Abdulkerim Saglam

Ein bewaffneter Unbekannter baut sich bedrohlich vor zwei Freunden in Hanau auf. Als die beiden den Vorfall der Polizei melden wollen, stehen sie plötzlich selbst als Beschuldigte da. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft nach hr-Informationen gegen die Polizei.

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zum Video Vorwürfe gegen Hanauer Polizei

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Haushohe Bäume, saftig grünes Gras, zwitschernde Vögel: Der Waldparkplatz in Hanau zwischen Wilhelmsbad und Mittelbuchen ist ein ruhiges Plätzchen. "Eigentlich", sagt Nicki Chandler, "bis dann plötzlich ein Bewaffneter vor dir steht."

Ende April war die 28-Jährige mit ihrem Freund Abdulkerim Saglam hier - abends, zum Chillen, wie sie erzählt. Plötzlich habe sie ein Autofahrer angeleuchtet und geblendet, zuerst mit einer Taschenlampe, wenige Minuten später dann auch mit dem Fernlicht des Autos. "Da bin ich zu dem Auto gelaufen, um zu fragen, was das soll", beschreibt der 24 Jahre alte Saglam die Situation. "Durch das blendende Licht konnte ich zuerst nichts erkennen. Als ich an den Scheinwerfern vorbei war, konnte ich sehen, wie er da stand: mit der Hand an der Waffe."

Der Unbekannte habe am Hosenbund ein Holster getragen und signalisiert: 'Bleib zurück - sonst bin ich bereit zu schießen!' Der Mann habe seine Waffe halb aus dem Holster gezogen, sich dann aber beruhigen lassen. Schließlich sei der Unbekannte, der grüne Jagdkleidung trug, ohne Erklärung davongefahren. "Wir standen beide komplett unter Schock", erinnert sich Chandler. "Abdulkerim hat dann sofort die Polizei angerufen."

"Da fährt ein Irrer mit einer Knarre rum"

Der Notruf landet bei der Polizeistation am Freiheitsplatz in der Hanauer Innenstadt. Doch dort habe man die beiden nicht ernst genommen. Statt eine Anzeige wegen des Unbekannten aufzunehmen, sei ihnen mit einer Anzeige gedroht worden - wegen des Verstoßes gegen das Corona-Schutzgesetz. Damals galt in Hanau eine nächtliche Ausgangssperre. Das Telefonat sei daraufhin vom Polizisten beendet und weitere Kontaktversuche geblockt worden. "Die haben uns abgewimmelt", fasst Nicki Chandler im Gespräch mit dem hr zusammen. Hilflos habe sie sich gefühlt, fassungslos. "In dem Moment fährt ja noch irgendein Irrer mit einer Knarre rum."

Die Situation lässt die beiden nicht los. Am frühen Morgen fahren sie deshalb zur Polizeistation, um die Anzeige persönlich aufzugeben. Dort verwehrt die Polizei den beiden aber den Zutritt. "Natürlich wollte ich mich nicht schon wieder abwimmeln lassen und einfach so weggehen", sagt Abdulkerim Saglam. Schließlich kommt es zu einem Gespräch über die Gegensprechanlage zwischen ihm und einem Polizisten.

"... sonst hau ich dir auf die Fresse!"

Von diesem Gespräch existiert eine Tonaufzeichnung, aus der der hr zitieren kann. Darin wird deutlich, dass der Beamte dem jungen Hanauer immer wieder droht: "Verpiss dich jetzt, sonst komm ich raus und hau dir auf die Fresse!" Während Saglam betont, er könne nicht schlafen und wolle über den Vorfall reden, bezeichnet der Polizist ihn als "Vollidioten" und droht, ihn "in die Zelle“ zu stecken. Insgesamt dauert das Gespräch knapp zweieinhalb Minuten.

Experten bewerten das Auftreten des Hanauer Polizisten als krasses Fehlverhalten. "Auf diese Art und Weise zu drohen, ist vollkommen inakzeptabel", findet Martin Kirsch von der Polizeivereinigung PolizeiGrün. Nach Kirschs Erfahrung sei das aber auch nicht üblich. So sollte dieser Fall auch nicht auf die gesamte Hanauer Polizei übertragen werden. "Problematisch kann aber jeder Einzelfall sein", mahnt er.

Vertrauen in die Polizei verloren

Gerade in der Stadt, in der am 19. Februar vergangenen Jahres ein Mann aus rassistischen Motiven neun Menschen erschoss, hätten sich Betroffene vermutlich mehr Sensibilität bei einem solchen Vorfall gewünscht. Zumal es Parallelen zu anderen Zwischenfällen gibt. So berichten Jugendliche von einem Ereignis im Jahr 2018. Auch da ging es um einen unbekannten Mann mit Waffe. Auch da fühlten sich die jungen Menschen von der Polizei nicht ernst genommen. Die Jugendlichen sagen: Der Unbekannte war der spätere Attentäter des rassistischen Anschlags. Nach Angaben der Ermittler lässt sich das heute nicht belegen, aber auch nicht widerlegen.

"Hanau hat so viel erlebt: Neun junge Menschen haben ihr Leben verloren, weil man nicht richtig hingeschaut hat. Wer weiß, wie das jetzt für uns hätte ausgehen können?", fragt sich Chandler. "Wozu rufe ich die Polizei? Vertrauen existiert da eigentlich nicht mehr."

SPD und Linke kritisieren den Vorfall

Kritik kommt auch von der SPD-Vorsitzenden in Hessen, Nancy Faeser. "Wieder einmal stellt sich die Frage, welche Zustände eigentlich im Verantwortungsbereich von CDU-Innenminister Peter Beuth herrschen", sagt sie. Natürlich handele es sich um einen Einzelfall, der aber erneut das Vertrauen der Menschen in die Polizei beschädige und zwangsläufig die überwiegende Mehrheit der Beamtinnen und Beamten belaste, die ihren Dienst engagiert und untadelig leisten würden.

Auch die migrationspolitische Sprecherin der Linken im hessischen Landtag, Saadet Sönmez, übt scharfe Kritik: "Wenn die Polizei Opfern von Bedrohungen nicht hilft, sondern sie abweist, ignoriert und ihnen sogar mit Gewalt droht, ist das Staatsversagen." Der aktuelle Fall aus Hanau sei kein Einzelfall, sagt die Abgeordnete. Immer wieder berichteten insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund davon, das Vertrauen in die Polizei verloren zu haben, weil sie von ihr keine Hilfe erfahren würden.

Disziplinarrechtliches Verfahren

Immerhin: Das zuständige Polizeipräsidium Südosthessen erklärt auf Nachfrage, es laufe ein disziplinarrechtliches Verfahren, der Beamte sei zudem versetzt worden. Die Hanauer Staatsanwaltschaft ermittelt nach hr-Informationen mittlerweile auch strafrechtlich gegen den Polizisten wegen Strafvereitelung im Amt sowie gegen den Unbekannten mit der Waffe wegen Bedrohung und Nötigung, außerdem wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Abdulkerim Saglam stellt das immerhin ein bisschen zufrieden. "Ich hoffe einfach nur noch auf die Gerechtigkeit - und dass mir diese Hoffnung nicht weggenommen wird", sagt er. "Dass mein Vertrauen noch aufrecht erhalten wird durch die Gerechtigkeit, durch den Staat, durch die Gesetze. Dass es nicht unter den Teppich gekehrt wird und gesagt wird, dass es ein Einzelfall war."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 28.05.2021, 19.30 Uhr