Ein älterer Mann mit gelber Warnweste gestikuliert mit ausgestreckter Hand und spricht zu vier jungen Menschen, die mit Gepäck und Absatnd vor ihm stehen.

Was machen Flucht und Unsicherheit mit Menschen? Dem haben Studierende der CVJM-Hochschule in Kassel jetzt nachgespürt. Sie schlüpften in einem Planspiel in die Rolle von Geflüchteten.

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hessenschau vom 22.06.2021
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Mitten in der Nacht wird es unruhig in der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in Fuldabrück-Bergshausen (Kassel). Jemand ruft nach Hilfe, will nicht bleiben und nach Finnland weiterreisen. In der großen Halle stehen offene Kabinen, auf dem Boden der abgetrennten Bereiche liegen 41 Studierende der CVJM-Hochschule. Betten gibt es nicht.

Die angehenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind Teil eines Planspiels. Sie schlüpfen für 24 Stunden in die Rolle von Asylsuchenden. Dazu gehört eine Nacht auf der Isomatte. An Durchschlafen ist so allerdings nicht zu denken. Alle werden wach, sind aber so erschöpft vom Tag davor, dass sie nur einen Wunsch haben: Ruhe.

"Sie haben keine andere Wahl"

Am Vormittag haben Nora Aust und Niels Hein in einer Videobotschaft erfahren, was sie erwartet. Eindringlich wird ihnen ihre Situation für die kommenden 24 Stunden geschildert. Sie leben im Krieg und müssen fliehen, haben keine Zeit, etwas zu packen. Ab jetzt dürfen beide nur noch Englisch sprechen. Immer wieder sagt ihnen die Stimme: Ihr habt keine andere Wahl.

Ihre Rollen bekommen sie in einem Brief mitgeteilt. Beide sind minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, Aust hat ihre Eltern bei der Flucht verloren. Auch Hein schlüpft in die Rolle eines minderjährigen Mädchens, das in Armut aufgewachsen ist. Er soll während des Spiels andere Studierende ständig nach Essen fragen.

Zehn Kilometer Fußmarsch

Beide werden ihre Flucht simulieren. Hierfür müssen sie die knapp zehn Kilometer bis zur Halle der Flüchtlingshilfe des Landkreises zu Fuß zurücklegen. Es ist heiß, beide tragen Rucksäcke, haben Isomatten dabei.

"Willkommen hier bei uns, bitte bleiben sie an der Linie stehen!" Ein Mann in Warnweste, mit Vollbart und Sonnenbrille scheucht die jungen Menschen mit ihrem Gepäck durch die pralle Sonne. Er ist ungeduldig, seine Stimme klingt harsch, trotz des Willkommensgrußes.

Unsicher stolpern die Studentinnen und Studenten über den Platz vor dem nüchternen Zweckbau. Sie erwartet das Aufnahmeprozedere: Formulare, Unterschriften, Corona-Test. Sie bekommen die Handys abgenommen, werden herumgeschubst, wenn sie in der falschen Reihe stehen. Immer wieder müssen sie warten, werden von einer Station zur nächsten geschickt.

So realistisch wie möglich

Lilja Wiebe ist die Projektleiterin des Planspiels und erklärt, warum die Studierenden mit ständig wechselnden Situationen konfrontiert werden: "Wir haben nur einen kurzen Zeitraum, in dem wir das darstellen, was Menschen über viele Jahre erleben." Für die Reflektion müsse man die Situation überspitzen, um zu zeigen, was das bei Menschen auslöse.

Hein sitzt mittlerweile seiner fiktiven Ansprechpartnerin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gegenüber. Er muss einen Asylantrag stellen. Wenn da nicht die Sprachbarriere wäre. Die Mitarbeiterin redet in einer Phantasiesprache mit ihm, nur das Wort "paper" macht ungefähr klar, was sie von ihm will. Hein ist ungeduldig, steht auf und reicht ihr die Zettel über den Tisch. "Sit, sit!", schreit sie ihn auf Englisch an. Er solle sich sofort wieder hinsetzen.

Ein junger Mann sitzt an einem Schreibtisch und ist im Gespräch mit einer jungen Frau, die mit Abstand vor seinem Tisch sitzt. Er trägt eine gelbe Warnweste. Sie hält Papiere in den Händen, neben ihr auf dem Boden eine Isomatte und ein Rucksack.

Diebstahl und eine Panikattacke

Stunden später sind alle Formulare ausgefüllt und abgegeben. Die Studierenden dürfen ihre karge Unterkunft beziehen. Überall stehen Paletten herum, die Schlafbereiche sind nicht abschließbar. Aust fühlt sich einfach nur abgestellt.

Die Nacht ist unruhig, immer wieder werden die Teilnehmenden aus dem Schlaf gerissen. Neben der Panikattacke um vier Uhr morgens sind Turnschuhe geklaut worden. Was macht so eine Situation mit den Menschen? Projektleiterin Wiebe ist wichtig, dass ein Planspiel nicht das erzeugen könne, was echte Geflüchtete erleben. Sie sagt: "Es wäre dreist, das zu versuchen, weil Menschen durch ganz schlimme Lebenssituationen gehen. Das ist uns allen bewusst."

Fernab der Presse können die Studentinnen und Studenten mit einem Geflüchteten sprechen. Dieser Augenzeugenbericht ist Teil des Planspiels und soll noch mehr einen Einblick in die Situation von Menschen auf der Flucht geben.

Für die Arbeit mit Geflüchteten besser vorbereitet

Am Vormittag sind die 24 Stunden als Asylsuchende vorbei, Aust und Hein werden in ihr Wohnheim zurückkehren. Für eine Arbeit mit Menschen auf der Flucht fühlen sie sich gut gewappnet. "Das Einfühlungsvermögen wird gut gefördert", erklärt Hein und seine Kommilitonin ergänzt: "Wenn ich mit Geflüchteten arbeiten werde, habe ich dann nochmal einen anderen Zugang."

Dennoch: Beide hatten während des gesamten Planspiels einen entscheidenden Vorteil: Sie hätten ihre Flucht jederzeit abbrechen und nach Hause gehen können.

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