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15-Jährige durfte Praktikum wegen Kopftuch nicht antreten

Vielleicht wird aus Asmaa mal eine Lehrerin. Zumindest wollte die 15-Jährige gerne in den Beruf schnuppern. Ihr Praktikum an einer Rüsselsheimer Grundschule endete aber noch vor dem Start - wegen ihres Kopftuchs. Wie kann das sein?

Als sich die 15-jährige Asmaa am ersten Tag ihres Praktikums bei der Schulleitung in Rüsselsheim vorstellt, wird sie wegen ihres Hijabs nach Hause geschickt. Lehrpersonal dürfe an dieser Grundschule kein Kopftuch tragen, heißt es. Ihren Hijab abzulegen, ist für die Jugendliche keine Option, also wird sie abgewiesen. Der Fall vom Januar landet beim Stadtschülerrat und in den Medien. Zunächst berichtet darüber die Main-Spitze. Die Aufmerksamkeit führt offenbar zu einem Umdenken.

Inzwischen hat die Schule einen Fehler eingeräumt und sich bei Asmaa entschuldigt. Man habe ihr angeboten, das Praktikum nachzuholen, heißt es auf Anfrage. Eine schlüssige Begründung für die Schulregelung und wie es zur Ablehnung der 15-Jährigen kam, kann die Schule nicht liefern.

Lehrerinnen dürfen Kopftuch tragen

Manchmal brauche es einen Anlass, um die Dinge intern zu besprechen und aktuell zu bewerten, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Schulleitung an den hr. Der Anlass ist in diesem Fall die Diskriminierungserfahrung einer 15-Jährigen, die so 2022 nicht hätte passieren dürfen.

Denn seit einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts 2015 und dem darauffolgenden Erlass des Hessischen Kultusministeriums darf Lehrpersonal offiziell Kopftuch tragen. Ein Verbot ist nur im Einzelfall zulässig, wenn religiöse Bekleidung den Schulfrieden stört oder gefährdet.

Was gefährdet den Schulfrieden?

Diese Frage stellt sich der Vorsitzende des Rüsselsheimer Ausländerbeirats, Adnan Dayankac: Was sei der Unterschied zwischen einer Kippa oder einem Kreuz und einem Kopftuch? Solche Vorfälle wie nun in Rüsselsheim seien "einfach kontraproduktiv für das Zusammenleben der Gesellschaft".

Laut Erlass des Kultusministeriums von 2015 kann ein Verbot für religiöse Kleidung oder Symbole dann erfolgen, wenn kontroverse, religiöse Positionen mit Nachdruck vertreten und in die Schule getragen werden, Abläufe und Erziehungsauftrag beeinträchtigen und einen Konflikt schüren.

Sei das nicht der Fall, gehöre zur Glaubensfreiheit auch der Ausdruck über religiöse Kleidung und sichtbare Symbole, egal ob Kopftuch, Kippa oder Kreuz. "Bekenntnisoffene Gemeinschaftsschulen", so steht es im Erlass, hätten sogar die Aufgabe, den Schülerinnen und Schülern Toleranz gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln.

Eine verletzende Debatte

Eine rechtliche Grundlage für ein Kopftuch-Verbot im Einzelfall lieferte im vergangenen Jahr der Europäische Gerichtshof. Was im Fall der 15-jährigen Asmaa konkret der Anlass für das Verbot gewesen sei, dazu wollte sich die Schulleitung auf Nachfrage nicht äußern. Es werde Gespräche zur Aufarbeitung geben, hieß es.

Nur gibt es die aus Sicht der Betroffenen seit Jahren und immer wieder. Und die Argumentation sei einseitig, kritisiert Havva Deniz vom Frankfurter Verein RAHMA, einer Beratungsstelle für Mädchen und Frauen mit muslimischem Hintergund, die sich in Konfliktsituationen befinden.

"Warum wird der Schulfrieden auf das Kopftuch reduziert?"

Was den Schulfrieden viel eher gefährde, seien diskriminierende Äußerungen gegenüber kopftuchtragenden Musliminnen und anti-muslimscher Rassismus. In der Beratungsstelle sei Diskriminierung aufgrund des Kopftuchs häufig Thema, sagt Deniz - in erster Linie wegen entsprechender Bemerkungen im Unterricht.

Allein im Rhein-Main-Gebiet fallen der Beraterin mindestens sieben Fälle aus dem vergangenen Jahr ein. "Und da muss man sich fragen, was wird dagegen unternommen? Warum wird der Schulfrieden in diesem Kontext auf das Kopftuch reduziert?"

Nicht alle Betroffenen hätten die Kraft, sich zu wehren, manche seien traumatisiert, sagt Deniz. "Weil der Hijab einfach ihre Identität ausmacht, und indem man sie auffordert ihr Kopftuch abzulegen, nimmt man ihnen auch ein Stück ihrer Identität."

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Kopftuch als Symbol

Die Symbolwirkung des Kopftuchs ist seit vielen Jahren umstritten, auch in der muslimischen Gesellschaft. Ist es ein Ausdruck der religiösen Selbstbestimmung, beruht es auf Freiwilligkeit oder gesellschaftlichem Druck oder steht dahinter ein politischer Wille? "Symbol der Würde oder der Unterdrückung?", fragt etwa der Deutschlandfunk.

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Die Botschaft ist entscheidend

Deniz spricht in diesem Zusammenhang von einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Vermittelt werde im Alltag: "Wenn das Kopftuch zu deiner Identität gehört, dann bleiben dir gewisse Bereiche der Gesellschaft verwehrt." Siehe der aktuelle Fall aus Rüsselsheim.

So nehme man Betroffenen ein Stück Zukunftsperspektive, sagt Deniz. "Hier wird den jungen Frauen schon vorgeschrieben, welche Berufe sie später nicht mit ihrem Kopftuch ausüben dürfen."

Stadtschülerrat fordert Entschuldigung

Mittlerweile würde man zwar häufiger Frauen mit Kopftuch auch in höheren Positionen sehen als noch vor einigen Jahren, aber das habe sich scheinbar noch nicht in den Köpfen manifestiert. "Es erscheint leider noch fremd, dass Frauen mit einem Kopftuch auch als Beamte, Richterin und insgesamt in höheren Positionen vertreten sind", vermutet die Beraterin.

Um strukturelle Vorurteile abzubauen, brauche es Aufklärung an den Schulen und Unterstützung von den zuständigen Stellen. Auch der Verein RAHMA bietet Workshops zu anti-muslimischem Rassismus an und würde gern mit Einrichtungen wie der Rüsselsheimer Grundschule zusammenarbeiten.

Der Stadtschülerrat Rüsselsheim fordert derweil Konsequenzen nach dem jüngsten Vorfall - genau genommen eine Anpassung der Schulordnung und eine öffentliche Entschuldigung. Das Angebot, ihr Praktikum noch einmal zu beginnen, hat Asmaa nicht angenommen. Der vorgesehene Zeitraum dafür ist bereits verstrichen.

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