Die Uniklinik in Marburg wird derzeit von einer Kündigungswelle eingeholt. Auf einer Station warfen 15 von 16 Pflegekräften auf einmal hin - wegen schlechter Arbeitsbedingungen. Die Klinikleitung beschwichtigt.

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Audioseite Kündigungswelle auf UKGM-Station: 15 von 16 Pflegekräften schmeißen hin

Außenansicht des Gebäudes der Universitätsklinik auf den Marburger Lahnbergen. Im Vordergrund ein Schild auf dem steht "Universitätsklinikum Marburg".
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"Ich habe jetzt schon Kopfschmerzen, wenn ich an meinen Dienst morgen denke", sagt Julia Franke*. Seit 2018 ist sie Pflegerin am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM). Aber vielleicht nicht mehr lange.

Franke ist nicht die Einzige am UKGM-Standort in Marburg, die derzeit ans Hinschmeißen denkt: Auf einer Station der Gefäßchirurgie haben gerade 15 von 16 Pflegekräften auf einmal gekündigt. Fast die ganze Station wechselt geschlossen an das Evangelische Krankenhaus in Gießen. Auch der Betriebsrat spricht inzwischen von einer wahren Kündigungswelle in Marburg.

Alles schnell, schnell, schnell

Der Grund sei ganz einfach, sagt Julia Franke: die Arbeitsbedingungen. Und ein eklatanter Personalmangel, der immer schlimmer werde. "Ich bin fertig", sagt die junge Pflegerin. "Und ich kriege das mit meinem Gewissen den Patienten gegenüber nicht mehr klar." Der Hauptfokus der Pflegekräfte müsse derzeit auf den Schwerstpflegebedürftigen liegen, die anderen würden hinten rüber fallen.

"Alles ist schnell, schnell, schnell – Hauptsache, ich schaffe das Wichtigste", meint sie. Schüler und Praktikanten würden den Laden momentan am Laufen halten.

"Wir tun alles, damit es den Patienten gut geht"

Die Pflegerin bemerkt in letzter Zeit vermehrt, dass Patientinnen und Patienten nicht mehr klingeln, um dem offensichtlich gestressten Personal nicht zur Last zu fallen. Die Folge: Notfälle würden zu spät bemerkt oder Menschen hätten zu lange Schmerzen. "Wir tun alles, damit es den Patienten gut geht. Aber es ist verdammt schwierig."

Pflegekräftemangel sei ein deutschlandweites Problem. Doch am UKGM sei die Situation inzwischen "kurz vor dem Kippen", meint Franke. Sie gibt dafür auch der Personalführung die Schuld, besonders seit vergangenes Jahr der Besitzer gewechselt hat: "Es war unter Rhön auch schon nicht schön, aber seitdem Asklepios mit drinhängt, läuft es richtig schlecht."

Engpässe auf mehreren Stationen

Mann gekleidet in grüner Krankenhaus-Kleidung.

Ähnliches berichtet auch der Intensivpfleger Mark Müller. Er hat gerade eine "Scheißnacht" hinter sich, wie er sagt: 24 Stunden Dienst. Kurzfristig habe er eine Doppelschicht schieben müssen, weil jemand ausgefallen sei. Die von der Massenkündigung betroffene Station sei momentan geschlossen, berichtet er. "Genauso wie eine Station der HNO." Auch in der Radiologie gebe es Engpässe, weil medizinisch-technische Assistenten (MTA) fehlten. "Ich weiß, dass Patienten schon zur Bildgebung in private Radiologiepraxen in Marburg gebracht worden sind."

Seines Wissens nach sei in der Gefäßchirurgie das Hauptproblem gewesen, dass eine Pflegekraft in der Nacht alleine sechs kritisch kranke Patienten mit hohem Überwachungs- und Pflegebedarf versorgen sollte. "Man löscht dann die ganze Nacht lang nur Brände." Dieser Personalschlüssel ist zwar vom Gesetzgeber zugelassen, aber seiner Meinung nach ist das patientengefährdend. "Wenn wir überarbeitet sind und an unsere Grenzen kommen, dann passieren natürlich Fehler."

Klinikum bestätigt Kündigungswelle

Das Uniklinikum bestätigt die "kollektive Kündigungswelle". Die Ärztliche Direktorin habe unmittelbar Kontakt mit den Betroffenen aufgenommen, um die Beweggründe zu erfahren. "Maßgeblich (...) war hier eine spezielle Situation, die sich so nicht auf das Universitätsklinikum insgesamt verallgemeinern lässt", heißt es in einem schriftlichen Statement. Man bemühe sich, die Stellen zeitnah zu besetzen.

Die Bettenkapazitäten würden "kontinuierlich angepasst" und an den verfügbaren Pflegekräften und geltenden Personalbemessungsschlüsseln ausgerichtet. Es komme daher immer wieder vor, dass Betten temporär gesperrt werden müssten. "Richtig ist auch, dass wir mehr Patientinnen und Patienten bei uns aufnehmen und behandeln könnten, wenn mehr Pflegekräfte bei uns im Einsatz wären." Gerüchte, wonach am UKGM inzwischen eine dreistellige Anzahl Betten gesperrt werden musste, seien nicht wahr.

Betriebsrat: Diese Arbeit macht krank

Der Betriebsratsvorsitzende Frank Eggers sagt: Nicht nur in der Pflege, sondern auch in anderen Bereichen würde man derzeit Kündigungswellen wahrnehmen. "Wir bekommen derzeit vermehrt Anfragen von Kolleginnen und Kollegen dazu." Auch der Krankenstand sei momentan so hoch wie noch nie. "Diese Arbeit macht krank", sagt er. Er hofft, dass die Massenkündigung nun keinen Nachahmereffekt hervorruft.

Eggers kritisiert die seiner Ansicht nach auch auf möglichst hohen Profit ausgelegte Führung des UKGM. So würden Stellen bewusst freigelassen oder mit weniger qualifizierten Kräften besetzt, um Geld zu sparen. Seit etwa zwei Jahren habe sich außerdem das Abrechnungssystem mit den Krankenkassen geändert, erklärt Eggers. Eigentlich habe die Bundesregierung mit dem Pflegebudget die Pflege aufwerten wollen. Aber das sei teilweise nach hinten losgegangen, meint der Betriebsrat.

Ein Flur im Krankenhaus ohne Menschen, in der Entferung eine Person im Rollstuhl

Das Pflegebudget führe zum Beispiel dazu, dass das Krankenhaus nun wieder Arbeiten den Pflegekräften zuschiebe, die vorher von ungelernten Kräften gemacht worden seien. "Nur damit man das als Pflege deklarieren und mit der Kasse abrechnen kann." So müssten Pflegekräfte nun wieder Hol- und Bringdienste erledigen, Lagerarbeiten machen oder Flächen im Patientenzimmer reinigen. "Das ist ein Rückfall in die 80er", sagt Eggers.

"Die haben sich nicht ernstgenommen gefühlt"

Von den Pflegekräften der Gefäßchirurgie, die hingeschmissen haben, wollte sich niemand persönlich äußern. Betriebsrätin Ilona Kraft-Peil hat bis vor kurzem eine benachbarte Station geleitet und war mit den Betroffenen in engem Austausch. Sie berichtet: Immer wieder habe es Gespräche mit Verantwortlichen gegeben. "Die haben immer wieder auf Missstände hingewiesen und gesagt, dass sie so nicht mehr arbeiten können, aber sie haben sich nicht ernst genommen gefühlt", meint Peil. Manche seien weinend zum Dienst und weinend wieder nach Hause gegangen.

Schließlich habe die Stationsleiterin entschieden, zum Evangelischen Krankenhaus (EV) nach Gießen zu wechseln. Weil das Team zum Teil seit vielen Jahren eingespielt sei, hätten dann immer mehr Kolleginnen und Kollegen gesagt: Ich gehe mit dir. "Die sind in der Region verwurzelt, manche haben über 20 Jahre im UKGM gearbeitet." Nun müssten sie lange Fahrtzeiten auf sich nehmen.

Evangelisches Krankenhaus zahlt Einstellungsprämie

In Gießen standen den Pflegekräften offenbar alle Türen offen. Das Krankenhaus bestätigt, dass 13 der betroffenen Pflegekräfte aus der Gefäßmedizin vom UKGM ans Evangelische Krankenhaus wechseln. "Sie haben sich aufgrund von Unzufriedenheit bei ihrem aktuellen Arbeitgeber offiziell in unserem Haus beworben", teilte Sprecherin Christine Dietrich mit. Da es ihres Wissens nach vorher eine Vielzahl von Gesprächen gegeben habe, sollte der Wechsel bei der Klinikleitung des UKGM kein Unverständnis hervorrufen, meint sie.

Gerade die umliegenden Kliniken in Gießen, Wetzlar und Marburg stünden in stetiger Konkurrenz um Pflegekräfte, so Dietrich. Auch beim EV gebe es Fluktuation.

Wie hart umkämpft der Markt inzwischen ist, zeigt auch, dass das EV seit 2018 eine Einstellungsprämie von 1.000 Euro zahlt. Dietrich betont aber: Es habe keine gezielte Abwerbeaktion stattgefunden.

Tausende unterstützen Petition

Für Julia Franke ist eine Kündigung durch den Schritt ihrer Kolleginnen und Kollegen inzwischen denkbarer geworden. Pflegerin will sie bleiben, aber vielleicht woanders. "Es gibt ja durchaus Alternativen."

Mark Müller arbeitet inzwischen nur noch mit 25 Prozent am UKGM, weil er parallel Medizin studiert. Er will nicht kündigen, hat aber eine Petition an den Hessischen Landtag gestartet, in der er die Rückführung des UKGM in öffentliches Eigentum fordert. Seit Juli hat die Petition rund 13.430 Unterstützer gefunden.

*Name wurde von der Redaktion geändert.

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