Vor dem Impfzentrum in der Treptow Arena, in dem gegen das Corona-Virus geimpft wird. (dpa)

Grundschullehrer, Erzieher, Polizisten, Menschen mit Vorerkrankungen, Senioren über 70: Rund 1,5 Millionen Hessen werden ab diesem Freitag geimpft. Weil Astrazeneca inzwischen liefert, könnte es in den Impfzentren bald zugehen wie im Bienenstock.

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hessenschau 19:30 05.03.2021 Thumbnail
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Nina Weck blickt voller Vorfreude auf diesen Freitag. Als Lehrerin an der Grundschule Oberes Ohmtal in Mücke (Vogelsberg) gehört sie neuerdings zur Priorisierungsgruppe 2, und deren Mitglieder werden nun geimpft. Höchste Zeit, findet Nina Weck: "Ich muss sagen, dass ich mich schon ein bisschen verfeuert gefühlt habe, wenn ich jeden Tag mit 20 bis 40 Kindern Kontakt haben soll, und mich von meinem Dienstherrn ein bisschen im Stich gelassen gefühlt habe, dass er uns da so ungeschützt hinschickt." Von ihrer bevorstehenden Impfung gegen das Coronavirus erhofft die Lehrerin sich "keine größeren Freiheiten, aber doch mehr Sicherheit". Immerzu Abstand zu halten, sei im Unterricht letztlich unmöglich.

Die zweite Priorisierungsgruppe umfasst nach Angaben des Innenministeriums rund 1,5 Millionen Menschen in Hessen. Dazu gehören Senioren im Alter von 70 bis 79 Jahren sowie Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf, weil sie etwa an Trisomie 21, Lungenkrankheiten, Demenz oder schweren psychischen Erkrankungen leiden. Aufgrund ihres Berufs sind zudem Ärzte, Angehörige der Pflegebranche und Streifenpolizisten impfberechtigt.

Mehr als 160.000 Dosen Astrazeneca ausgeliefert

Erst vergangene Woche entschied das Bundesgesundheitsministerium, dass auch Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen sowie Kitapersonal schon in dieser Phase der Impfkampagne an die Reihe kommen sollen. Für sie plant das Land Sammeltermine für die Schutzimpfung, etwa 12.000 niedergelassene Ärzte und Mitarbeiter wurden bereits am vergangenen Wochenende auf diesem Weg geimpft.

Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Polizistinnen und Polizisten - sie alle sollen wie die Mediziner bevorzugt den Astrazeneca-Impfstoff bekommen. Aus dem Zentrallager des Landes wurden inzwischen rund 113.000 Dosen an die 28 Impfzentren geliefert, die zuletzt auf Halde lagen, weil das Serum des britisch-schwedischen Herstellers für Über-65-Jährige bislang nicht empfohlen war oder wegen eines angeblichen geringeren Schutzes auf Skepsis stieß. Dazu kommen über 50.000 Dosen, die in dieser Woche vom Hersteller an Hessen geliefert und gleich weiterverteilt wurden.

Der Frankfurter Hauptkommissar Norbert Lammel, aktiv im Landesverband der Deutschen Polizeigewerkschaft, weist auf das hohe Ansteckungsrisiko für Polizisten beim Einsatz auf der Straße hin: bei Demonstrationen von Corona-Leugnern, in der Drogenszene, wo nicht immer die Maskenpflicht befolgt werde, oder bei Personenkontrollen, bei denen Beamte angespuckt würden. Dass Astrazeneca angeblich weniger Schutz biete als die anderen Seren? Irrelevant, sagt Lammel: "Besser als kein Schutz. Vor einem Jahr hatten wir noch gar keinen Impfstoff." Das Innenministerium beziffert die Quote der Impfwilligen unter den rund 10.000 Polizisten, die nun an die Reihe kommen, auf 80 Prozent.

Land hofft auf Schub für schleppende Kampagne

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Vor dem Impfzentrum in der Treptow Arena, in dem gegen das Corona-Virus geimpft wird. (dpa)
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Die Landesregierung erhofft sich vom Impfbeginn für die Priogruppe 2 einen Schub für die bislang eher schleppende Kampagne. Astrazeneca liefert nach anfänglichen Schwierigkeiten größere Chargen; die Termine für die kommenden Wochen werden seit vergangener Woche in einem vereinfachten Verfahren vergeben, indem Interessenten sich nur noch telefonisch unter 116 117 oder 0611/5059288 oder online unter impfterminservice.hessen.de registrieren lassen müssen; und am Donnerstag gaben Bundesgesundheitsministerium und Ständige Impfkommission das Astrazeneca-Vakzin auch für Über-65-Jährige frei.

In den Impfzentren, im Dezember unter Hochdruck aufgebaut und seitdem oft verwaist, dürfte es in den kommenden Wochen ungleich betriebsamer als bisher zugehen. Zuletzt bekamen dort zusammengenommen täglich rund 17.000 Menschen eine Spritze gegen das Virus, immerhin die Hälfte des geplanten Pensums, wie das Innenministerium auf hr-Anfrage berichtete. Wegen des verstärkten Impfstoffzuflusses konnten Senioren ihren für April geplanten Termin auf März vorziehen. Die Zentren seien gerüstet für die Vollauslastung, teilte ein Sprecher mit.

Erstimpfungsquote liegt bei 4,8 Prozent

Mit den Angehörigen der Priogruppen 1 und 2 ist inzwischen jeder dritte Hesse impfberechtigt. Mindestens 83 Prozent der Alten- und Pflegeheimbewohner erhielten ihre erste Dosis. Andererseits liegt die Erstimpfungsquote in Hessen erst bei 4,8 Prozent (Stand 1. März). Erst einem Drittel aus der ersten Vorzugsgruppe wurden beide Spritzen verabreicht.

Von der Freigabe des Astrazeneca-Stoffs erwartet Innenminister Peter Beuth (CDU) nicht zuletzt eine beschleunigte Impfung derjenigen etwa 50.000 Über-80-Jährigen, die nicht mobil sind und zu Hause leben und noch nicht an die Reihe kamen. Das Vakzin muss bekanntlich nicht derart tiefgekühlt werden wie die Produkte von Biontech und Moderna, lässt sich also leichter über Land transportieren.

Dass eine gänzlich neue Phase der Pandemie beginnt, darauf hofft auch Dagmar Schneider. Die Erzieherin und stellvertretende Leiterin der Kindertagesstätte St. Michael in Frankfurt blickt auf die Zeit seit Herbst zurück: "Schulen und Kitas sollten offen bleiben, aber es gab keinen Schutz für uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter." Nun könnten sie sich endlich registrieren lassen für den mutmaßlich rettenden Pieks. Schneider: "Irgendwann ist ein Stück Sicherheit da im Kopf. Nach dem Motto: Ich bin jetzt geimpft, die Wahrscheinlichkeit, dass noch etwas passiert, ist gering. Das wird schon eine Erleichterung."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 05.03.2021, 16.45 Uhr