Eine alte Frau sitzt auf einer Pferdefigur in einem Kinderkarussell.

Darf man am Totenbett lachen? Unbedingt, sagt Elke Hohmann im Interview. Sie ist Leiterin der Deutschen PalliativStiftung, die einen Kalender mit dem Motto "Wer zuletzt lacht…" herausgebracht hat.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Elke Hohmann: "Wie viel Freude noch da sein kann!"

Elke Hohmann, Geschäftsführerin der Deutschen PalliativStiftung.
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hessenschau.de: Frau Hohmann, die letzten Kalender der PalliativStiftung hatten Themen wie "Licht- und Schattenseiten", "Lieben bis zuletzt" oder auch "Würde am Lebensende". Alles Themen, die man klassischerweise mit Sterben verbindet. Nun geht es um Humor – warum?

Elke Hohmann: Weil wir das Leben bis zuletzt lebenswert gestalten wollen. Die letzte Lebenszeit muss nicht unbedingt von Depressionen, Trauer und Trübsinn begleitet sein – was man sehr gut an den Fotos sehen kann. Die Bilder zeigen, wie viel Freude noch da sein kann, auch in dem Wissen, dass der Tod vielleicht gar nicht mehr so weit weg ist.

hessenschau.de:  Hat Sterben also auch eine lustige Seite?

Hohmann: Auf jeden Fall gibt es Situationskomik, das ist ganz klar. Und ja, es kann auch lustig sein. Ich höre immer wieder von Menschen, die Sterbende begleiten, dass sehr viel gelacht wird und dass man durchaus noch zu Scherzen aufgelegt ist.

hessenschau.de: Auf den Bildern sind immer wieder fröhliche Menschen zu sehen, die inzwischen tot sind. Darunter auch kleine Kinder. Bleibt einem da nicht manchmal das Essen im Hals stecken, wenn so ein Bild über dem Frühstückstisch hängt?

Hohmann: Wir Menschen verdrängen unsere eigene Endlichkeit gerne, das ist auch gut so. Aber wenn man sich damit mal ein wenig auseinandergesetzt hat, kann das Thema auch leichter werden. Wir möchten Menschen ermutigen, mit dem Kalender und den Fotos, die am Frühstückstisch vielleicht eine Zumutung sind, sich dieser Endlichkeit bewusst zu werden. Früher sind die Menschen zuhause verstorben. Schon Kinder waren mit dem Tod konfrontiert, das war etwas Natürliches. Aber leider ist das Sterben immer mehr aus dem häuslichen Bereich verdrängt worden in das Krankenhaus, dadurch fehlen uns diese Erfahrungen.

Ein lachender Junge sitzt vor einer grünen Wand mit einer Eulenabbildung.

hessenschau.de: Warum ist es denn wichtig, diese nicht angenehmen Erfahrungen trotzdem zu machen?

Hohmann: Weil das Thema uns alle betrifft. Es gibt den Spruch: "Keiner kommt lebend hier raus." Es ist wichtig, sich klar zu werden: Wie möchte ich meine letzte Zeit verbringen, wie selbstbestimmt kann und will ich da sein? Stichwort Patientenverfügung: Immer wieder sagen Menschen, sie wollen am Ende unbedingt palliativ versorgt werden – aber sie wissen nicht, dass die Ärzte das dann schriftlich brauchen. Diese Aufklärungsarbeit ist uns ein großes Anliegen.

hessenschau.de: Manche Bilder im Kalender sind im Rahmen von großen, "letzten" Unternehmungen entstanden – ein Ausflug ans Meer, ein Besuch im Disneyland. Wie sinnvoll können solche Ausflüge für die Patienten und ihre Angehörigen sein?

Hohmann: Ich denke, in erster Linie geht es bei so etwas darum, dass die Menschen sich gehört fühlen. Die Reise ans Meer ist ja der Klassiker. Ich glaube, auch ich würde das toll finden, so etwas nochmal zu erleben mit meiner Familie, weil wir schon viele tolle Ferien an der Ostsee verbracht haben. Ich kann den Wunsch daher sehr gut nachvollziehen, das nochmal in der Gemeinschaft erleben zu wollen.

hessenschau.de: Die Situation kann dadurch aber auch emotional ziemlich aufgeladen werden.

Hohmann: Ja, häufig sind dann auch ehrenamtliche Hospizbegleiter dabei, also Profis, die wissen, wie man damit umgeht. Aber natürlich ist das hochemotional, und alle Beteiligten müssen sich darüber klar werden, ob sie sich dem aussetzen möchten und ob es ihnen gut tut.

hessenschau.de: Die Bilder für den Kalender stammen aus Ihrem Fotowettbewerb, der jedes Jahr stattfindet. Wer macht denn da so mit?

Hohmann: Da ist wirklich alles dabei, wir haben Bilder von Profi-Fotografen, aber auch Schnappschüsse von Angehörigen oder Pflegern. In unserem ersten Kalender war ein Foto von einem schmiedeeisernen Schloss an einem Friedhofstor, voller Eiskristalle. Es stellte sich heraus, dass eine ältere Dame das Foto gemacht hat, mit einem Handy, das sie kurz zuvor bekommen hatte. Einfach so, ohne es auszurichten, draufgehalten und ausgelöst - und es ist ein ganz wunderbares Foto geworden.

hessenschau.de: Oft ist auch die Familie auf den Fotos – Eltern mit ihrem Kind, Kinder mit ihrer Mutter, ein Mann mit seiner Frau… Für wen ist Humor in diesen Situationen wichtiger – die Patienten oder die Angehörigen?

Hohmann: Ich würde sagen für beide Seiten. Das Unausweichliche naht ja, alle Beteiligten wissen, dass die Zeit endlich ist. Vieles reduziert sich auf das Wesentliche. Da kann durchaus nochmal eine gewisse Leichtigkeit ins Zusammensein kommen. Und wenn man sich erlaubt, das zuzulassen, kann da auch durchaus Freude sein, Humor, Spaß, Witz, Schalk… Was auch immer.

hessenschau.de: Haben Sie einen Tipp für Menschen, wie man in diesen schwierigen Situationen gemeinsam zu mehr Humor kommt? Da gibt es sicher auch viel Scheu und Vorsicht.

Eine alte Frau blickt verschmitzt in die Kamera, ein Häkeldeckchen auf dem Kopf.

Hohmann: Das ist schwierig. Ich möchte mir nicht anmaßen, zu sagen: Leute, gebt Euch mal ein bisschen Mühe und dann wird hier alles ganz easy. Es gibt tragische Momente, traurige, hochemotionale – und manchmal eben lustige. Das kann man natürlich nicht erzwingen. Aufzeigen wollen wir nur, dass es durchaus lustig sein kann und auch sein darf. Denn das ist ja oft die Frage: Darf man am Totenbett lachen oder sich freuen, und wie passt das zusammen?

hessenschau.de: Gibt es eines der 13 Bilder im Kalender, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Hohmann: Ja, mich spricht das vom Monat November sehr an – eine Dame, die schon einige Monate im Hospiz wohnt. Sie scheint sehr betagt zu sein, man sieht auch, dass sie keine Zähne mehr im Mund hat, sie ist ganz faltig und wohl auch sehr schwach. Aber ihr guckt der Schalk so aus den Augen! Ich finde es ganz wunderschön, wenn man sich dieses Lebensbejahende bis zum Schluss behalten kann.

Die Fragen stellte Bodo Weissenborn.

Weitere Informationen

Palliativmedizin und Stiftung

Menschen palliativ zu behandeln bedeutet, sie bei weit fortgeschrittener Erkrankung und beim Sterben zu begleiten: Es wird nicht versucht, die Krankheit noch zu heilen, sondern Symptome und Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Die Deutsche PalliativStiftung wurde 2010 mit Sitz in Fulda gegründet. Sie hat das Ziel, den Hospiz- und Palliativgedanken zu verbreiten und jedem Menschen einen Zugang zu palliativer Begleitung zu ermöglichen. Der Palliativkalender kann auf der Seite der Stiftung kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden (PDF). Die Fotos sind auch bis zum 29. November im Stadtschloss Fulda ausgestellt.

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Sendung: hr4, die hessenschau für Nord- und Osthessen, 12.11.2019, 14.30 Uhr