Die Bundespolizei am Frankfurter Flughafen greift bei Abschiebungen immer häufiger zu Gurten und Fesseln. Laut Polizei leisten immer mehr Betroffene Widerstand, die Fixierung diene der Sicherheit. Der Hessische Flüchtlingsrat hat noch eine andere Erklärung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mehr Widerstand - und mehr Härte bei Abschiebungen

Abschiebung am Frankfurter Flughafen.
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Wie schnell man als abgelehnter Asylbewerber unmittelbar vor der Abschiebung stehen kann, hat kürzlich Serkan S. erlebt. Der Friseur-Azubi wurde im Juni von der Polizei mitgenommen, als er gerade einem Kunden die Haare schnitt. Am Frankfurter Flughafen wartete schon ein Flieger in die Türkei auf ihn. Doch S. weigerte sich einzusteigen.

Mit seiner Weigerung leistete S. passiven Widerstand. Daraufhin hätten ihm die Polizisten gedroht, ihn beim nächsten Abschiebeversuch zu fesseln und ins Flugzeug zu schleppen, erinnert sich S. Das Polizeipräsidium Offenbach bestätigt den Einsatz gegen S. und hält es auch für "denkbar, dass dem Betroffenen mögliche weiterführende Maßnahmen erklärt wurden".

Deutlich mehr Hand- und Fußfesseln

Tatsächlich werden bei Abschiebungen am Frankfurter Flughafen immer häufiger Bänder, Gurte und Fesseln eingesetzt, um Ausreisepflichtige zu fixieren. Das geht aus Zahlen der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen hervor. Danach wurden bis Juni 2019 in 300 Fällen Plastikhandfesseln und in 400 Fällen Fußfesseln angelegt. Das ist anderthalb Mal so viel wie im gesamten vergangenen Jahr.

Den deutlichen Anstieg erklärt die Bundespolizei mit "vermehrten Widerstandshandlungen". Weshalb sich das Verhalten vieler Rückzuführender in dieser Hinsicht verändert hat, entziehe sich jedoch der Kenntnis der Bundespolizei, heißt es in der Erklärung weiter.

Zeitgewinn durch Widerstand

Aus Polizeikreisen ist jedoch zu hören, dass in bestimmten Fällen eine Häufung zu beobachten ist: Es leisten demnach vor allem Asylbewerber Widerstand, die in andere europäische Länder überstellt werden sollen.

Nach dem so genannten Dublin-Übereinkommen muss die Überstellung innerhalb von sechs Monaten erfolgen. Gelingt das nicht, wird automatisch Deutschland zuständig für das Verfahren und der Asylbewerber kann erst mal hier bleiben. Für solche Asyl-Bewerber könne es sich lohnen, einen Abbruch der Rückführung zu provozieren, so die Erklärung.

Flüchtlingsrat: Sammelabschiebungen ohne soziale Kontrolle

Der Hessische Flüchtlingsrat hat aber noch eine andere Theorie: Die Bundespolizei organisiere immer mehr Sammelabschiebungen mit eigens gecharterten Flugzeugen. Im Gegensatz zu Abschiebungen in Linienflügen gebe es dort keine soziale Kontrolle durch normale Flugbegleiter und andere Fluggäste. Die Beamten könnten dort womöglich eine härtere Gangart an den Tag legen und eher zu Fesseln greifen.

Dem Friseur-Azubi Serkan S. blieb eine solche Behandlung erspart. Im letzten Moment konnte sein Anwalt die Abschiebung abwenden. Wegen seiner Ausbildung hat S. Bleiberecht, inzwischen hat er eine Duldung für ein Jahr. Die Beamten mussten ihn wieder zum Friseur-Salon in Heusenstamm zurückbringen - und dort warteten schon neue Kunden auf ihn.

Sendung: hr-iNFO, 27.08.2019, 6 Uhr