Die angehenden Polizisten Sara Yambu und  Austen Wittig

Rechte Chats, rechte Drohbriefe: Das Image ihres künftigen Berufes hat gelitten. Zwei hessische Polizeianwärter mit Migrationshintergrund sagen, warum sie trotzdem Polizisten werden wollen und was das für sie bedeutet.

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Schon als Kind hat Austen Wittig alles geliebt, "was blinkt, blitzt und Krach macht". Und ein grünes Bobbycar mit aufgeklebtem Blaulicht hatte er auch. Als der 21-Jährige aus Schöffengrund (Lahn-Dill) später Polizist werden wollte, war das für seine Familie trotzdem überraschend.

Die Familie von Wittigs Mutter stammt aus dem afrikanischen Sierra Leone. Er ist noch mitten im Studium, absolviert die Ausbildung zum gehobenen Dienst. Ein Polizeianwärter mit Migrationshintergrund. Was für das eigene Umfeld und Außenstehende noch eine Besonderheit sein kann, wird immer mehr zum Alltag.

Berufliches Ziel: Gutes tun

Auch bei der hessischen Polizei. Ihrem Ansehen schaden seit Monaten rechte Umtriebe in Whatsapp-Gruppen, illegale Datenabfragen im Zusammenhang mit NSU 2.0-Drohungen und der Vorwurf des Racial Profilings schwer, also der Benachteiligung von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe. Gerade in den hessischen Sicherheitsbehörden hat es offenbar in den vergangenen Jahren besonders viele rechtsextreme Verdachtsfälle gegeben. Gleichzeitig haben immer mehr Beamte Eltern oder Großeltern, die nach Deutschland eingewandert sind.

"Ich wollte ein Beruf, der abwechslungsreich und spannend ist“, sagt Wittig zur Wahl seines Ausbildungsberufs. Und er will etwas bewegen. Seine Anwärterkollegin Sara Yanbul formuliert es ähnlich. Sie wolle als Polizistin "Gutes tun“, sagt die 22-Jährige aus Gießen. Ihre Familie hat türkische Wurzeln.

Islam und RnB

Die angehende Kriminalkommissarin ist gläubige Muslima und leidenschaftliche Sängerin. In Gießener Karaoke-Bars kann man sie ab und zu singen hören – am liebsten RnB-Musik, Songs von Alica Key zum Beispiel. Bei der Probe der zentralen Polizeinanwärter-Vereidigung im vergangenen Jahr lief Yanbuls moderne Version der Nationalhymne vom Band.

"Ich bin Teil dieser Gesellschaft", sagt sie selbstbewusst. Ihre Eltern hätten sie offen erzogen und seien stolz darauf, dass sie sich als Polizistin für Grundrechte und eine "so tolle Demokratie" einsetze.

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Polizeichef hofft auf mehr Beamte aus Migrantenfamilien

Ein strukturelles Rassismusproblem kann Frankfurts Polizeipräsident Gerhard Bereswill in den eigenen Reihen nicht erkennen. Beim Kampf gegen Vorurteile unter Beamten, aber auch gegen falsche Vorwürfe setzt er auf einen noch höheren Anteil von Polizisten mit Migrationshintergrund, wie Bereswill im Sommer im hr-iNFO-Interview sagte.

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"Migrationshintergrund" – gegen diesen Begriff hat die junge Frau nichts, die wie ihr Kollege Wittig in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Und für die Polizei ist die Herkunft der Familien offiziell sowieso kein wichtiger Faktor.

Aus Datenschutzgründen darf danach nicht einmal gefragt werden. Eine interne, auf freiwilliger Basis erhobene Umfrage des Innenministeriums hat vergangenes Jahr ergeben: Inzwischen hat mehr als jeder fünfte Bewerber für den Polizeidienst einen solchen Migrationshintergrund.

Letztes Argument: Rassismus

Heikle Situationen und auch Beleidigungen gehören im Dienst zum Alltag. Das haben Sara Yanbul und Austen Wittig schon mehr als einmal erfahren, auch wenn sie noch keine fertigen Polizisten sind. Als Anwärter absolvieren sie Praktika in verschiedenen hessischen Polizeistationen. Am ehesten werde man bei alltäglichen Einsätzen angegangen, etwa bei eher harmlosen Ordnungswidrigkeiten.

Polizeianwärter Wittig (l.) kontrolliert Anwärterin Yambul bei einer Übung.

"Wenn die Leute unter Stress sind, diskutieren sie gerne. Und wenn ihnen die Argumente ausgehen, wird man dann auch als Rassist beleidigt. Dann heißt es: Ihr macht das nur, weil ich die und die Herkunft habe", sagt Wittig. Diese Erfahrungen machen auch ältere Kollegen mit Migrationshintergrund - und die auch selbst Opfer rassistischer Beschimpfungen werden.

Er habe schon gelernt, sich da auf keine Diskussion einzulassen, sagt Wittig zu Anfeindungen im Dienst. "Als Polizist muss man sachlich bleiben und versuchen, die Lage kommunikativ zu lösen." Weil das in der Praxis sehr schwierig werden kann, gehört es zur praktischen Ausbildung. Die Anwärter sollen lernen, Beleidigungen an sich abprallen zu lassen. Korrekt zu sein ist immer angesagt. Ein kühler Kopf kann lebenswichtig sein, wenn der andere bewaffnet ist.

Wird manches verzerrt?

Und Rassismus in der Polizei? Wittig und Yanbul selbst haben ihn nach eigenen Angaben bislang nicht erlebt, auch nicht am eigenen Leib. Rechtsextremismus sei ein ernsthaftes Problem, auch in den Sicherheitsbehörden – das sagen beide.

Aber Polizeianwärterin Yanbul glaubt, dass in der Debatte auch ein verzerrtes Bild gezeichnet werde. Sie spricht zum Beispiel von "sogenannten Gewalteinsätzen", bei denen es sich häufig um legale Maßnahmen handele. "Oft werden bei den Berichten darüber Hintergründe nicht ersichtlich oder nicht erklärt." Ein Video von einem Einsatz in Frankfurt hatte gerade zu Protesten geführt.

Das gesunkene Ansehen der Polizei in der Gesellschaft hat die Berufswahl Wittigs und Yanbuls nicht geändert. Zu denken gibt es den beiden Anwärtern aber schon. Und auch der wachsende Hass, der Polizisten wie zuletzt an der Alten Oper in Frankfurt so offenkundig und gewaltsam gerade von jungen Menschen entgegenschlägt, die wie sie aus Migrantenfamilien stammen.

Sara Yanbul will deswegen auch Vorbild sein. Sie hätten ja auch deshalb die Polizeiuniform gewählt, weil sie zeigen wollten: "Wir versuchen, das Ganze gesellschaftlich ins Positive zu wenden."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 27.09.2020, 19.30 Uhr