Blick auf die Marburger Altstadt aus der Vogelperspektive.

Auf dem umkämpften Wohnungsmarkt in Hessen haben es obdachlose Menschen noch schwerer als andere, eine neue Bleibe zu finden. Die Stadt Marburg begibt sich nun selbst auf Wohnungssuche, um ihnen zurück ins Leben zu helfen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Stadt Marburg bringt Obdachlose in den Wohnungsmarkt

Scholli und Sozialarbeiter
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Scholli hat viele Jahre auf der Straße oder in Obdachlosenheimen gelebt, unter anderem in Hannover und Bremerhaven. Seit 19 Jahren ist er in Marburg. Hier ist er oft umgezogen, hat in einem Männerwohnheim im Stadtteil Marbach gewohnt oder in anderen Obdachlosenunterkünften der Stadt. Jetzt hat er zum ersten Mal wieder ein eigenes Dach über dem Kopf.

"Ich bin sehr froh, dass ich durch das Probewohnen jetzt einen Mietvertrag unterschreiben konnte und nicht mehr mit mehreren zusammen wohnen muss. Da hat man ja nie seine Ruhe", erzählt er. Die ersten Tage konnte er in der neuen Wohnung nicht so gut schlafen, weil es sehr ungewohnt gewesen sei, berichtet Scholli. Doch mittlerweile fühlt er sich in seiner 32 Quadratmeter großen Heimat ziemlich wohl. Er hat einen Balkon, eine Stereoanlage und seine eigenen Möbel.

Stadt und soziale Träger arbeiten eng zusammen

Scholli ist nicht sein echter Name, er will lieber anonym bleiben. Denn die Vorurteile gegenüber Obdachlosen seien groß, sagt er. Alleine habe er keine Wohnung gefunden. "Ich habe manchmal bei Leuten geklingelt, wenn die Wohnung zu vermieten war. Aber die haben mich dann immer abgewimmelt."

Viele Menschen, die länger auf der Straße gelebt haben, schaffen es nicht, sich dem Berg an Anträgen und Behördengängen zu stellen. Die Stadt Marburg möchte ihnen helfen, wieder ein eigenständiges Leben zu führen. Deshalb haben sich die Fachdienste Wohnen und Soziales mit den verschiedenen Trägern und der Gemeinnützigen Wohnungsbau GmbH, kurz GeWoBau, zusammengesetzt und das Konzept "Probewohnen" entwickelt.

Aktuell gibt es in Marburg etwa 30 stadtbekannte Obdachlose. Nicht alle davon kommen für das "Probewohnen" in Frage. Wer zum Beispiel psychisch krank ist, habe andere Bedürfnisse und könne in dieser Situation nicht alleine wohnen, erklärt Peter Schmidt vom Fachbereich Arbeit, Soziales und Wohnen.

Sozialarbeiter begleitet Prozess

Beim Probewohnen mietet die Stadt für ein Jahr eine Wohnung und übernimmt die Mietkosten. Dadurch hat der Vermieter eine gewisse Sicherheit. Außerdem bekommt der Obdachlose einen Sozialarbeiter an die Seite gestellt, der bei Anträgen helfen kann. In Schollis Fall ist das Kenneth Verhaal.

Verhaals Erfahrung nach haben Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben, oftmals Angst, Briefe zu öffnen oder sich für einen Job zu bewerben. Dabei kann er sie unterstützen. Die Arbeit mit Scholli hat er als sehr angenehm und menschlich empfunden, erzählt er: "Und was mir aufgefallen ist, ist, dass ich in eine Wohnung reingekommen bin, die einfach tip top in Ordnung ist und wohnlich ist und jemanden vorgefunden habe, der einfach normal gewohnt hat."

Reguläres Mietverhältnis nach einem Jahr

Ziel sei es, die Menschen nach spätestens einem Jahr "Probewohnen" in ein reguläres Mietverhältnis zu bringen, erklärte der Marburger Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD bei der Vorstellung des Projekts am Donnerstag. Bei Scholli hat das gut funktioniert.

Anfang Dezember wird eine junge Frau in Marburg "probewohnen". Vier weitere Obdachlose warten derzeit noch auf Wohnungsangebote. Die Stadt hofft deshalb, in Zukunft auch mit privaten Vermietern zusammen arbeiten zu können.

Sendung: hr1, 14.11.2019, 14.11.2019, 15 Uhr