Will die Benotung ihrer Bachelor-Arbeit nicht akzeptieren: Studentin Rebecca Sprösser

Ein Professor gab ein "Sehr gut", eine Professorin ein "Ungenügend": Gegen die schlechte Bewertung ihrer Abschlussarbeit wehrt sich eine Studentin an der Hochschule RheinMain in Rüsselsheim. Experten bestärken sie darin.

Warum sie für ihre Bachelor-Arbeit sowohl die beste als auch die schlechteste Bewertung erhalten hat? Das kann sich Rebecca Sprösser nicht erklären: "Ich hatte einen Gesamtschnitt in meinem Studium von 1,2 und das Ungenügend revidiert nun meine jahrelange, harte Arbeit", sagt sie.

Nach einer Ausbildung studierte die 33-Jährige aus Mörfelden-Walldorf Internationales Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule RheinMain in Rüsselsheim. Ihr Studium finanzierte sie als Flugbegleiterin. Am 30. April legte sie ihre Bachelorarbeit vor.

Schlechte Note wegen Kritik an Hochschule?

In ihrer Arbeit mit dem Titel "When I grow up I want to be a Game Changer" beschäftigt sich Rebecca Sprösser mit ihrer eigenen Hochschule und stellt deren Konzept dem finnischen Bildungsansatz gegenüber. "Die Problematik ist, dass meine Thesis sich mit der Hochschule selbst befasst und diese kritisch beleuchtet - was einigen dort leider ganz und gar nicht gefallen hat", glaubt sie.

Den Vorwurf, der Inhalt habe etwas mit der zum Teil schlechten Bewertung der Arbeit zu tun, weist die Hochschulleitung zurück: "Es ist für uns selbstverständlich, dass das Ergebnis einer wissenschaftlichen Ausarbeitung, selbst wenn es unangenehm sein sollte, nicht in die Bewertung der Arbeit eingeht."

Prüfer haben großen Ermessensspielraum

Es sei selten, dass die Meinungen der Prüfenden weit auseinander gingen. Aber: Prüferinnen und Prüfer hätten einen großen Ermessensspielraum, solange sie ihre Bewertung sachlich und nachvollziehbar korrekt begründeten, so die Hochschulleitung. Das sei in diesem Fall geschehen: "Die Erstgutachterin legte mehr Wert auf die bei der Arbeit aus ihrer Sicht fehlende wissenschaftliche Herleitung und Belegung der Arbeitsergebnisse und der Zweitgutachter stützte sein Gutachten eher auf die eigenständige Bearbeitung."

Rebecca Sprösser kann die unterschiedliche Bewertung nicht verstehen: "Ich möchte mich nicht mit einer schlechten Note zufrieden geben." Die Studentin legte Widerspruch ein. Ein von ihr gefordertes Drittgutachten wird von Hochschulseite allerdings verwehrt. Die Prüfungsordnung sehe dieses im Studium der Studentin nicht vor.

Studierendenvertretung fordert bessere Betreuung

Der Dachverband der Studierendenvertretungen (fzs) kann die Haltung der Hochschule nicht nachvollziehen. "Ein unabhängiges Drittgutachten wäre auch im Sinne der Hochschule, um im Raum stehende Vorwürfe, auch zum Inhalt der Arbeit, letztlich auszuräumen", sagt fzs-Sprecherin Franziska Chuleck. Auch wäre eine bessere Betreuung der Bachelor-Arbeiten dringend notwendig. Gerade in Corona-Zeiten. Dann könne es hinterher nicht zu bösen Überraschungen kommen. Doch dafür seien viele Hochschulen nicht ausreichend finanziell ausgestattet, kritisiert die fzs-Sprecherin.

Der Deutsche Hochschulverband spricht im Fall der Rüsselsheimer Studentin von einer sehr seltenen Konstellation. Es sei erstaunlich, dass Bewertungen so weit auseinander gingen. Ein Sprecher des Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst sagt: "Eine unterschiedliche Bewertung einer wissenschaftlichen Arbeit durch zwei Prüfer mag ungewöhnlich sein, stellt alleine jedoch keinen Verfahrensmangel dar."

Juristen raten: Widerspruch erheben

Mirjam Rose ist Fachanwältin für Arbeits- und Verwaltungsrecht. In ihrer Frankfurter Kanzlei bearbeitet sie Fälle aus dem gesamten Bildungsrecht. Dass Erst- und Zweitgutachter voneinander abweichen, sei keine Seltenheit: "Eine so starke Differenz jedoch lag mir persönlich noch nicht vor", sagt sie.

Prüflingen rät Rose, die Prüfung gegebenenfalls anzufechten. Es sei möglich, Widerspruch zu erheben, Akteneinsicht und eine Begründung der Bewertung anzufordern. "Gegen diese Begründung können dann Bewertungsfehler oder auch Verfahrensfehler gerügt werden", erklärt sie: Am besten mit Hilfe eines Fachanwaltes, "da die Praxis ansonsten zeigt, dass mit selbst erhobenen Rügen meist nicht mit der gebotenen Sorgfalt umgegangen wird und diese oftmals erfolglos verlaufen".

"Es gibt sicherlich viele Studierende, die sich scheuen, einen Anwalt einzuschalten, wobei nichts dabei ist, da es sich um ein ganz förmliches Verfahren handelt und eine Hochschule als öffentlich-rechtliche Behörde gehalten ist, mit dem Widerspruch sachlich umzugehen", erklärt sie.

Studentin kann Klage einreichen

Das Justiziariat der Hochschule RheinMain beschäftigte sich inzwischen mit dem Fall, wies den Widerspruch jedoch im September zurück. Dagegen kann die Studentin nun beim Verwaltungsgericht Wiesbaden Klage einreichen.

Doch ob sie das macht, ist unklar. "Für eine Klage fehlt mir das Geld", sagt die 33-Jährige. Sie bemüht sich derzeit um Rechtsbeihilfe. Weil sie das Gesamtergebnis Note 3 nicht akzeptiert, hat Rebecca Sprösser bis heute keinen Abschluss.