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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Veronica King über lesbische Sichtbarkeit

Veronica King

Die Kasseler Sozialpädagogin Veronica King ist mit dem erstmals in Hessen ausgelobten Preis für lesbische Sichtbarkeit geehrt worden. Über die Bedeutung der Auszeichnung, klassische Rollenbilder und Tipps für junge Frauen spricht sie im Interview.

Die 53 Jahre alte Veronica King ist in den Niederlanden geboren und vor mehr als 25 Jahren von Amsterdam nach Kassel gezogen - der Liebe wegen, für ihr Supervisions-Studium und weil Kassel in den 1990er Jahren eine große autonome Frauenszene hatte.

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Der Preis

Der Preis für lesbische Sichtbarkeit ist im Oktober zum ersten Mal in Hessen verliehen worden. Nach Berlin ist Hessen das erste Flächen-Bundesland mit einer solchen Auszeichnung. Nominiert waren zwölf Initiativen, Organisationen und Einzelpersonen, die lesbische Identitäten und Sichtbarkeiten stärken.

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King engagiert sich seit vielen Jahren in der Frauen- und Jugendarbeit beim alternativen Kasseler Sportverein Dynamo Windrad und in Theaterprojekten. Dazu unterstützt sie die Organisation des Christopher Street Days. Hauptberuflich arbeitet sie beim Landkreis Kassel in der Abteilung "Ambulante Jugendhilfe" in der Krisenintervention. Sie wird gerufen, wenn nicht klar ist, ob Jugendliche und Kinder weiter zu Hause wohnen können oder wenn von heute auf morgen Hilfe benötigt wird.

"Krisenintervention ist so etwas wie der Emergency Room", erklärt King ihr Arbeitsfeld. "Viele Eltern haben heute wenig Vorbilder und sind oft überfordert", berichtet King, die selbst Mutter von zwei erwachsenen Pflegekindern und einem 13-jährigen Sohn ist.

Sozial- und Integrationsminister Kai Klose (Grüne) sagte über sie als Preisträgerin: "Veronica King setzt sich in einer Vielzahl von Rollen und Settings für lesbische Sichtbarkeit ein." Dafür hat sie Mitte Oktober den erstmals in Hessen ausgelobten Preis für lesbische Sichtbarkeit erhalten. Warum diese Auszeichnung so wichtig ist, erzählt Veronica King im Interview:

hessenschau.de: Frau King, was ist für Sie lesbische Sichtbarkeit?

King: Wir leben heute in einer heteronormativen Gesellschaft. Es wird in dieser Gesellschaft davon ausgegangen, dass es Männchen und Weibchen gibt und dass Weibchen mit Männchen zusammen ist. Das schlägt sich nieder in den Bildern im Fernsehen, in Gesetzgebung, im Krisenmanagement, im Denken von Menschen. Es ist so normal, so zu denken, das fällt niemandem auf. Es gibt aber viele andere Realitäten. Dass Frauen sich in Frauen verlieben, dass Frauen Sexualität mit Frauen leben, dass Frauen sich entscheiden, mit Frauen eine Familie zu gründen.

All das sind Realitäten, die wenig sichtbar sind und unter dem Stichwort lesbische Sichtbarkeit sichtbar gemacht werden können - wenn man sie benennt und wenn sie gezeigt wird. Und das zu tun ist meine Aufgabe.

hessenschau.de: Stichwort Krisenmanagement: Hat die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen besondere Auswirkungen auf lesbische Frauen?

King: Die Einschränkungen haben auf lesbische Frauen erstmal dieselben Auswirkungen wie auf alle anderen Menschen auch. Schaut man aber nach verschiedenen Formen, wie Menschen Familie leben, dann wird deutlich, dass sich doch Unterschiede abzeichnen.

Die Vorschrift im Frühjahr besagte: Man darf sich nur mit einem weiteren Haushalt treffen. Was ist ein Haushalt? Die Vorstellung ist hier: Ein Haushalt sind Menschen, die in einem Haus oder in einer Wohnung wohnen. Aber mein Sohn hat zwei Mütter, die in zwei verschiedenen Wohnungen oder Häusern leben. Wir erziehen unser Kind gemeinsam, das ist für mich ein Haushalt. Ich musste mich in keiner Situation rechtfertigen, aber ich glaube, solche Lebensformen werden im Krisenmanagement erst mal nicht sofort mitgedacht.

hessenschau.de: Sind die Themen junger Frauen heute mit denen von Frauen vor 25 Jahren vergleichbar?

King: Die Themen sind gleich, aber die Anforderungen an junge Frauen sind noch höher, als sie früher waren. Mit dem Wachsen der Möglichkeiten steigt der Druck.

Ich habe bei einem Gesundheitstag an einer Kasseler Oberstufe einen Workshop zum Thema Entspannung angeboten und war geschockt. Da hatten sich 50 Schülerinnen und Schüler angemeldet. Und das, wo wir ständig davon reden, dass Jugendliche nichts anderes tun als chillen. Aber die wollten lernen, wie sie sich entspannen können.

hessenschau.de: Leben junge Frauen heute wieder stärker in klassischen Rollenbildern?

King: Kultur bewegt sich wellenförmig und das, was bei jungen, feministischen Mädels verpönt war, das ist jetzt bei großen Gruppen junger Frauen wieder angesagt. Als Beispiel: eine Hochzeit in rosa. Vielleicht ist das auch der Einfluss der Medien. Oder Giga-Verlobungsanträge. Das ist alles so märchenhaft und wird möglichst noch aufgenommen. Ich glaube, dass diese Bilder beeinflussen, aber nicht, dass sie jetzt das Zeichen sind von Fortschritt oder Rückschritt. Sondern da bewegen sich ganz viele Sachen parallel und greifen ineinander. Und ja, diese Bilder machen was, auch mit der Heteronormativität in der Gesellschaft.

hessenschau.de: Haben Sie einen Tipp für junge Frauen?

King: Wenn ich den hätte, dann wäre ich reich. Ich habe keinen ultimativen Tipp, vielleicht ist das der Tipp, dass es keine für alle jungen Frauen geltenden Tipps gibt. Jede muss sich ausprobieren, was zu ihr passt und das möglichst mit viel Spaß und Unterstützung.

Das hat so was von: Jede muss glücklich sein. Aber das ist es nicht. Man sollte lernen, dass auch nicht so schöne Sachen zum Leben dazu gehören. Und diesen Dingen auf eine eigene Art und Weise zu begegnen. Und wenn es eine Zeit gibt, in der man eher deprimiert ist, dann gehört das eben zu dieser Zeit. Und wenn es eine Zeit ist, in der man von morgens bis abends mit einem strahlenden Lächeln unterwegs ist, dann gehört das auch dazu. Jede soll ihr Ding finden.

Das Interview führte Stefanie Küster.

Sendung: hr2-kultur, 14.10.2020, 17.45 Uhr