Corona-Patienten kommen im Notfall auf die Intensivstation und werden künstlich beatmet. Das will aber nicht jeder. Die Deutsche Palliativstiftung in Fulda hat ein Ampelsystem entwickelt, das dem Notarzt schnelle Orientierung gibt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Schnelle Hilfe: Die Patientenverfügung als Ampel

Thomas Sitte, Palliativstiftung
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Thomas Sitte ist Arzt in Fulda und Mitglied der Deutschen Palliativstiftung. Er betreut seit Jahrzehnten Menschen in Alten- und Pflegeheimen. "Viele von ihnen wollen nicht an Maschinen auf der Intensivstation angeschlossen werden, wenn sie schwer krank sind", sagt er. Das gilt auch für den Fall einer Corona-Erkrankung. Viele Patienten könnten sich jedoch nicht mehr verständlich machen, weil sie zum Beispiel dement sind.

Die Patientenverfügung: ein Kauderwelsch

Für diesen Fall ist die so genannte Patientenverfügung gedacht, ein mehrseitiges Formular, das der Patient ausfüllen und unterschreiben muss. Doch selbst Ärzte haben manchmal ihre liebe Not, diese Verfügung zu verstehen, denn sie ist lang und kompliziert.

"Juristenkauderwelsch" nennt das Hausarzt Uwe Popert aus Kassel. Auch er ärgert sich über die Patientenverfügungen. Außerdem lägen sie häufig versteckt irgendwo in der Wohnung. "Sie erst zu suchen, dauert im Notfall zu lange, denn dann muss der Notarzt schnell entscheiden: Kommt der Patient ins Krankenhaus oder will er das gar nicht?" Ein schwere Frage. Im Zweifel heißt es: auf die Intensivstation.

Eine Ampel am Bett

Damit Ärzte auf den ersten Blick erkennen, was der Patient will, hat die Deutsche Palliativstiftung ein kurzes, einfaches Formular entworfen. Es ist ganz leicht zu verstehen, denn auf ihm ist eine Ampel zu sehen.

  • Rot: Ich will auf keinen Fall ins Krankenhaus. Bitte geben Sie mir nur schmerzstillende Mittel oder Medikamente gegen Angst, Atemnot und Übelkeit.
  • Gelb: Bringen Sie mich nur dann ins Krankenhaus, wenn ich gute Chancen habe, zu überleben und gesund zu werden.
  • Grün: Ja, ich will auf jeden Fall ins Krankenhaus, Intensivstation, auch künstliche Beatmung ist von mir gewünscht, auch wenn ich nicht wieder gesund werde.

Thomas Sitte aus Fulda hat sie mit entworfen. Diese Ampel hängt zum Beispiel am Bett des Patienten oder an dessen Zimmertür im Alten- und Pflegeheim. Der Notarzt kann also blitzschnell sehen, was sein Patient im Notfall wirklich will. Jeder kann es auf der Seite der Deutschen Palliativstiftung herunterladen.

Arzt oder Betreuer unterschreiben die Ampel

Besonders jetzt zu Corona-Zeiten kann die Palliativampel helfen, denn in Alten- und Pflegeheimen sind viele von dem Virus betroffen. "Wenn Schwerkranke eine Lungenentzündung bekommen, wollen sie oft einfach nur friedlich in den eigenen vier Wänden bleiben, bloß nicht ins Krankenhaus", sagt Sitte. "Durch Schmerzmittel und Medikamente gegen Übelkeit und Atemnot müssen sie nicht leiden."

Durch die Palliativampel können diese Patienten jetzt ganz klar zeigen, was sie wollen. Das Formular wird zum Beispiel von einem Hausarzt unterschrieben. Hat der Patient einen gesetzlichen Betreuer, füllt dieser die Ampel aus und schreibt auch seinen Namen auf das Formular.

Die Ampel ist schon im Einsatz - ist aber kein Ersatz

Ein Ersatz für die herkömmliche Patientenverfügung ist die Ampel allerdings nicht, denn Gerichte akzeptieren nur das herkömmliche lange, komplizierte Formular. Die Palliativampel ist aber die Kurz-Fassung der Patientenverfügung und damit ein wichtiger und eindeutiger Hinweis für den Notarzt - auf den ersten Blick verständlich, gerade auch im Noteinsatz, wenn alles ganz schnell gehen muss.

Thomas Sitte empfiehlt sie seinen Patienten, ebenso tun dies 20 Pflegeheime im Landkreis Fulda, die die Ampel in den vergangenen Monaten ausprobiert haben. Die Pfleger in den Heimen würden mit den Heimbewohnern und ihren Angehörigen sprechen, ihnen die Ampel vorstellen und erklären. "Das kommt gut an", sagt der Palliativmediziner.

Dabei hatte die Deutsche Palliativstiftung schon vor zwei Jahren die Idee für das einfache Ampel-Formular, also lange vor Corona. Aber jetzt steige die Nachfrage nach der Palliativ-Ampel rasant, und zwar bundesweit, sagt Thomas Sitte nicht ohne Stolz.

Sendung: hr4, 20.04.2020, 6.30 Uhr