Pflegerin Livia Warch im Vollschutz-Anzug

Eine Corona-Welle in einem Dillenburger Behindertenheim kostete drei Bewohner das Leben. Pflegerin Livia Warch betreute eines der Opfer intensiv. Um das Erlebte zu verarbeiten, textete die 27-Jährige ein emotionales Gedicht.

Im vergangenen April grassiert das Coronavirus in einem Heim der Lebenshilfe Dillenburg im Stadtteil Niederscheld: Zehn Menschen mit Behinderungen und 16 Lebenshilfe-Mitarbeiter werden positiv auf Covid-19 getestet. Ein Alptraum, denn die Bewohner zu schützen ist schwierig.

Natürlich gebe es auch für Behinderteneinrichtungen die üblichen Hygienemaßnahmen, aber nicht alle Bewohner mit geistigen Einschränkungen könnten sie nachvollziehen, sagt Sascha Kirchhoff, Kulturreferent der Dillenburger Lebenshilfe: "Warum kann ich meine Betreuer plötzlich nicht mehr umarmen? Haben die mich jetzt nicht mehr lieb? Wieso darf ich nicht mehr raus?" Diese Fragen beschäftigten die Bewohner und machten es schwer, dass die Regeln auch in der Praxis immer umgesetzt werden könnten, berichtet Kirchhoff. Dabei sei eine Einhaltung gerade für diese gefährdete Bevölkerungsgruppe besonders wichtig.

Drei Bewohner sterben

Drei der im April infizierten Heimbewohner überlebten das Virus nicht. Um einen von ihnen hatte sich die 27-jährige Krankenschwester Livia Warch besonders gekümmert. Eigentlich arbeitete sie in einer anderen Einrichtung, die nicht von dem Ausbruch betroffen war. Weil in Niederscheld aber auch fast alle Pflegekräfte infiziert waren, sprang sie kurzfristig ein.

Pflegerin Livia Warch

Innerhalb weniger Tage wird sie zur wichtigsten und einzigen Bezugsperson des infizierten Bewohners. "Alle Menschen, die er kannte, waren nicht mehr da, und er hatte ja wirklich nur noch die Leute, die da fremd hingekommen sind", erzählt Warch. "Weil ich dann oft bei ihm war, ist da wirklich so ein Band gewachsen."

Gedicht um den Schock zu verarbeiten

Nach ein paar Tagen schlägt Corona dann voll zu, dem Bewohner geht es immer schlechter. "Das war schon schlimm zu sehen, dass ein Mensch immer weniger gesprochen und so abgebaut hat, dass man ihn letztlich nicht mehr im Wohnheim halten konnte. Das war für ihn besonders schlimm, weil er so große Angst vorm Krankenhaus hatte", erinnert sich Pflegerin Warch.

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In der Klinik stirbt er an den Folgen der Lungenkrankheit. Für Livia Warch war das ein Schock, sie hatte dem Mann immer wieder Mut gemacht und gesagt: "Wir schaffen das schon!". Um mit dem Erlebten umzugehen, schreibt die 27-Jährige ein Gedicht. Denn neben ihrem Job als Pflegerin ist sie auch leidenschaftliche Poetry-Slammerin. Alles strukturiert aufzuschreiben habe ihr geholfen, das Erlebte besser zu verarbeiten.

Kurzfilm mit Botschaft

Herausgekommen ist ein emotionales Gedicht. Von den ersten Momenten der Begegnung: "Du greifst meine Hand und lässt sie nicht los. Finger schwer wie Blei, wir haben Angst zusammen und zwischen uns Welten und FFP2" - bis hin zum traurigen Ende: "Und einer der schlimmsten Gedanken auch im Nachhinein: Du verlorst dein Leben im Krankenhaus und du warst allein."

Ihr Gedicht hat sie zusammen mit der Dillenburger Lebenshilfe als Kurzfilm umgesetzt und im Internet veröffentlicht. Obwohl Regisseur Manuel Bahmer den Text vorab kannte, hatte er beim Dreh "durchgehend Gänsehaut". Mit diesem Projekt will die Dillenburger Lebenshilfe eine Botschaft senden, sagt Kulturreferent Sascha Kirchhoff: "Schützt besonders diejenigen, die es selbst nicht so gut können."

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 20.01.2021, 18 Uhr