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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Für die einen der "Kanake", für andere der "Nazis"

Wenn der Polizist mit Migrationshintergrund als Nazis beschimpft wird

Die aktuellen Rassismus-Vorwürfe gegen die Polizei belasten einer Umfrage zufolge viele Beamte, auch in Hessen. Geradezu absurd ist das für Beamte mit Migrationshintergrund. Denn sie erleben selbst Rassismus, wie ein Betroffener berichtet.

"Ich habe einen dunklen Phänotyp." So beschreibt sich Oberkommissar Issak Ono selbst im typischen Polizei-Sprech. Was er meint, ist klar: Die Augen, die Haare, die ganze Erscheinung sind dunkler als bei den meisten seiner Kollegen. Manchen fällt er deshalb auf. Und das bekommt er zu spüren. Deshalb möchte er seinen richtigen Namen hier auch nicht lesen. Der Polizist Ono heißt eigentlich anders.

"Das tut sehr weh"

Es komme vor, sagt Ono, dass Bürger gar nicht mit ihm sprechen wollten und nach einem "deutschen" Kollegen verlangten – eine krasse Form der Ablehnung. Sehr ärgere ihn aber auch die beiläufige Bemerkung: "Oh, Sie sprechen aber gut Deutsch." Das einfach abprallen zu lassen, gelingt ihm nicht immer. "Das tut sehr weh", sagt Ono, der in Hessen aufgewachsen ist und seit zehn Jahren bei der hessischen Polizei ist.

In solchen Momenten stelle er sich ganz fundamentale Fragen: "Bin ich in dieser Gesellschaft überhaupt gewollt? Anerkannt?“ Dann frage er sich, was er denn noch mehr tun könne , als im Dienste des Staates für Recht, Ordnung und Sicherheit zu sorgen.

Was Issak Ono Halt gibt, sind seine Kollegen. "Das ist wie eine Familie", sagt er. Und einige teilen offenbar auch die Rassismus-Erfahrung. Bei einer Umfrage im Auftrag des hessischen Innenministeriums gab fast die Hälfte der Teilnehmer an, rassistisch beleidigt worden zu sein. Das schließt laut Ministerium auch Beamte ohne Migrationsgeschichte ein. Die hören dann Schmähwörter wie "Scheiß-Deutscher" oder "Kartoffel".

"Dunkler Phänotyp" schützt nicht vor Nazi-Vorwurf

Anti-deutsche Schmähungen fallen allerdings nicht für alle Experten unter den Rassismus-Begriff. Rassistisch sei es, eine Minderheit auszugrenzen und abzuwerten, sagte Olivia Sarma, Leiterin der Beratungsstelle Response, die sich um Opfer von Rassismus und rechter Gewalt kümmert. Als weißer Deutscher sei man aber hierzulande Teil einer Mehrheit. Und als Polizist sei man ohnehin in einer Position der Stärke.

Genau das wird Polizisten oft pauschal vorgeworfen: Ihre Machtposition zu missbrauchen und rassistisch zu handeln. Bei der Umfrage des Innenministeriums erklärten 44 Prozent der teilnehmenden Beamten, dass solche Vorwürfe sie sehr belasten. Die Umfrage hat das Ministerium vor einem halben Jahr machen lassen. Ono glaubt, dass Beamte derzeit noch häufiger mit dem Rassismus-Vorwurf konfrontiert werden – die aktuelle Debatte über Polizeigewalt zeige Wirkung.

Auch er werde schon mal als Rassist oder Nazi tituliert. Für ihn eine absurde Situation. Sonst als "Kanake" geschmäht, soll er plötzlich ein Fremdenfeind sein. Er erklärt sich das so: Bei diesen Bürgern laufe die Assoziationskette ab: Polizei – Polizeistaat – Gewalt – Nazi. Sogar sein "dunkler Phänotyp" kann ihn dann vor dem Nazi-Vorwurf nicht schützen.

Sendung: hr4, 9.7.2020, 6.40 Uhr