Ein brutaler Angreifer hat einen ähnlichen Namen wie Ermias Tewolde Keleta. Für den jungen Studenten und Dolmetscher aus Gießen hat das schwerwiegende Folgen.

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zum Video Student zu Unrecht verdächtigt

hs
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Mehr als fünf Jahre ist es her, dass Ermias Tewolde Keleta zu Unrecht in den Fokus von Ermittlungsbehörden gerät. In einer Juli-Nacht 2015 schlägt ein Angreifer am Rande einer Feier von Deutsch-Eritreern in Frankfurt zwei Menschen mit Bierflaschen nieder. Wenig später wird gegen den damals 20-jährigen Keleta aus Gießen wegen Körperverletzung ermittelt, obwohl er mit der brutalen Tat nichts zu tun hat. Erst jetzt denkt der junge Mann darüber nach, eine Entschädigung zu fordern, denn der falsche Verdacht hat bis heute Folgen für ihn.

Der Abend im Juli 2015 ist Keleta gut im Gedächtnis, denn er und weitere junge Geflüchtete einer AWO-Wohngruppe packen bei einem Sommerfest in Gießen mit an. "Da waren wir eingeladen und haben nebenbei auch gearbeitet", erinnert sich der aus Eritrea stammende Gießener. Dafür gibt es Zeugen. Dass er die brauchen würde, kann Keleta nicht ahnen, als er nach getaner Arbeit ins Bett geht. Kurz darauf erfährt er, dass die Polizei ihn für den nächtlichen Angreifer in Frankfurt hält.

Ähnlicher Name führt Ermittler nach Gießen

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eine Verwechslung mit Folgen

Portrait von Ermias Tewolde Keleta in seiner Wohnung.
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Der Grund: Opfer und Zeugen des Angriffs sagen aus, der Name des Täters sei Ermias Tewolde. Das sind allerdings Namensteile, die in Eritrea häufig vorkommen. Doch die Ermittler führt das offenbar geradewegs zum damals 20-jährigen Ermias Tewolde Keleta nach Gießen. Dabei hat eines der beiden Opfer der Attacken, Samuel M., in einer schriftlichen Zeugenaussage erklärt: "Der Täter ist ein Bekannter von mir, den ich seit zehn Jahren kenne."

Der mutmaßliche Täter ist demnach rund 20 Jahre älter als der Student aus Gießen. Er soll zum Zeitpunkt des Übergriffs eine Führungsfigur der Gruppe "Eri-Blood" gewesen sein. Die trat als Sicherheitsdienst bei Veranstaltungen auf und galt als verlängerter Arm der autoritären Staatsführung in Asmara.

Nichts davon scheint den Ermittlern damals bekannt zu sein. Und die Aussage von Samuel M. - der schriftlich festhält, er werde aus dem Umfeld des mutmaßlichen Täters bedroht, damit er schweigt - wird offenbar viele Monate lang ignoriert. Eine Stellungnahme der Polizei Frankfurt steht noch aus. Die Beantwortung der Fragen, wie es zu dem falschen Verdacht kommen konnte, erfordere viel Aufwand, heißt es.

Verfahren eingestellt - Job weg

So vergeht nach der Bierflaschen-Attacke in Frankfurt mehr als ein Jahr, bis die Ermittlungen gegen den unschuldigen Studenten aus Gießen ein erstes Mal eingestellt werden. Weil es eine so genannte Nachvernehmung des Opfers Samuel M. gibt, wird das Verfahren noch einmal aufgenommen. Auch in dieser Vernehmung sagt Samuel M. aus, dass der Täter zirka 40 Jahre alt sei und in Frankfurt wohne. Wenig später wird das Verfahren ein zweites Mal eingestellt. Diesmal versehen mit dem klaren Hinweis, dass eine Verwechslung vorliegt. Doch für Keleta ist die Geschichte nicht vorbei.

Plötzlich darf er nicht mehr als Übersetzer in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete arbeiten. Im Oktober 2016 wird er dort quasi abgeführt: "Gegen neun Uhr hat mein Einsatz begonnen, gegen zehn Uhr sind die Security-Leute zu mir gekommen und haben gesagt: 'Du musst uns begleiten.' Das waren zwei Security-Leute, von denen wurde ich begleitet – raus aus dem Camp", erinnert sich Keleta.

18 Monate als Dolmetscher gesperrt

Die Jobsperre durchs Gießener Regierungspräsidium (RP) dauert 18 Monate - bis zum April 2018. Die Sperre ist eine Spätfolge der Namens-Verwechslung, denn durch die Beschuldigung kommt es zu einem Eintrag ins Polizeiregister. Mittlerweile ist dieser Eintrag gelöscht. Warum Keleta dennoch 18 Monate nicht als Dolmetscher arbeiten durfte, dazu will sich das RP auf Nachfrage nicht äußern. "Da es um ein persönliches und privatrechtliches Vertragsverhältnis geht, erteilen wir hierzu grundsätzlich keine Auskünfte."

Als seine Haupteinnahmequelle wegfällt, muss sich Ermias Tewolde Keleta mühsam über Wasser halten. "Finanziell war es schon schwierig mit dem Studium nebenher", erinnert er sich. Mit Minijobs und Nachhilfe hält er sich über Wasser, einige Male leiht er sich auch Geld von seinen Cousins. Heute darf der Mann, der fünf Sprachen spricht, wieder überall als Übersetzer arbeiten. Deutscher ist Keleta inzwischen auch. Aber wenn er in eine Polizeikontrolle gerät, was, wie er sagt, häufiger vorkommt, dann hat er immer noch ein mulmiges Gefühl.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.01.2021, 19.30 Uhr