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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Petition will Lehrpläne umschreiben

Ein Mädchen meldet sich im Schulunterricht.

Veraltete Lehrbücher voller Stereotype, rassistische Sprüche im Alltag - um Diskriminierung bereits an der Schule entgegenzuwirken, fordert eine Petition, im Unterricht stärker auf Rassismus und die deutsche Kolonialgeschichte einzugehen. Das Kultusministerium hält davon wenig.

Frankfurt, Kassel, Offenbach, Fulda – in ganz Hessen sind nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt tausende Menschen auf die Straße gegangen, um sich mit People of Colour zu solidarisieren. Sie wollen zeigen, dass Rassismus kein amerikanisches Problem ist, sondern dass er auch in Hessen stattfindet – und das täglich, an der eigenen Arbeitsstelle, der eigenen Schule.

Gerade an Schulen müsse deutlich mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden, fordern Saba Hussein und David Duda. Die Studierenden aus Fulda und Darmstadt setzen sich mit einer Online-Petition dafür ein, dass Rassismus und die deutsche Kolonialgeschichte im Unterricht verstärkt besprochen werden - und zwar fächerübergreifend und über alle Jahrgangsstufen und Schulformen hinweg.

Rassismus fortlaufend statt punktuell thematisieren

"Kolonialgeschichte wird ja schon angeschnitten und Rassismus hier und da in Projektwochen behandelt", sagt Saba Hussein. "Aber es ist wichtig, dass das fortlaufend thematisiert wird, weil es sonst schnell wieder zu Hass kommt."

Zwar findet sich der Kolonialismus im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg auf allen Lehrplänen der neunten Klassen im Fach Geschichte. Was dabei klassischerweise thematisiert wird, ist aber weniger die Perspektive der afrikanischen Länder oder gar die Völkerschauen, bei denen Menschen aus fernen Ländern in Deutschland wie Zootiere gehalten und vorgeführt wurden.

Stattdessen ist im Kerncurriculum vom "Wettlauf der europäischen Mächte um den Platz an der Sonne" die Rede, sowie von den Spannungen zwischen den westlichen Staaten, die letztlich im Ersten Weltkrieg resultierten. Lediglich im Geschichtsleistungskurs soll eine "vertiefende Auseinandersetzung" mit den Auswirkungen auf die kolonialisierten Gebiete verpflichtend stattfinden.

84.000 Unterstützer aus ganz Deutschland

Den Petitionsstellern reicht das nicht. "Der Umgang der Schulen mit der deutschen Kolonialgeschichte ist nicht völlig falsch, aber ich denke, da fehlt einfach einiges", sagt Saba Hussein. Natürlich könne der Lehrer eine Definition für Rassismus an die Tafel schreiben. "Aber es geht ja darum: Wie ist das überhaupt entstanden, was ist historisch passiert?"

Auch im Kunstunterricht könne man diverse Bilder malen oder besprechen, im Literaturunterricht mehr Werke von People of Colour lesen – das sind nur einige Anregungen aus der Petition, der sich Stand Dienstagabend 84.000 Unterstützer aus ganz Deutschland angeschlossen haben.

"Spiel doch mal den schwarzen Mann"

Sie selbst habe sich in der Schule oft unerwünscht gefühlt, erzählt die 30-jährige Afrodeutsche Hussein. Beispielsweise in der sechsten Klasse, als der Biologielehrer sie nur "die Farbige" nannte, oder im Sportunterricht, wenn es hieß, "spiel du doch mal den schwarzen Mann". Zwar habe sie viel Rückhalt durch Mitschülerinnen und auch einen Teil der Lehrer erfahren. "Aber wenn man dann niemanden hat, der einen unterstützt, geht man daran kaputt."

Bereits in den Kitas könne man anfangen und Kinder spielerisch an das Thema heranführen, sagt Mit-Organisator David Duda. Etwa mit Bilderbüchern, die den Kindern zeigen würden, dass die Hautfarbe der anderen Kinder keine Rolle spiele.

Als weißer Deutscher, der selbst keine rassistischen Erfahrungen gemacht habe, sei er bislang immer zurückhaltend gewesen. "Aber silence ist violence (Schweigen ist auch Gewalt, Anm. der Red.), deshalb sollte man auch als Nicht-Betroffener seine Stimme nutzen und sich gegen Rassismus einsetzen."

"Jede Schule hat ein Problem mit Rassismus"

Mit ihrer Forderung nach mehr Aufklärung an Schulen stehen David Duda und Saba Hussein nicht alleine da. In dreizehn anderen Bundesländern gibt es ähnliche Petitionen. Und eine Vertreterin der Bildungsstätte Anne Frank forderte anlässlich des Lübcke-Prozesses sogar, ein eigenes Schulfach für Präventionsarbeit einzuführen.

"Jede Schule hat ein Problem mit Rassismus", sagt Saba-Nur Cheema, die Leiterin der Bildungsabteilung der Frankfurter Einrichtung. Wer das leugne, sei Teil des Problems. "Die Gesellschaft ist von Ungleichheitsideologien durchdrungen. Es gibt keinen Lebensbereich, in dem Rassismus nicht stattfindet."

Darüber müssten neben den Schülern aber auch die Lehrkräfte besser aufgeklärt werden, am besten bereits im Studium: "Die bisherigen Angebote für Lehrkräfte sind freiwillig. Das ist ein Fehler, denn das Thema betrifft alle."

Kultusministerium hält Lehrplan-Änderung nicht für notwendig

Dass Ausgrenzung nicht vor Sporthalle oder Chemieraum Halt mache, hatte auch Kultusminister Alexander Lorz (CDU) betont, als er im vergangenen Jahr einen Leitfaden für Lehrkräfte vorstellte. Auf 125 Seiten raten Experten darin, wie die Schulen pädagogisch mit Rassismus, Diskriminierung oder Mobbing umgehen können. In einem "Lotsen"-Projekt werden überdies hessenweit Lehrer und Sozialarbeiter geschult, und es gibt eine Reihe weiterer Projekte, die sich an Lehrer und Schüler richten.

Die Teilnahme hängt letztendlich aber vom Engagement der einzelnen Lehrkräfte und Schulen ab, verpflichtende Schulungen gibt es nicht. Eine Änderung der Kerncurricula, wie in der Petition gefordert, sei über die bestehenden Unterrichtsinhalte und freiwilligen Angebote hinaus nicht nötig, teilte das Kultusministerium auf hr-Anfrage mit.

Das Land und die Schulen würden den Themen Rassismus und Kolonialismus bereits eine hohe Relevanz beimessen und sich den Themen auf vielfältige Weise widmen. Überdies wäre eine Änderung der Lehrpläne ein "langwieriger Weg".

Kaum Studien zu Rassismus an Schulen

Dass Rassismus an den Schulen derweil kein aussterbendes Problem ist, zeigt eine Studie der Universität Mannheim von 2018. 200 Lehramtsstudierende sollten einen identischen Diktattext bewerten, der einmal mit "Max" und einmal mit "Murat" unterschrieben war. Obwohl sie bei beiden dieselben Fehler anstrichen, benoteten sie "Murat" im Schnitt deutlich schlechter.

Studien zu Rassismus an Schulen sind darüber hinaus rar gesät und oft wenig aussagekräftig, für Hessen liegen aus den vergangenen Jahren überhaupt keine Erkenntnisse vor. Auch das zeige, dass die Betroffenen noch viel zu selten zu Wort kämen, sagt Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank. "Ob Walter Lübcke in Deutschland oder George Floyd in den USA – bisher musste immer erst jemand sterben, damit Rassismus auf die Agenda kam."

Sendung: hr-iNFO, 08.07.2020, 8.30 Uhr

Ihre Kommentare Sollte an Schulen mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden?

3 Kommentare

  • Anscheinend legen Sie bei Ihren Recherchen die Inhalte der alten hessischen Lehrpläne zugrunde. Es gibt seit dem Jahr 2011 jedoch keine Lehrpläne mehr, sondern die Grundlage für den Unterricht ist das hessische Kerncurriculum (Bildungsstandards und Inhaltsfelder) für die Sekundarstufe I; seit dem Jahr 2016 gibt es das Kerncurriculum für die gymnasiale Oberstufe. Das Thema "Kolonialismus" ist bereits im hessischen Kerncurriculum Geschichte für die Sekundarstufe I verankert - und zwar unter der sogenannten "Basisnarrativen" bzw. Epochenbezügen Es wird im Kerncurriculum ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese verbindlich zu unterrichten sind - und dies gilt schulformübergreifend. Ein entsprechendes Themenfeld existiert für den Grund- und Leistungskurs in der gymnasialen Oberstufe. Bitte recherchieren Sie gründlicher!

  • Auf jeden Fall muss die Kolonialzeit und der Reichtum der sich darauf begründete , sowohl in den arabischen und dann besonders in den europäischen Ländern explizit thematisiert werden. Sehr gute Dokumentationen, wie auf Arte, können die Vorlage sein, was vermittelt werden muss. Das wird den Kindern die Augen öffnen, wenn es denn politisch gewollt ist, woran ich zweifele.

  • Mehr Aufklärungsarbeit ist gut, aber nicht nur an Schulen.
    Die Erziehung fängt zu Hause an!
    Man kann das Problem, nicht immer nur auf andere abwälzen.
    Und Rassismus betrifft alle Bevölkerungsgruppen, nicht nur die Deutschen.