Ein Flugzeug am Frankfurter Flughafen.

Sie war im achten Monat schwanger und laut Attest nicht reisefähig - dennoch sollte eine 30-Jährige mit ihrer Familie nach Algerien abgeschoben werden. Erst der Pilot hatte ein Einsehen. In Marburg schlägt der Fall hohe Wellen.

Mit einem Knall treten die Beamten am frühen Morgen die Tür ein, die zwei und vier Jahre alten Mädchen wachen auf und fangen an zu schreien. Kurz darauf stehen mehrere Polizisten im Schlafzimmer der Eltern. So schildert Anna Radke die Szene, die sich im Januar in der Wohnung einer algerischen Familie in einer Flüchtlingsunterkunft in Marburg-Cappel abgespielt haben soll, und über die die Oberhessische Presse zuerst berichtet hatte.

Die 78-jährige Radke ist mit der algerischen Familie seit letztem Sommer befreundet, steht nach eigenen Angaben sogar kurz davor, Fatima A. zu adoptieren. "Fatima A. rief mich morgens um halb sieben weinend an und sagte, wir werden abgeschoben", erzählt Radke. Sofort setzt sie sich ins Auto, fährt zu der Wohnung und trifft dort auf ein "Riesen-Polizeiaufgebot", das sie nicht zu der Familie durchlässt. "Dann kam Tarek R. mit den Mädchen auf dem Arm, wie versteinert. Ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt."

Die Marburger Polizei spricht von einer "an der Anzahl der abzuschiebenden Personen gemessenen Zahl" von Einsatzkräften.

Der Pilot weigert sich, die Familie mitzunehmen

Abgeschoben werden sollten vier Personen: die 30 Jahre alte A. und der 35-jährige R. aus Algerien sowie ihre beiden Töchter. Seit 2011 leben die Eltern in Deutschland, davon die meiste Zeit in Marburg. Sie sind islamisch getraut. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, entsprechend sind sie ausreisepflichtig. Dennoch ist es keine gewöhnliche Abschiebung, die an diesem Tag in Marburg stattfinden soll. Denn Fatima A. ist zu dem Zeitpunkt im achten Monat schwanger, eine Ärztin hat Radke zufolge eine Risikoschwangerschaft und Reiseunfähigkeit bescheinigt.

Die Beamten bringen die Familie dennoch zum Frankfurter Flughafen. Fatima A. klagt über Schmerzen. 15 Minuten lang sitzen Vater, Mutter und Kinder angeschnallt im Flugzeug, berichtet Radke, bis sich der Pilot weigert, die Familie mitzunehmen. Aus seiner Sicht ist die medizinische Versorgung nicht ausreichend gewährleistet. Bei der Fluglinie Air Algérie war am Freitag auf Nachfrage niemand zu erreichen.

Regierungspräsidium: "Person war reisefähig"

Das Regierungspräsidium Gießen bestätigt, dass die Abschiebung nicht vollzogen werden konnte,"da eine Mitnahme vom Flugpersonal abgelehnt wurde." Allerdings, so ein Sprecher: "Im vorliegenden Fall war die Person reisefähig. Eine ärztliche Begleitung bis in den Zielstaat war gleichwohl vorgesehen." Ob der ärztliche Begleiter auch für die Behandlung einer hochschwangeren Frau ausgebildet war, ließ sich nicht klären.

Derzeit lebt die Familie wieder in Marburg, sie ist vorerst in Radkes Vier-Zimmer-Wohnung untergekommen. Doch der Fall beschäftigt nun auch die Politik. Zwar hat sich die Marburger Stadtverordnetenversammlung am Freitagabend für "nicht zuständig" erklärt, der Linken-Landeschef und Marburger Landtagsabgeordnete Jan Schalauske hat jedoch auch eine kleine Anfrage dazu an die Landesregierung gestellt.

Der Linken-Abgeordnete ist "fassungslos"

Schalauske spricht von "eklatantem Behördenversagen", das er nun aufklären will. Für ihn zeige der Fall "einen unmenschlichen, skrupellosen Umgang mit Menschen", sagt Schalauske. Er sei "fassungslos", dass nur der Pilot Frau und Kind vor einer lebensbedrohlichen Situation gerettet habe. Und: "Der Fakt, dass der Mann eine schriftliche Zusage für einen Arbeitsplatz bei einer Marburger Firma hat, wurde von zuständigen Stellen einfach unter den Tisch fallen gelassen."

Tatsächlich, so berichtet es Anna Radke, habe Tarek R. schon seit längerem einen Ausbildungs- und Arbeitsvertrag bei einer Firma in der Nähe von Marburg unterschrieben. Er habe die Stelle aber mangels Bleiberecht nicht antreten können. In Algerien dagegen warte auf ihn das Gefängnis, sagt er.

Die Familie fürchtet in Algerien um ihr Leben

Denn nach eigenen Angaben stammt Fatima A. aus einer salafistischen Familie. Sie sei 2011 zusammen mit Tarek R. nach Deutschland geflohen, weil ihr in Algerien eine Zwangsverheiratung gedroht habe. R. wurde deshalb von A.s Familie wegen Entführung angezeigt und den Angaben zufolge in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt, Fatima A. fürchtet bei einer Rückkehr um ihr Leben und um das ihrer Kinder.

Der Ausländerbeirat in Marburg ist entsetzt. "Es scheint, dass es nur noch um Zahlen geht: Möglichst viele Menschen abschieben", schreibt das Gremium in einer Stellungnahme. "Aber hinter diesen 'Zahlen' und 'Fällen' stehen menschliche Schicksale." Fatima A. jedenfalls, so berichtet es Radke, sehe immer wieder die Polizisten vor sich, die eines Morgens um ihr Bett herumstanden. Wann sie wiederkommen, weiß sie nicht. Das Regierungspräsidium teilt mit, die Familie sei immer noch ausreisepflichtig.

Sendung: hr4, die hessenschau für Mittelhessen, 22.02.2019, 16.30 Uhr