Kopf von Alexander Riede, derl steht mit Maske scheinbar an einem Bett steht. Neben seinem Gesicht ist leicht verschwommen ein Tropf zu sehen.

Alexander Riedel macht eine Ausbildung zum Pfleger. Mehrere Monate versorgte der 19-Jährige Corona-Patienten auf der Intensivstation eines Offenbacher Krankenhauses. Hier erzählt er von seinen Erfahrungen.

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zum hr-fernsehen.de Video Am Limit!? Jetzt reden WIR!

Collage mit den Porträts der Protagonisten
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In der hr-Reihe "Am Limit!? Jetzt reden WIR!" kommen Studierende und Auszubildende in der Corona-Zeit zu Wort. Einer von ihnen ist Alexander Riedel. Er macht eine Ausbildung zum Pfleger am Sana Klinikum Offenbach. Wegen der hohen Corona-Infektionszahlen wurde er im Frühling 2020 von der Pflegeschule in die Notaufnahme versetzt. Während der zweiten Corona-Welle arbeitete er mehrere Monate auf der Corona-Intensivstation des Krankenhauses. Hier beschreibt er, wie er den Einsatz erlebte.

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Das Leid der Patienten

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"Die ersten Tage auf der Intensivstation waren für mich extrem bedrückend. Ich weiß: Dieser Mensch lebt, aber er tut es nicht aus eigener Kraft. Atemnot ist die essentiellste Angst des Menschen. Keine Luft zu bekommen, ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Ich habe es als extrem belastend empfunden, das mitzubekommen und teilweise nicht helfen zu können.

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An den Grenzen der eigenen Belastung

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Als Corona angefangen hat, hätte ich nie gedacht, an welche Belastungsgrenzen wir als Auszubildende gelangen würden. Wenn es sehr belastend gewesen ist, fahre ich auf dem Heimweg einen Umweg und halte an, um an der frischen Luft spazieren zu gehen. So gewinne ich Abstand zu dem Geschehenen. Doch es ist schwierig, auch mal fünf Minuten zur Ruhe zu kommen, ohne an die Arbeit zu denken.

Wenn ich zuhause bin, kommt manchmal alles mit einem großen Schlag noch einmal zurück. Meine Mutter ist die erste Ansprechpartnerin, weil wir gemeinsam in einem Haus leben. Sie kriegt dann ein bisschen was ab. Genauso kriege ich von ihrer Arbeit etwas ab. Wir hören uns gegenseitig zu und versuchen, uns zu unterstützen.

Ein Corona-Patient auf einer Intensivstation in Braunschweig. (dpa)

Mir ist der Glaube wichtig, weil er gerade beim Tod viel erklärt. Die Fragen nach dem "Warum" beantworte ich mir selbst damit. Jeder findet seinen eigenen Weg. Ich gehe mit Hektik in die Kirche hinein und komme entspannter raus. Wenn ich die Tür aufmache und rausgehe, fühle ich mich befreit für den Moment.

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Das Fehlen der Angehörigen

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Diese ganze Situation ist so schwierig. Viele Pflegekräfte schauen sich den Patient an und denken: Irgendetwas stimmt hier nicht, irgendetwas fehlt noch. Was fehlt, das sind die Angehörigen. Es müsste doch eigentlich jemand da sein. Es kann doch nicht wahr sein, dass ich jetzt der Letzte bin, dass der Patient nicht im Kreise seiner Angehörigen sterben kann, wie man es sich ja wünscht. Ich wünsche es mir zumindest.

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Das Sterben

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Wenn ein Patient stirbt, öffnen wir die Fenster, damit die Seele den Weg gehen kann. Das ist bei uns ein ungeschriebenes Gesetz. Auch die Mitarbeiter, die nicht glauben, machen das. Wenn die Patienten verstorben sind, dann denke ich mir: Sie sind jetzt vielleicht an einem besseren Ort oder sie haben jetzt vielleicht weniger Leid. Ich denke mir, dass wir die Patienten - so würdevoll, wie es eben ging - in den Tod begleitet haben.

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Kein Verständnis für Corona-Leugner

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Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen ihre Grundrechte wiederhaben wollen. Das möchte ich auch. Ich möchte auch irgendwann mal wieder auf einem Fest mit hunderten anderen Menschen zusammen sein. Aber den Menschen, die die Pandemie nicht wahrnehmen oder leugnen, würde ich empfehlen, mal eine Woche bei uns zu arbeiten. Das macht fassungslos, aggressiv und traurig.

Mir ist bewusst, dass wir uns zusammenreißen müssen. Wir müssen zusammenstehen. Wir können das gemeinsam schaffen. Wir können gemeinsam, wenn sich jeder an die Regeln hält, das so schnell, wie es geht, beenden.

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Die berufliche Entwicklung

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Durch die Corona-Pandemie ist auch unser Leben als Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler aus den Fugen geraten. Wir gingen davon aus, dass wir uns regelmäßig in Theorieblöcken treffen und dieses Jahr das Examen abschließen können. Wir haben nie gedacht, dass wir im Online-Unterricht sitzen, monatelang zuhause lernen und den wichtigen Austausch nicht haben.

Diese Belastung hat mich in meiner Position als Schüler aber sehr weitergebracht. Es hört sich komisch an, aber halte es für wichtig, dass ich diese Zeit miterlebt habe und dadurch mich beruflich entwickeln konnte."

Pfleger Alexander Riedel mit Schutzausrüstung an seinem Arbeitsplatz

Protokoll: Diana Deutschle, Stefan Venator, Peter Gerhardt

Sendung: Am Limit!? Jetzt reden WIR!, hr-fernsehen, 06.05.2021, 21.00 Uhr