Foto der Straßenbeschilderung "Lüderitzstraße". Der Himmel hinter bzw. über dem Schild wurde durch eine terrafarbene Fläche ersetzt.

Wie viel Kolonialismus steckt im Kasseler Bergpark - und was hat das mit der Anti-Rassismus-Initiative "Black Lives Matter" zu tun? Ein Gespräch mit zwei Kasseler Forschern über koloniale Spuren in Nordhessen, Schädel in Marburg, Bismarck und den Gegenwind bei aktuellen Debatten.

In den USA stürzten Demonstranten Statuen von Sklavenhaltern, in England wurde die Statue eines Sklavenhändlers beschmiert und in den Fluss geworfen - auch Deutschland war eine Kolonialmacht. Noch heute sind an vielen Orten Spuren sichtbar. Trotzdem laufen viele vorbei, ohne es zu merken, etwa im Kasseler Bergpark. Dort fehlen Hinweisschilder, die auf die koloniale Geschichte und Ausbeutung von Schwarzen hinweisen.

Aram Ziai ist Professor an der Uni Kassel und Leiter des Fachbereichs Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien. Ziai und Franziska Müller sind Mitglieder der Gruppe "Kassel postkolonial" und haben einen postkolonialen Stadtrundgang entwickelt. Müller ist Juniorprofessorin für Globalisierung und Globale Klimapolitik an der Uni Hamburg. Ein Gespräch über koloniale Spuren und darüber, warum Straßen nicht nach Kriegsverbrechern benannt sein sollten.

hessenschau.de: Dass Deutschland Kolonien hatte, scheint für viele weit weg. Dabei gibt es viele Orte mit einer kolonialen Geschichte. Sie haben sich etwa den Kasseler Bergpark angeschaut, der heute vor allem als Touristenziel und Unesco-Welterbe bekannt ist.

Franziska Müller: Der Bergpark ist ein interessanter Fall. Dort gab es das "Chinesische Dorf" Mou-Lang, angelegt im 18. Jahrhundert: Damals galt es als schick, dass man Weltläufigkeit in gärtnerischer Form demonstriert. Mit Mühle, Stall und Milchhäuschen wurde ein idyllisches Landleben inszeniert. Landgraf Friedrich II. wollte chinesisches Personal anstellen, hat aber keines gefunden - stattdessen haben dort rund 50 schwarze Menschen gearbeitet, die von nordhessischen Offizieren aus den amerikanischen Befreiungskriegen als Kriegsbeute verschleppt wurden.

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Viele von ihnen starben früh, und nach ihrem Tod wurden ihre Körper von Samuel Thomas Soemmerring, der damals Professor am Kasseler Kollegium Carolinum war, für anatomische Studien genutzt. Sein Ziel war es, im Geiste der Aufklärung menschliche Körper zu klassifizieren und eine Hierarchie angeblicher Menschenrassen herzustellen. Diese Studie bildet eine der frühen Grundlagen für wissenschaftlichen Rassismus und wird bis heute in rechtsextremen Argumentationsfiguren genutzt.

Einige dieser Häuschen im Bergpark sind noch erhalten wie der Kuhstall und die Pagode, eines kann man als Gästehaus mieten - aber es gibt keinen Hinweis zur kolonialrassistischen Geschichte und der Arbeit schwarzer Menschen. Vielen ist das unbekannt. In Kassel gibt es auch noch einen  Soemmerringplatz, in Frankfurt gibt es eine Sömmerringstraße. Da würde ich es zumindest für geboten halten, Hinweise anzubringen oder die Straßen umzubenennen.

hessenschau.de: Herr Ziai, auch der Campus der Uni Kassel steht an einem Ort mit postkolonialer Geschichte.

Aram Ziai: In Kassel sind die Henschelwerke stadtbekannt, das ehemalige Werksgelände ist heute der Campus der Universität. Es gibt mittlerweile Gedenktafeln, die an die Zeit im Nationalsozialismus erinnern. Dass die Henschelwerke auch im Kolonialismus eine wichtige Rolle gespielt haben, wird in der Regel nicht gesehen.

Aus unserer Perspektive ist das sehr bedauerlich: Die Henschelwerke haben Lokomotiven hergestellt für den Truppentransport in Deutsch-Südwest-Afrika, die damalige Kolonie auf dem heutigen Territorium von Namibia. Dort haben die deutschen Truppen den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts an den Herero und den Nama verübt, und das war nur möglich, weil diese Truppen über die Schienen in die aufständischen Regionen gebracht wurden.

hessenschau.de: Im Kasseler Stadtteil Forstfeld gibt es das "Afrika-Viertel", mit einer Windhukstraße und einer Togotraße. Dort gibt es auch die Lüderitzstraße. Auf dem Hinweisschild zu Adolf Lüderitz steht lediglich, er sei ein "in den Kolonien tätiger Großkaufmann". Ein Betrug hat ihm den Spitznamen "Lügenfritz" eingebracht.

Ziai: Lüderitz hat bei der Entstehung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika eine entscheidende Rolle gespielt, er hat 1883 einen Vertrag abgeschlossen durch den das Gebiet überhaupt zur Kolonie werden konnte: Dabei hat Lüderitz Einheimischen Land abgekauft und nachher reklamiert, dass es bedeutend mehr Gebiet sei, weil er statt der gängigen Meile von 1,6 Kilometern eine sogenannte deutsche Meile von sieben Kilometern als Maßstab angesetzt hat. Das hatte zur Folge, dass es plötzlich ein riesiges Gebiet war.

hessenschau.de: Nicht nur in Kassel gibt es Spuren von Kolonialgeschichte, Sie beschäftigen sich auch mit Witzenhausen.

Ziai: In Witzenhausen gibt es die ehemalige Kolonialschule, heute ist dort das Institut für tropische Landwirtschaft der Uni Kassel. Bis 1944 wurden in der Kolonialschule sogenannte Kulturpioniere ausgebildet für die landwirtschaftliche Arbeit in den Kolonien, rund 2.000 Männer und einige wenige Frauen.

Das Motto war, "Mit Gott für Deutschlands Ehr', daheim und überm Meer". Neben Landwirtschaft wurde dort auch eine koloniale Geisteshaltung vermittelt: Es war ein Ort voll von Kolonialismus, Militarismus und Antisemitismus - und zwar noch vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten.

Der jetzige Institutsleiter ist sehr aufgeschlossen, es gab wissenschaftliche Arbeiten zur Kolonialschule und die "Witzenhausen postkolonial"-Gruppe engagiert sich ebenfalls entsprechend. Der kolonalgeschichtliche Kontext ist also stärker im Bewusstsein als das etwa beim Bergpark der Fall ist. Aktuell gerät stärker ins Bewusstsein, dass wir nicht nur eine nationalsozialistische, sondern auch eine koloniale Vergangenheit haben, die in Überresten auch immer noch präsent ist.

hessenschau: In Museen und an medizinischen Fakultäten gibt es noch koloniale Spuren, in Marburg gibt es noch eine Schädelsammlung aus der Kolonialzeit.

Müller: An Universitäten mit medizinischer Fakultät gibt es noch häufiger solche Sammlungen und vermehrt finden Restitutionsprozesse statt. Wir fragen uns etwa: Welche Möglichkeiten gibt es, etwas über die sterblichen Überreste der Arbeiter und Arbeiterinnen vom Bergpark herauszufinden, die vermutlich in Marburg lagern? Und wie kann man dafür sorgen, dass sie eine würdige Bestattung bekommen und ihren Nachfahren zurückgegeben werden?

Zu solchen Fragen laufen teils umfangreiche Rückgabeprozesse. Es ist schon viel ins Rollen gekommen an Universitäten und Museen, ich hoffe, dass das noch intensiver wird.

Ziai: Wir müssen daran denken, dass vieles, was wir in Museen bewundern, Raubgüter sind, die aus Unrechtsregimen stammen. Es gab einen Antrag der AfD-Bundestagsfraktion, der forderte, die Kolonialzeit "differenziert" aufzuarbeiten. Mit diesem Antrag wurde gleichzeitig der Genozid an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika geleugnet und erklärt, man müsse auch die positiven Seite des Kolonialismus sehen.

hessenschau.de: Viele wollen die Kolonialgeschichte lieber ruhen lassen?

Müller: Es braucht nicht nur eine wissenschaftliche Debatte, sondern es muss eine politische Debatte sein, die aber sehr umkämpft ist. Es kommt auch viel Hetze, wenn solche Themen angesprochen werden, da braucht man ein dickes Fell. Es gibt unglaublichen Gegenwind, wenn man über Kolonialgeschichte spricht, im Gegensatz zum Nationalsozialismus trauen sich da Leute zu sagen, das solle schön in der Vergangenheit liegen bleiben.

hessenschau.de: Die AfD-Hessen hat vergangene Woche eine Pressemitteilung rausgegeben, in der sie die Angst haben, "Linksextreme" könnten die 12 Bismarcktürme in Hessen stürzen - ohne dass schon etwas in diese Richtung passiert ist. In der Debatte um den Sturz von Denkmälern hieß es häufiger, man solle auch problematische Statuen stehen lassen - weil das eben Teil der Geschichte ist.

Müller: Die Bismarck-Türme wurden von einer Bismarck-Gedächtnisgesellschaft in ganz Deutschland an landschaftlich schönen Punkten aufgestellt. Wegen der schönen Aussicht können die meinetwegen stehen bleiben. Das weitgehend tolerierte Gedenken an Bismarck muss dringend problematisiert werden. Bismarck wird als kluger, konservativer Staatsmann und Stratege dargestellt, nach dem weiterhin viele Straßen benannt sind. Dabei hat er auch die Kongokonferenz 1884/85 einberufen, wo es darum ging, Afrika aufzuteilen, um dafür zu sorgen, dass Deutschland seinen "Platz an der Sonne" bekommt.

So konnten Genozide an den Herero und Nama erst passieren. Die Bismarcktürme zementieren einen unpolitischen und für eine Demokratie fragwürdigen Politikerkult aus vergangener Zeit. Außerdem halten sie koloniale Kontinuitäten aufrecht: Bismarcktürme stehen auch noch in ehemaligen Kolonien, etwa in Papua-Guinea und Tansania.

Ziai: Es geht doch darum, die Geschichte in einem neuen Licht zu sehen. Wenn man jetzt sagt, die Statuen von Kolonialherrschern seien Teil dieser Geschichte und müssten stehenbleiben, ist das ein Argument, das man ohne weiteres für Hitler oder Hindenburg anwenden könnte. Aber da wäre man sich wohl der Gefahr bewusst, dass ein Hitler-Denkmal auch von Rechtsextremen zum "Gedenken" benutzt wird, wo dann vielleicht zum "Führergeburtstag" eine unrühmliche Geschichte gefeiert wird.

Wir finden eine kritische Aufarbeitung wichtig, aber nicht wenn es ein Heldengedenken ist. Straßennamen sollten nicht nach Kriegsverbrechern benannt sein, sondern nach Personen, mit denen man Positives und Emanzipatives verbindet. Aufgabe einer Debatte wäre, Alternativen zu finden - etwa Befreiungskämpfer in den Kolonien, Personen, die für Werte wie Frieden und Freiheit einstanden, die wir heute auch vertreten.

hessenschau.de: Die AfD-Hessen hat bei den Bismarcktürmen behauptet, es tobe ein "Kulturkampf", der die Deutschen von ihrer Identität trennen wolle. Zum Nationalsozialismus sind viele dieser Diskussionen schon geführt worden.

Ziai: Genau diesen Unterschied zwischen dem Umgang mit dem Kolonialismus und dem Nationalsozialismus sehen wir ganz deutlich. Wir haben uns Schulbücher angeschaut, und bei der Kolonialzeit gab es oft ein Pro und Contra, das auch auf angebliche Vorzüge dieser Zeit hinwies. Das würde sich beim Nationalsozialismus aus Respekt vor den Opfern niemand trauen, außer die harten Nazis, die von Autobahnen schwadronieren. Es gibt offenbar unterschiedliche Maßstäbe. Wir sollten Völkermorde an nicht-weißen Menschen in Kolonien nicht weniger ernst nehmen.

Müller: Durch "Black Lives Matter" wird auch in Deutschland endlich mehr über Rassismus diskutiert, mit einer anderen Qualität und einer radikaleren Analyse als früher. Aber wir sprechen vielleicht deswegen mit so extremer Verspätung über rassistische Strukturen, weil wir den eigenen Kolonialrassismus nie aufgearbeitet haben.

Bei unseren Stadtspaziergängen zu Kassel postkolonial fangen wir deswegen in der Gegenwart an, beim Halit-Yozgat-Platz, wir sprechen über den Mord an Walter Lübcke und fragen dann, was konnte einen solchen Rassismus überhaupt hervorbringen? Entlang einzelner Stationen gelangen wir schließlich zur früheren Wirkungsstätte Soemmerrings, wo wir am Beispiel des Bergparks und des "chinesischen Dorfes" über wissenschaftlichen Rassismus sprechen.

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Kultusministerin Dorn: "Bewusstsein für die Verbrechen stärken"

Kultusministerin Angela Dorn (Grüne) spricht sich auf Anfrage des hr dafür aus, "das Bewusstsein für die Verbrechen des Kolonialismus und damit auch für Rassismus und Sklaverei zu stärken". Mit Blick auf die mögliche Umbenennung etwa von Straßennamen - wie in Offenbach, wo es eine Petition hinsichtlich der Bismarckstraße gibt - sagt sie, die kritische Auseinandersetzung mit Zeitzeugnissen sei "wichtiger als deren mögliche Beseitigung".

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Das Gespräch führte Sonja Süß.