der Oberbürgermeister. "Es muss Klarheit geschaffen werden, wie man denn gedenkt, mit dieser Situation umzugehen."

Vater gilt weiter nur als Zeuge

Sicher ist nur: Hans-Gerd R. gilt trotz allem nach wie vor nur als Zeuge. Die zuständige Bundesanwaltschaft teilt mit: "Zureichende tatsächliche Anhaltspunkte, die gegen ihn einen Anfangsverdacht begründen könnten, haben die Ermittlungen nicht ergeben."

Die Angehörigen der Opfer sind schockiert. Sie haben Angst. Cetin Gültekin ist deshalb aus dem Stadtteil Kesselstadt weggezogen. Andere leben nach wie vor in direkter Nachbarschaft zum Haus des Attentäters und seines Vaters.

"Wenn ich nach Hause gehe und auch, wenn ich zu Hause bin, da lebe ich nur in Angst", sagt Pieter Minnemann. Er hat den Anschlag am 19. Februar überlebt und fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen: "Wie soll ich mich noch sicher fühlen?"

Kundgebung am Samstag

"Es ist einfach nur eine Wiederholung von dem, was passiert ist", erinnert Minnemann daran, dass sich auch Tobias R. vor dem Anschlag mehrfach an Behörden gewendet hatte, die gegen ihn aber nicht ermittelten. Damals sei nicht klar gewesen, wie R. ticke. "Dieses Mal wissen wir es, und es wird trotzdem einfach nur zugesehen."  

Minnemann, Gültekin, Goman und die anderen Überlebenden und Angehörigen fordern Konsequenzen. Sie wollen nicht einfach tatenlos zusehen. Am Samstag wollen sie deshalb mit einer Kundgebung vor der Hanauer Polizeistation in der Innenstadt auf ihre Sorgen und Ängste aufmerksam machen. Genau zehn Monate nach dem Anschlag.

Sendung: hr-iNFO, 18.12.2020, 16.15 Uhr