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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mitten im Lockdown - Ausbildungswoche vor Ort

Kinderarzt

Ausgerechnet Berufsanfänger aus Arztpraxen in ganz Hessen müssen zur überbetrieblichen Ausbildung nach Bad Nauheim reisen. Die Landesärztekammer lehnt digitale Seminare ab und hält das Infektionsrisiko für überschaubar.

Die Kinderärztin Nicole Kohr aus Frankfurt-Bornheim ist sauer. Als ihre Auszubildende ihr vor kurzem sagte, dass sie eine ganze Woche lang nicht da sein werde, weil sie nach Bad Nauheim (Wetterau) zu einer überbetrieblichen Ausbildung fahren müsse, fiel sie nach eigener Aussage aus allen Wolken: "Ich hab' gedacht, mich laust der Affe. Es kann nicht wahr sein."

Die Ärztin ärgert sich darüber, dass in der aktuellen Situation ein solcher Lehrgang überhaupt als Präsenzveranstaltung stattfindet - organisiert auch noch von der Landesärztekammer. Fünf Tage lang kommen knapp 60 junge Auszubildende aus Arztpraxen aus ganz Hessen in die Carl-Oelemann-Schule in Bad Nauheim. Rund 40 von ihnen übernachten dort.

Ärztin: Wie eine Klassenfahrt

Es sei wie eine Klassenfahrt, sagt Kinderärztin Kohr: "Alle in meiner Praxis und die Eltern meiner Patienten sind am Anschlag. Es ist Lockdown, die Schulen sind geschlossen - und dann so was. Unfassbar!"

Als sie in der Schulungsstätte anrief, beruhigte man sie, so erzählt er Kohr. Es gebe ein Hygienekonzept. "Allerdings war zuerst nur das Tragen eines einfachen Mund-Nase-Schutzes vorgeschrieben, keine FFP2-Masken. Das kam erst kurzfristig", sagt Kohr.

Sorge vor möglicher Praxisschließung

Auf hr-Anfrage teilt die Landesärztekammer schriftlich mit: Selbstverständlich würden gemäß der Vorgaben medizinische Masken getragen und alle Aspekte der Hygiene und des Lüftungsmanagements beachtet, ebenso alle Schutzvorgaben bei der Verpflegung. Die Zimmer seien zudem nur als Einzelzimmer belegt worden. Auch gebe es mehr Aufsichtspersonen, um das Freizeitverhalten der Azubis besser im Blick zu haben.

Kinderärztin Kohr bleibt skeptisch. Sie befürchtet, dass sich nicht alle jungen Leute an die Regeln halten und die Auszubildende in ihrer Praxis sich mit Corona infiziert: "Ich habe die ganz große Sorge, dass hier Covid eingeschleppt wird und ich meine Praxis schließen muss. Oder womöglich selber krank werde." Eine Praxisschließung träfe Hunderte von Familien im Stadtteil, sagt Kohr.

Auszubildende: Nicht alle halten sich an Regeln

Larissa Mohr ist eine der Auszubildenden bei Nicole Kohr. Sie ist im dritten Lehrjahr und war schon öfter in Bad Nauheim zur überbetrieblichen Ausbildung. Zuletzt im November, also schon zu Corona-Zeiten.

Auch da galten schon strenge Regeln, wie Mohr erzählt. "Aber man hat sich doch getroffen oder ich habe von einigen mitgekriegt, dass doch mehr im Zimmer waren und die recht dicht zusammen saßen." Bei einem gemeinsamen Zimmeraufenthalt habe Maskenpflicht gegolten, "woran sich aber, glaube ich, auch nicht viele gehalten haben", sagt die Auszubildende.

Kammer: Vermittlung vor Ort wichtig

Die Landesärztekammer hält dagegen: Die Woche vor Ort sei notwendig, damit die Auszubildenden fachpraktische Dinge lernen, die sie in ihrer Arztpraxis nicht vermittelt bekommen. Zum Beispiel wie man ein EKG macht, Blut abnimmt oder Kennziffern in den Computer eingibt. Außerdem sei die Woche verpflichtend für die Berufsausbildung für medizinische Fachangestellte.

Ausbildungswoche fast überall freiwillig

Doch die Ausbildungswoche ist nur in Hessen und Schleswig-Holstein Pflicht. In allen anderen Bundesländern ist sie freiwillig. Und in Schleswig-Holstein finden aktuell alle Unterrichtseinheiten online statt - coronabedingt, wie die dortige Ärztekammer auf hr-Anfrage mitteilt.

Nur für diejenigen, die vor Prüfungen stehen, gibt es demnach in Schleswig-Holstein derzeit einen, maximal zwei Präsenztage. Warum das nicht auch in Hessen möglich ist, kann Kinderärztin Nicole Kohr aus Frankfurt nicht verstehen.

Sendung: hr-iNFO, 05.02.2021, 13.20 Uhr