Antonia Quell aus Fulda hat eine Petition gegen Catcalling gestartet

Für ihre Petition zu Strafen für verbale sexuelle Belästigung sammelte eine Studentin aus Fulda 70.000 Unterschriften. Im Interview zeigt sie sich überzeugt, dass sexistische Sprüche bald nicht mehr als Kavaliersdelikt durchgehen.

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Studentin: Verbale sexuelle Belästigung soll strafbar werden

Mit einer Kreideaufschrift wird auf einer Straße auf verbale sexuelle Belästigung (Catcalling) hingewiesen.
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"Hey Süße, geiler Arsch! Wollen wir ficken?" Solche miesen Sprüche sind Antonia Quell ein Graus. Die Fuldaer Studentin hat deswegen vor mehr als einem Jahr eine viel beachtete Petition angestoßen. Die 21-Jährige wollte damit auf den nachlässigen Umgang mit verbaler sexueller Belästigung in Deutschland hinweisen. Quell will erreichen, dass dieses sogenannte Catcalling strafrechtlich verfolgt wird.

hessenschau.de: Frau Quell, weltweit berichten vorwiegend junge Frauen auf Instagram über sexualisierte Anfeindungen. Ihre Petition hat knapp 70.000 Unterstützer gefunden. Es gab mehr als 16.000 Kommentare auf der Seite von Open Petition. Wie bewerten Sie das?

Antonia Quell: Dafür, dass es so viele Menschen betrifft, sind 70.000 eigentlich wenig. Aber ich bin dennoch zufrieden. Das Ziel, 50.000 Unterstützende zu gewinnen, wurde deutlich übertroffen.

hessenschau.de: Dürfen Sie Ihr Anliegen nun im Petitionsausschuss des Bundestages vortragen?

Antonia Quell: Nein. Weil wir die Initiative nicht auf der Seite des Bundestags gestartet haben, hat unser Ergebnis von 70.000 Unterstützern keine Wirkmacht oder Konsequenz.

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Catcalling

Damit ist eine verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum gemeint. Betroffen sind meist junge Frauen, treffen kann es aber alle in Form von Nachrufen, Pfiffen, Kussgeräuschen, anzüglichen Bemerkungen, Blicken oder Verfolgtwerden. Bei Catcalling (wörtlich "Katzen rufen") handelt sich allerdings nicht um einen eindeutig definierten Begriff, sondern um eine umgangssprachliche Bezeichnung.

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hessenschau.de: Hat die Petition dennoch etwas bewirkt?

Antonia Quell: Auf jeden Fall. Wir haben zwar noch keinen Straftatbestand für verbale sexuelle Belästigung wie etwa in Frankreich. Aber wir haben auf gesellschaftspolitischer Ebene viel erreicht. Auf Social Media war das Thema schon länger präsent, nun haben wir es darüber hinaus auf die Agenda gebracht. Mehr Menschen beschäftigen sich nun mit dem Phänomen. Vielleicht hinterfragt auch der eine oder andere seine Haltung dazu.

hessenschau.de: Sie haben nun die Hoffnung, dass es weniger verbale sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit gibt?

Antonia Quell: Das hoffe ich. Dass es aber wegen der Petition so kommt, wage ich zu bezweifeln. Es ist halt ein mühsamer Prozess, eine Gesetzesänderung anzustoßen und dafür zu sorgen, dass sich vor allem Mädchen und junge Frauen sicherer fühlen können. Weite Teile der Gesellschaft müssen sich erst mal des Problems bewusst werden. Wir müssen viel mehr Menschen auf dem Weg abholen und mitnehmen.

Antonia Quell Initiatorin von Petition gegen verbale sexuelle Belästigung

hessenschau.de: Welche Chancen sehen Sie, dass verbale sexuelle Belästigung unter Strafe gestellt wird?

Antonia Quell: Da sehe ich gute Chancen - wenn nicht in Kürze, dann wird es eben in ein paar Jahren passieren. Wir haben bereits den Straftatbestand der Beleidigung und der sexuellen Belästigung. Letzteres ist aber merkwürdigerweise erst gegeben, wenn es auch mit Körperkontakt einhergeht. Aber auch Worte können nachhaltigen Schaden anrichten. Im Arbeitsrecht kann auch verbale sexuelle Belästigung ein Kündigungsgrund sein. Da ist die Abgrenzung also auch möglich.

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Studie gefordert

Der Deutsche Juristinnenbund (djb) fordert in einer Stellungnahme zum Thema empirische Studien, die sexuelle Belästigung außerhalb des Arbeitslebens untersuchen. Es handele sich "um eine Form der diskriminierenden Beleidigung, für die gesetzgeberisch erwogen werden sollte, eine qualifizierende Strafverschärfung ähnlich der tätlichen Beleidigung einzuführen".

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hessenschau.de: Welche Folgen - körperlich und psychisch - kann verbale sexuelle Belästigung haben?

Antonia Quell: Mir wird häufig vorgeworfen, dass ich eine Moralpolitik propagiere. Aber verbale sexuelle Belästigung ist keine Stilfrage. Sie kann nachweislich zu körperlichem Leid führen. Es gibt Studien, in denen die Rede ist von Anzeichen von Depressionen, Essstörungen und Körperscham. Man muss sich klarmachen: Diese Sprüche sind keine Komplimente, sondern anmaßende Übergriffe. Es geht auch um Macht von Männern über Frauen.

hessenschau.de: Welche Akteure und Parteien konnten Sie für das Anliegen gewinnen? Und wie geht es jetzt weiter?

Antonia Quell: Die SPD als stärkste Regierungsfraktion geht dem Thema nach. Ich stehe in Kontakt mit dem Bundestagsabgeordneten Johannes Fechner (Justiziar und parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, Anm. d. Red.). Er wird mit den beiden anderen Regierungsparteien von Grünen und FDP sprechen. Bis zum Frühjahr soll es Ergebnisse geben.

hessenschau.de: Sie sagen, Sie wollen den Menschen nicht das Flirten verbieten. Wo sind für Sie Grenzen überschritten?

Antonia Quell: Ich möchte nicht den Flirt-Coach machen. Aber die Abgrenzung zu erkennen, ist in der Tat sehr wichtig. Was einvernehmlich und nicht aufgezwungen ist, kann keine Belästigung sein. Und was keinen sexuellen Bezug hat, kann nicht in sexueller Belästigung ausarten.

hessenschau.de: Sie sprechen auch von sexueller Selbstbestimmung.

Antonia Quell: Das heißt: Ich kann selbst entscheiden, wann und wo ich wie mit wem in sexuellen Kontakt treten möchte. Wenn mir dieses Recht genommen wird und ich in ein sexuell aufgeladenes Gespräch verwickelt werde, ist die Grenze überschritten.

hessenschau.de: Wie soll verbale sexuelle Belästigung im Alltag oder auf der Straße festgestellt, dokumentiert und später geahndet werden?

Antonia Quell: Das ist das Problem: Willkommen im Leben einer Frau! Da braucht es viel Zivilcourage. Am besten hat man Zeuginnen oder Zeugen. Oder es wird mit dem Handy aufgenommen. Aber es ist schwer, dann Namen und Adresse desjenigen zu bekommen, der einen belästigt hat. Die Ausgestaltung eines solchen Straftatbestands fällt nicht in meinen Aufgabenbereich. Da gibt es Profis, die sich viel besser auskennen. Aber ich finde, allgegenwärtige verbale sexuelle Belästigung darf nicht länger totgeschwiegen werden.

Das Gespräch führte Jörn Perske.