Betreuer sitzt mit Maske auf Stuhl und wird von einem Arzt geimpft

Die Impfpflicht für Mitarbeitende in der Pflege und in Krankenhäusern soll kommen. Da sind sich Bund und Länder einig. In den Einrichtungen selbst ist sie umstritten, wie ein Beispiel aus Gudensberg zeigt.

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Wie kommt die Impfpflicht für Pflegeberufe an? 
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Im Dezember 2020 stand für Lea-Justine Berle fest: Eine Impfung kommt für sie vorerst nicht in Frage. Obwohl sie in Gudensberg (Schwalm-Eder) in einem Altenheim arbeitet, das in der ersten und zweiten Welle der Pandemie 19 Bewohner an das Coronavirus verloren hat. Im Interview mit dem hr begründete sie ihre Entscheidung damals damit, dass sie erst einmal abwarten wolle. "Wenn eine Zeit vergangen ist und keine gravierenden Nebenwirkungen auftreten, dann würde ich noch mal überlegen", sagte die Krankenschwester damals.

Seit dieser Aussage ist knapp ein Jahr vergangen. Und Lea-Justine Berle hat tatsächlich ihre Meinung geändert: "Mittlerweile kenne ich genug Leute, die sich haben impfen lassen, und keiner hatte irgendwelche Nebenwirkungen. Deshalb bin ich jetzt auch geimpft." Diesen Sinneswandel hatten auch einige ihrer Kollegen. Im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg arbeiten derzeit 170 Personen, von denen rund 90 Prozent geimpft sind. Geht es nach Bund und Ländern, reicht das bald nicht mehr: Eine Impfpflicht soll helfen, besonders anfällige Menschen zu schützen: in Heil- und Pflegeberufen, Krankenhäusern sowie Einrichtungen der Eingliederungshilfe.

Erweiterte Impfpflicht im Gespräch

Walter Berle, der Vater von Lea-Justine und Leiter des Altenheims, spricht sich klar für die von der Politik geplante Impfpflicht in der Pflege aus. Für ihn seien darüber hinaus verpflichtende Impfungen in Krankenhäusern und in der Behindertenhilfe wichtig. Menschen, die sich in solchen Einrichtungen befinden, bedürften besonderen Schutzes – das müsse von der Politik berücksichtigt werden, sagt der Heimleiter.

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Walter Berle
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Die Impfpflicht solle sich jedoch nicht nur auf das pflegende Personal beschränken, "sondern sich ausweiten auf die gesamte Einrichtung", findet er. Damit sind die Verwaltung, Haustechnik, Hausreinigung, Wäscherei und Küche gemeint.

"Möchte nicht schuld sein, wenn im Haus Corona ausbricht"

Eine erweiterte Impfpflicht in Pflegeeinrichtungen kann Silvana Lösbrock ebenfalls befürworten. Sie arbeitet als Köchin im Altenzentrum Eben-Ezer, begegnet den Bewohnern des Heims auf den Fluren. Vor allem ein erneuter Ausbruch des Virus bereitet ihr Sorgen, sie "möchte nicht schuld daran sein, wenn im Haus wieder Corona ausbricht, die Bewohner erkranken und das Haus vielleicht wieder zumacht". Lösbrock und ihre Kollegen hätten eine Verantwortung den Heimbewohnern gegenüber, eine Impfung sei sinnvoll.

Köchin steht inmitten der Großküche und arbeitet

Mit Kollegen, die bislang noch ungeimpft sind, möchte Lösbrock auf Augenhöhe diskutieren. Es gehe ihr um Aufklärung, es müssten Beispiele gebracht werden, die zeigen, warum Menschen so schwer erkrankt im Krankenhaus liegen. Wenn das nichts bringe, "muss halt eine Impfpflicht her", sagt sie.

Pflegeverbände gegen Impfpflicht

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Südwest hingegen lehnt eine Impfpflicht für Pflegekräfte ab. Geschäftsführer Uwe Seibel betont, dass der Berufsverband die gesamte Bevölkerung zur Impfung aufrufe.

"Diskussionen auf dem Rücken einer Berufsgruppe, die seit bald zwei Jahren die Katastrophe ausbaden muss", hält Seibel nicht für zielführend. Zudem seien schätzungsweise 90 Prozent der Pflegefachkräfte geimpft - den Rest müsse man durch "gute Kommunikation und Überzeugungsarbeit" erreichen.

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Impfquote in Krankenhäusern

Das Robert-Koch-Institut hat im Oktober eine Studie veröffentlicht, derzufolge 91 Prozent des teilnehmenden Krankenhauspersonals geimpft ist. Rund fünf Prozent seien ungeimpft, sie begründen dies mit Angst vor bleibenden Schäden und/oder starken Nebenwirkungen. Außerdem bestehe der Wunsch, abwarten zu können.

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Auch der Deutsche Pflegerat weist auf die Probleme hin, die eine Impfpflicht in Pflegeeinrichtungen bringen könnte. Maßnahmen gegen das Coronavirus müssten "gesamtgesellschaftlich beantwortet werden", heißt es in einer Stellungnahme. Der Deutsche Pflegerat fordert zugleich dennoch verstärkte Impfungen in Pflegeeinrichtungen.

Prinzipiell unterstützt der Landespflegerat Hessen eine Impfpflicht in Pflegeeinrichtungen - solange diese einrichtungsbezogen ist. Vorsitzender Martin Hußing betont allerdings auch, dass der Fokus in der Debatte nicht auf dem Gesundheitswesen liegen sollte. "Wir haben eine Impfquote von 90 bis 95 Prozent in den Einrichtungen. Hier können die Ungeimpften nicht das Problem sein", sagt er.

Sorge ums Personal

Fachpflegekraft Torsten Endter bereiten die Pläne mit Blick auf sein Personal Sorgen. Er ist Wohnbereichsleiter im Eben-Ezer, laut seiner Aussage fehlen in seinem Wohnbereich zehn bis zwölf Pflegekräfte. Durch eine Impfpflicht im Pflegebereich könne sich diese Situation verschärfen, befürchtet er. Bereits jetzt sei der Pflegenotstand groß.

Hußing vom Landespflegerat geht allerdings davon aus, dass durch eine Impfpflicht nur wenige Personen ihren Job aufgeben würden. Dennoch besteht ein Personalmangel, von dem nicht nur Pflegeheime betroffen sind. Auch Hessens Intensivstationen arbeiten am Limit.

Gerade weil die Situation so angespannt ist, hofft Lea-Justine Berle auf eine Impfpflicht. Allerdings auf eine allgemeine, die nicht nur für bestimmte Berufsgruppen gilt. Ihre anfängliche Skepsis gegenüber der Impfung hat sie abgelegt. Darin sieht sie die einzige Möglichkeit, die Pandemie in den Griff zu bekommen.

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