Kein Weihnachtsbesuch bei den Großeltern - für viele Kinder und Enkelkinder ist das echt hart. Doch was denken Oma und Opa selbst? Wie haben sie die vergangenen Monate erlebt? Wie blicken sie auf Weihnachten?

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zum Video Leben im Altenheim während der Corona-Pandemie

hessenschau 20.12.2020 Beiträge Thumbnails
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Weihnachten steht vor der Tür. Aber dieses Jahr ist vieles anders, Familientreffen können wegen der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden. Zehntausende alte Menschen bleiben in ihren Altenheimen unter sich - wie auch schon die meiste Zeit der vergangenen Monate. Vielerorts ist die Lage mehr als angespannt. Hier erzählen vier Seniorinnen und Senioren aus dem Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg (Schwalm-Eder), wie sie Corona, Einsamkeit, Hoffnung und trotz allem auch einen geregelten, guten Alltag erleben.

Arthur Nachtigall, 80 Jahre alt

"Meine Frau und ich waren selbst betroffen", erzählt Arthur Nachtigall, der gemeinsam mit seiner Partnerin seit zwei Jahren im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg (Schwalm-Eder) wohnt. "Es war schon bedrückend, als man nicht aus der Wohnung raus durfte, aber man war hier nicht isoliert und das tat gut - dieses Erleben von Gemeinschaft und Fürsorge", erinnert er sich an die Zeit der Quarantäne. Er wirkt froh und dankbar, alles ohne Folgeschäden überstanden zu haben. Seine Augen strahlen, wenn er erzählt. Er lächelt. Es gehe ihm gut, sagt er. Er genieße es, an die frische Luft zu gehen und wandern zu gehen.

Arthur Nachtigall

Vielleicht ist das eine gute Ablenkung für den ehemaligen Pastor, denn die Adventszeit ist für ihn "nicht so leicht". "Wenn ich so an die Gottesdienste denke, da war es mir immer eine Freude, kräftig mitzusingen! Und jetzt? Man hat die Maske im Gesicht, man darf nicht singen, aber man kann im Herzen ein bisschen mitsummen."

Vielleicht habe das alles auch seine gute Seite, meint der Rentner. Denn wenn man so über den Wert von Weihnachten nachdenke, werde einem doch schnell bewusst, dass es nicht um die Geschenke gehe. Die Gemeinschaft fehle ihm. Er hat beschlossen, seine Kinder nicht, wie sonst, in Hamburg zu treffen, aber: "Wir glauben, dass es auch wieder bessere Zeiten geben wird."

Renate Schmitt, 83 Jahre alt

"Ich habe den Eindruck, dass eine Zufriedenheit herrscht. Natürlich sind alle traurig, dass wenig Besuch kommt, aber allein gelassen wird niemand", beschreibt Renate Schmitt die Stimmung im Altenheim. Sie lebt seit Oktober 2019 in der Einrichtung und fühlt sich wohl - trotz Pandemie, deren Folgen sie immer noch spürt. "Ich durfte ja nicht mal auf den Gang raus", erinnert sie sich an die erste Welle, in der es einige Infizierte und auch Tote im Altenzentrum gab. Durch die fehlende Bewegung habe sie Probleme mit den Gelenken bekommen.

Renate Schmitt

Und doch strahlt auch sie eine beeindruckende Gelassenheit aus, wenn sie darüber spricht, wie Corona ihren Alltag beeinflusst. "Langweilig wird mir nicht! Ich habe meinen Laptop, meinen Drucker, Whatsapp, Kreuzworträtsel, Bücher und Freundinnen, mit denen ich spazieren gehe, oder telefoniere." Sie selbst habe keine Familie und sich mit dem Allein-Sein gut arrangiert, sagt sie.

Für die anderen im Heim tue es ihr aber leid, dass Weihnachten dieses Jahr nur im kleinen Kreis gefeiert werden könne. Um die Krise mental gut zu überstehen, müsse man "einfach Vetrauen haben, dass die Wissenschaft gut vorankommt im Kampf gegen das Virus." Vor allem die Jugend solle an dem Gedanken festhalten, dass sie eine Zukunft habe. Renate Schmitt jedenfalls glaubt fest dran, dass bald alles besser wird.

Manfred Schmidt, 79 Jahre alt

Auch Manfred Schmidt war mit dem Virus infiziert. "Angst in dem Sinne, hatte ich nicht. Man ist ja ärztlich versorgt worden", erinnert sich der Senior. Doch spurlos sei das Virus nicht an ihm vorbeigegangen. Weil sich der Gesundheitszustand seiner Frau aufgrund fehlender Therapiemöglichkeiten im ersten Lockdown stark verschlechtert habe, habe er das gemeinsame Leben mit ihr aufgeben und sie in die stationäre Pflege geben müssen.

Manfred Schmidt

"Ich bin ein positiv eingestellter Mensch und ich sage, ich kann die Situation durch Jammern nicht verbessern", sagt der ehemalige Betriebsratsvorsitzende. "Gut, hin und wieder geht's einem schon so, dass man gern jemanden zusätzlich zu Besuch hätte, oder das ein oder andere Fest gern gefeiert hätte", gibt er zu. Ein Grund wütend zu werden, sei das aber nicht. Manchmal gebe es einfach Wichtigeres, als große Feste: "Ich habe alle Besuche gecancelled. Ich möchte einfach nicht, dass einer meiner Angehörigen das Virus hier reinträgt. Und solange wir da nicht flächendeckend Schutz haben, müssen wir halt drauf verzichten mit 13 Mann Weihnachten zu feiern."

Inge Hahn, 89 Jahre alt

An das Leben im Heim hat sie sich nur schwer gewöhnt. Als Inge Hahn Anfang des Jahres nach einem Krankenhausaufenthalt ins Eben-Ezer Altenzentrum kam, war gerade Quarantäne angesagt. "Das war nicht so sehr schön", beschreibt sie das Gefühl und der Eindruck entsteht, dass das noch zurückhaltend formuliert ist.

Inge Hahn

Die Seniorin hat in den vergangenen Monaten viel gelesen, sich weggeträumt in bessere Zeiten und an ferne Orte. Früher sei sie viel gereist und unterwegs gewesen, schwelgt sie in Erinnerungen. Heute hingegen "hat man sich ja kaum noch was zu erzählen. Man erlebt ja nichts!" Gelassenheit sei das Gebot der Stunde. "Ich denke, ich bin so alt geworden. Was soll da noch passieren? Ich hab da überhaupt keine Sorgen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.12.2020, 19.30 Uhr