Im Vordergrund des Fotos liegt ein bunter Soielball, im Hintergund wendet sich - unscharf - ein Arzt einem kleinen Kind zu, das gebeugt auf einem Bett sitzt.

Kinderkliniken in ganz Deutschland verzeichnen momentan auffällig viele Fälle von RS-Viruserkrankungen bei Kleinkindern. Teilweise werden die Betten auch in Hessen knapp. Der Pflegekräftemangel verschärft die Lage zusätzlich.

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In hessischen Kinderkliniken liegen momentan auffällig viele junge Patientinnen und Patienten mit einer Erkrankung durch eine Infektion mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV).

Einige Kinderstationen müssen sich von der Notfallversorgung bereits häufiger als gewöhnlich abmelden oder Kinder in andere Kliniken verlegen. "So eng war die Situation schon im November sonst nie", sagt Lothar Schrod, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Frankfurt-Höchst.

"Lage hochgradig angespannt"

Dort behandle man aktuell 27 Kinder wegen einer RS-Viruserkrankung stationär. "Die meisten von ihnen müssen unter anderem mit zusätzlichem Sauerstoff behandelt werden, ein Kind liegt auf der Intensivstation", berichtet der Kinderarzt. Er spricht von einer "hochgradig angespannten Lage" für das Pflegepersonal.

Die Situation ist kein Einzelfall: Der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD) warnt vor einer "drastischen Überbelastung der Kliniken in den nächsten Monaten". Auch weitere hessische Kliniken wie das Clementine Kinderhospital Frankfurt, die Kinderkliniken in Darmstadt, das Klinikum Hanau, die Helios Kliniken Wiesbaden und das Klinikum Kassel bestätigen die häufigeren Fälle von RSV-Erkrankungen auf ihren Stationen auf Nachfrage.

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Was ist das Respiratorische Synzytial-Virus?

  • Atemwegserkrankung, die saisonal in den Wintermonaten auftritt
  • Erstinfektion meist in frühen Kindheitsjahren
  • Mögliche Symptome bei der ersten Infektion: Husten, Fieber, Kurzatmigkeit
  • Bei weiteren Infektionen im Jugend- und Erwachsenenalter oft symptomfrei oder grippeähnliche Symptome
  • Übertragung durch Tröpfcheninfektion und Oberflächen

Quellen: Robert Koch-Institut, Lothar Schrod

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Bereits hohe Fallzahlen in Darmstadt

"Im Vergleich zu den Vorjahren hat die Saison noch gar nicht richtig begonnen, und wir haben schon mehr als die Hälfte der sonst üblichen Fallzahlen erreicht", sagt Andreas Hofmann, Geschäftsführer der Darmstädter Kinderkliniken. 87 Fälle habe es bis Oktober bereits gegeben. In der Wintersaison 2019/2020 seien es über den gesamten Winter 148 Fälle gewesen - im vergangenen Winter allerdings nur 5.

Genau das ist der Grund, weshalb das Virus nun so viele Kinder erwischt. Durch Lockdowns, geschlossene Einrichtungen für Kinder und Hygienemaßnahmen konnte nicht nur die Verbreitung des Coronavirus wieder eingedämmt werden, sondern auch das RS-Virus verbreitete sich kaum.

Viele Kinder, die im vergangenen Jahr nicht erkrankt und somit noch nicht immunisiert sind, holen die Erkrankung gerade nach, erklärt Kinderarzt Lothar Schrod.

Frühchen- und Krebsstationen nicht betroffen

Die meisten betroffen Kinder, die mit RSV stationär behandelt werden müssen, seien im Alter von ein bis zwei Jahren, sagt er. Atemwegsinfekte würden grundsätzlich aber nicht auf der normalen Frühchenstation behandelt.

Deshalb verlege man die erkrankten Säuglinge und Kleinkinder dann auf andere Kinderstationen. Auf diesen Stationen werden die Betten jetzt knapp. Mehrere hessische Kliniken bestätigen, dass sie sich deshalb zeitweise aus der Notfallversorgung abmelden und geplante, aber verschiebbare Eingriffe absagen müssen.

Kinderarzt Schrod aus dem Klinikum Frankfurt-Höchst betont, dass die Engpässe die Versorgung von Neugeborenen oder Krebserkrankten nicht gefährden würden, da es für diese immungeschwächten Patientinnen und Patienten gesonderte Stationen gibt.

Und Corona?

Steigende Corona-Infektionszahlen spielen für die Belegungssituation der Kinderstationen momentan keine oder nur eine untergeordnete Rolle, heißt es aus den Kinderkliniken in Frankfurt, Kassel und Darmstadt.

"Allerdings nimmt der Anteil an Kindern zu, die wegen COVID-19 stationär aufgenommen werden", sagt Andreas Hofmann von den Darmstädter Kinderkliniken. Dies spanne hier die Gesamtsituation weiter an.

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Wie werden RSV-Erkrankungen behandelt?

  • Es lassen sich nur die Symptome der Erkrankung behandeln, da es kein wirksames Medikament gegen das Virus selbst gibt.
  • Durchschnittlich bleiben Kinder mit RSV etwa fünf Tage, manchmal aber auch mehrere Wochen in stationärer Behandlung.
  • Für besonders gefährdete Kinder wie Neugeborene mit Lungen- oder Herzerkrankungen gibt es eine vorbeugende Impfung.

Quellen: Robert Koch-Institut, Lothar Schrod

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Pflegekräftemangel verschärft die Lage

Die angespannte Situation liege aber nicht nur an der Zahl der verfügbaren Betten, sondern auch an fehlendem Pflegepersonal, sagt Hofmann. Die Darmstädter Kliniken seien zwar vergleichsweise gut mit Personal aufgestellt. "Aber auch wir kommen in Engpässe, wenn sich bei Pflegenden krankheitsbedingte Ausfälle häufen."

Er sieht dafür insbesondere die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung verantwortlich. Seit November 2020 gilt die Regelung, um Pflegekräfte vor Überlastung zu schützen. Dafür sei sie auch grundsätzlich ein gutes Instrument, meint Hofmann.

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„Es zeigt sich wieder einmal, dass Kinder und Jugendliche die Leidtragenden einer verfehlten Gesundheitspolitik sind.“ Andreas Hofmann, Geschäftsführer der Darmstädter Kinderkliniken Andreas Hofmann, Geschäftsführer der Darmstädter Kinderkliniken
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"In einer Phase, in der alle Kinderkliniken überlastet sind und ein Bett in einer Kinderklinik nur schwer zu bekommen ist, führt dieses starre System zu absurden Situationen", so Hofmann.

Früher habe ein Arzt in individuellen Fällen abwägen können, ob ein Kind trotz Engpässen noch aufgenommen werden konnte. Jetzt müsse man das Kind wegschicken oder Strafzahlungen riskieren. "Es zeigt sich wieder einmal, dass Kinder und Jugendliche die Leidtragenden einer verfehlten Gesundheitspolitik sind."

Eins-zu-eins-Betreuung für Frühgeborene

Lothar Schrod vom Frankfurter Klinikum-Höchst weist auf besondere Personalprobleme im Bereich der Kinderkrankenpflege hin. Die Arbeitsbedingungen seien momentan aufgrund der Engpässe psychisch belastend für die Pflegekräfte. Gleichzeitig werde es kontinuierlich schwieriger, neues Personal einzustellen, da sich immer weniger bewerben oder Ausbildungen abgebrochen würden.

Die Regelung, dass für Frühgeborene eine Eins-zu-eins-Betreuung verpflichtend sei, führe außerdem zu einer Verschärfung der Personalknappheit im Bereich der Kinderkrankenpflege.

Keine Entspannung absehbar

Momentan sehe es nicht danach aus, dass sich in absehbarer Zeit etwas an der aktuellen Situation in den Kinderkliniken verbessern wird. "Man kann nicht mal eben in zwei Wochen neues Pflegepersonal aufstocken", so Schrod.

Der VLKKD fordert nun von der Bundespolitik, die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung bis zum Ende der epidemischen Lage auszusetzen, um kurzfristig der Personalnot entgegenzuwirken.

Die Grippe- und Erkältungssaison sowie insbesondere die RS-Virusinfektionen werden in den kommenden Wochen wohl weiterhin die Kinderkliniken beschäftigen. Die Saison dauere meist bis März, manchmal sogar bis Mai, erklärt Schrod. "Wir nehmen nicht an, dass das in den kommenden Wochen abflacht."

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