Mit einer Landesverordnung sollen Bewohner von Alten- und Pflegeheimen besser vor Corona geschützt werden. Doch Praktiker winken ab: Die Verordnung verschärfe die angespannte Lage.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hilferuf aus Altenheimen

Eine Altenpflegerin in Schutzausrüstunghält die Hand eines Bewohners.
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"Wir brauchen Ihre Unterstützung - am besten heute!" So steht es auf der Internetseite des Frankfurter Verbands, des größten Trägers von Alten-, Pflege- und Behinderteneinrichtungen in der Stadt. Der Verband sucht dringend medizinisches Personal, das Corona-Schnelltests durchführen kann - also das, was sowieso Mangelware ist: qualifizierte Pflegekräfte, die die zusätzliche Arbeit stemmen können.

Seit Mittwoch gilt die neue Landesverordnung für Alten- und Behinderteneinrichtungen. Sie soll Risikogruppen mehr Schutz bringen. Die Infizierten-Zahlen in den Heimen steigen. Zwei von drei Corona-Toten im November waren Altenheimbewohner. Laut Verordnung sollen Mitarbeiter einmal die Woche getestet werden und "zu jeder Zeit eine von der Einrichtung gestellte" FFP2- oder KN95-Maske tragen. Besuch dürfen Heimbewohner zweimal pro Woche empfangen.

Es gibt zu wenig Personal

Pro 100 Heimplätze bräuchte er allein zwei Mitarbeiter am Tag für die Tests und zusätzliche Kräfte, um die Besucher zu testen, sagt Frederic Lauscher, Vorsitzender des Frankfurter Verbands: "Es reicht nicht, eine Verordnung zu schreiben, und es reicht auch nicht, Geld zur Verfügung zu stellen." Es gebe schlicht kein Personal.

Lauscher fordert, in Alten-, Pflege- und Behinderteneinrichtungen Bundeswehrsoldaten einzusetzen, um die Verordnung umzusetzen. Wenn das nicht gehe, solle man nicht mit Verordnungen vorgeben, die Heimbewohner seien geschützt, findet Lauscher.

Ministerium verweist auf Online-Plattform

Für Dagmar Jung, bei der Diakonie Hessen für den Bereich Pflege und Alter zuständig, ist klar, dass es die Einrichtungen nicht allein schaffen. Überlastet seien die Pfleger schon vor Corona gewesen, die Pandemie verschärfe ihre Lage. Auch Jung ruft nach Unterstützung durch die Bundeswehr oder Hilfsdienste. Die Politik müsse den Pflegenotstand ausrufen, anders sei die Situation kaum zu stemmen, sagt sie.

Das Sozialministerium teilt auf hr-Anfrage mit, man entwickele derzeit "tragfähige Lösungen" bei personellen Engpässen. Das Haus von Minister Kai Klose (Grüne) verweist auf die Plattform "Pflegereserve", über die Einrichtungen schon mehrfach geholfen worden sei.

Dilemma: Eine Verordnung widerspricht der anderen

Walter Berle, Altenheimleiter in Gudensberg (Schwalm-Eder), sagt, der Lockdown sei überfällig gewesen. Seine Bewohner bräuchten dringend Schutz - nur wie er es schaffen soll, die Landesverordnung umzusetzen, ist Berle noch nicht klar: "Jeden Mitarbeiter, den ich aus der Pflege abziehe, ziehe ich den Bewohnern von ihrer Lebensqualität ab."

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Unsicherheit unter Altenheimbewohnern

Eine Seniorin hat eine Maske an ihren Rollator gehängt.
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Berle findet nach eigenen Angaben trotz intensiver Suche schon lange keine Pflegekräfte mehr. Und die, die bei ihm arbeiten, haben immer weniger Zeit für Pflege. Die Berufsgenossenschaft schreibe vor, dass Pfleger die FFP2-Masken höchstens 75 Minuten anhaben dürfen und anschließend mindestens 30 Minuten Pausen machen müssten.

Ein Dilemma: Eine Verordnung widerspricht der anderen. Mit mehr Pausen schafften die Pfleger ihre Aufgaben nicht mehr, andererseits arbeiteten sie eh schon am Limit, sagt Berle.

Infektionsrisiko Weihnachten

Normalerweise feiern die Bewohner im Gudensberger Altenheim Weihnachten in großer Runde, mit Musik und politischer Lokalprominenz. Das fällt dieses Jahr flach, aber seine Bewohner seien "freie Bürger", betont Berle. Wer bei seiner Familie unter dem Baum sitzen möchte, dürfe das natürlich. Aber wie könne er ausschließen, dass sie bei ihrer Rückkehr ins Heim das Virus mitbrächten, fragt der Leiter. Im Frühjahr starben 13 Bewohner in seinem Heim, so etwas will Berle nicht mehr erleben.

Ein Heim evakuieren? Aber wohin?

Das Seniorenheim Rosengarten in Bad Sooden-Allendorf (Werra-Meißner) traf das Coronavirus Ende November. Alle 26 Bewohner und die 14 Mitarbeiter wurden positiv getestet. Die Leiterin Michaela Sippel, ebenfalls erkrankt, musste aus der Ferne zusehen, wie innerhalb von kurzer Zeit acht Bewohner starben. "Es verbreitet sich wie ein Lauffeuer", sagt Sippel rückblickend. Bewohner seien verzweifelt, dass die Tischnachbarin plötzlich nicht mehr da ist.

Bad Sooden-Allendorfs Bürgermeister Frank Hix (SPD) startete damals einen verzweifelten Aufruf auf Facebook. Erst sprangen Freiwillige ein, später übernahmen Mitarbeiter einer Zeitarbeitsfirma. Hix sagt, für solche Fälle bräuchte es eine "Pflegedienst-Task-Force", eine Einheit, die ausrücke, wenn gar nichts mehr geht. Auch andere Einrichtungen hätten nicht aushelfen können, im allgemeinen Pflegenotstand sei eben alles auf Kante genäht. Der Kreis habe angeordnet, das Heim zu evakuieren. "Aber wohin?", fragt Hix im Rückblick: "Es gab keinen Leitfaden, wie wir hätten verfahren sollen."

Sendung: hr-iNFO, 17.12.2020, 7 Uhr