Schülerin übt Geige

Ausgebildete Musiklehrer sind schon jetzt an Grundschulen in Hessen rar. In acht Jahren könnte sich der Mangel laut einer Studie noch verschärfen. Ihren Job müssten dann überwiegend fachfremde Lehrerinnen und Lehrer übernehmen.

Gemeinsam singen oder zum ersten Mal ein Instrument spielen: Für einige Erst- bis Viertklässler an Hessens Grundschulen sind Musikstunden eine willkommene Auszeit zwischen Mathe und Deutsch.

Doch dass dieser Unterricht auch den Vorgaben entsprechend stattfindet, kann in Hessen nicht garantiert werden. Das belegt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, die sich exemplarisch mit dem Schuljahr 2016/2017 beschäftigt hat. Sie zeigt: Über 22 Prozent des vorgesehenen Musikunterrichts fielen in dem Schuljahr an den öffentlichen Grundschulen in Hessen aus.

60 Prozent der Stunden von Fachfremden unterrichtet

Der Grund dafür: Hessens Grundschulen fehlt es an Lehrkräften, insbesondere an ausgebildeten Lehrern und Lehrerinnen im Fach Musik. Bereits im Schuljahr 2016/2017 wurden nur rund 40 Prozent der stattgefundenen Musikstunden von ausgebildeten Musiklehrern an öffentlichen Grundschulen unterrichtet.

Knapp 60 Prozent der erteilten Stunden übernahmen fachfremde Grundschullehrkräfte, also solche, die für das Fach Musik nicht speziell im Studium ausgebildet wurden.

Diagramme zeigen eine Übersicht an ausgefallenem und erteiltem Musikunterricht. Sowie, ob dieser durch Fachlehrkräfte oder fachfremde Lehrkräfte unterrichtet wurde.

GEW sieht Situation noch drastischer

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen sieht die aktuelle Situation in Hessen noch dramatischer als in der Studie beschrieben. "Unserer Meinung nach wird der Musikunterricht an den Grundschulen bloß zu 15 bis 20 Prozent von ausgebildeten Fachkräften unterrichtet", schätzt Birgit Koch, Vorsitzende der GEW Hessen.

Den übrigen Anteil übernähmen fachfremde Grundschullehrkräfte. "Da heißt es: Hast du schon einmal im Chor gesungen? Und schon wird der Kollege für den Musikunterricht abgestellt", erklärt Koch. Den qualitativen Anspruch des Musikunterrichts, den ausgebildete Musiklehrer bieten würden, könnten fachfremde Lehrkräfte nicht ersetzen: "Der Musiklehrer kann Klassen am Klavier oder einem anderen Instrument begleiten, Stücke mit der Klasse arrangieren und die Stimmen von Kindern einschätzen und ausbilden."

Musik sei ein gemeinschafts- und kulturstiftendes Fach, das einer speziellen Schulung bedarf - genauso wie der Deutsch- oder Mathematikunterricht. Das hessische Kultusministerium konnte bis Donnerstag nach eigenen Angaben nicht zu den Ergebnissen der Studie Stellung beziehen.

Lehrer gehen in Rente, zu wenig Absolventen

Langfristig gesehen verschärfe sich die Situation an Hessens Grundschulen im Musikunterricht noch, wie die Studie prognostiziert. Die Forscher beziehen sich in ihrer Studie auf Daten des Statistischen Landesamts Hessen.

"Erwartbar ist ein Mehrbedarf an Musikunterricht bei gleichzeitig abnehmender Lehreranzahl", schätzt Arne-Christoph Halle von der Bertelsmann Stiftung. Der Studie zufolge würden die Grundschülerzahlen in Hessen um rund 18.400 Kinder an privaten und öffentlichen Schulen steigen. Gleichzeitig sei eine Pensionierungswelle der Musiklehrer zu erwarten, die mit den erwarteten Neuzugängen von den Universitäten nicht abzufedern sei.

Szenario 2028: Überwiegend Fachfremde

Das Szenario, das die Studie zeichnet: 2028 fehlt es an privaten und öffentlichen Grundschulen in Hessen dann insgesamt an 2.808 ausgebildeten Lehrkräften für das Fach Musik. Mit der Tendenz, dass der Unterricht vermehrt von fachfremden Lehrkräften übernommen werden müsse.

2028 könnte den Schätzungen zufolge nur noch 31,5 Prozent des Musikunterrichts von Fachpersonal übernommen werden. Die Folge: Unter den Annahmen der Studie müssten rund 68,5 Prozent des Unterrichts fachfremd gelehrt werden - sollte der Unterricht in vollem Umfang stattfinden. 2028 werde es bloß noch 1.289 Musiklehrer geben - benötigt werden 4.097 Fachkräfte für die öffentlichen und privaten Schulen.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, müsste das Musikstudium für die Grundschule attraktiver gestaltet werden, damit sich die Ausbildungszahlen im Laufe der Jahre erhöhen, empfiehlt Halle. Aktuell sollten Musiklehrkräfte ihre Arbeitszeit auf das Fach Musik konzentrieren: "Musiklehrkräfte unterrichten an den Grundschulen nicht nur allein Musik, sondern haben verschiedene Fächer abzudecken oder sind Klassenlehrer. An dieser Stellschraube kann man natürlich drehen." Zudem sollten Teilzeitkräfte motiviert werden, ihre Stundenzahlen aufzustocken.

Hessen stellt hohe Ansprüche an Musikbildung

Im bundesweiten Vergleich zum Anspruch der Länder an die musikalische Grundschulausbildung fällt auf: Das Land Hessen stellt mit einer vorgesehenen Stundenanzahl von insgesamt sieben Stunden Musikunterricht pro Woche verteilt auf die vier Grundschuljahre vergleichsweise hohe Ansprüche an die schulische Grundschulbildung.

Jedes Land entscheidet die Stundenanzahl individuell. Die Vorgaben der Länder reichen für die ersten vier Schuljahre von vier bis acht Stunden. Der Deutsche Musikrat empfiehlt acht Stunden. Hessen liege mit sieben Stunden "relativ weit oben" im Ländervergleich, erklärt Halle.

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Zu den Daten

Die Studie ist das Ergebnis einer vom Deutschen Musikrat, der Konferenz der Landesmusikräte und der Bertelsmann Stiftung gemeinsam beauftragten bundesweiten Erhebung, die nach eigenen Angaben erstmals belastbare Zahlen zur Situation des Musikunterrichts auf Länderebene liefert. Die Zahlen für Hessen wurden vom Statistischen Landesamt Hessen geliefert. Sie beziehen sich auf das Schuljahr 2017/2018 und auf die öffentlichen Schulen.

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