Illustration die abstrahiert Franco A. in seinem Verkleidung als Flüchtender zeigen soll. Im Hintergrund sind eine Kiste mit Waffen und das Bundeswehrkreuz zu sehen.

Er gab sich als Flüchtling aus und hortete Munition. Er versteckte eine Waffe am Wiener Flughafen und soll mögliche Anschlagsziele ausgekundschaftet haben. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen den Bundeswehroffizier Franco A.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Prozesstermine im Fall Franco A. stehen fest

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Die Notizen machen alles andere als einen geordneten Eindruck. Als hätte der Verfasser immer wieder auf den beiden selben Zetteln in aller Eile seine Ideen festhalten wollen, ehe sie sich wieder verflüchtigen: Stichwortlisten, Kurzbiografien, Anfahrtsskizzen, Gedankenfetzen. Mal verläuft der Text von rechts nach links, mal von oben nach unten, mal steht er auf dem Kopf. Ein schriftlich fixiertes Gedankengewitter.

Ab kommendem Donnerstag werden unter anderem diese handschriftlichen Aufzeichnungen das Oberlandesgericht in Frankfurt beschäftigen. Denn die Bundesanwaltschaft glaubt, darin die Grundzüge für Pläne eines rechten Terroranschlags zu erkennen - erdacht von Franco A., Oberleutnant der Bundeswehr aus Offenbach.

Doppelleben als Flüchtling

Vor ziemlich genau vier Jahren sorgte der Fall Franco A. international für Schlagzeilen. Am 27. April 2017 gibt die Frankfurter Staatsanwaltschaft bekannt, dass ein Bundeswehrsoldat festgenommen wurde, der zwei Jahre lang ein Doppelleben geführt haben soll. In Offenbach und im elsässischen Illkirch, Standort der deutsch-französischen Jägerbataillon 291, ist der Festgenommene bekannt als Franco A. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hingegen ist derselbe Mann als Benjamin David, Bürgerkriegsflüchtling aus Syrien, registriert.

Verraten haben Franco A. seine Fingerabdrücke. Als er sich 2015 als Flüchtling registrieren lässt, werden diese gespeichert. Etwas mehr als 13 Monate später werden sie erneut genommen - diesmal von der österreichischen Polizei. Am 3. Februar 2017 verhaftet diese Franco A., als er versucht, auf einem Behinderten-WC am Wiener Flughafen eine Pistole an sich zu nehmen, die er dort zwei Wochen zuvor deponiert hatte.

Wahrheit müsse nicht gemacht, sondern nur begreifbar gemacht, in Worte gefasst werden. Dieser Gedanke ist Franco A. so wichtig, dass er ihn am rechten Rand eines seiner "Schmierzettel" festgehalten hat. Den Gefallen, seine Pläne eindeutig auszuformulieren, hat er den Ermittlern allerdings nicht getan. Dennoch glaubt die Bundesanwaltschaft zu wissen, was er vor hatte: eine Gewalttat begehen, die schließlich seinem Alias Benjamin David, einem Flüchtling, zugeschrieben werden sollte.

Ein möglicher Ablauf ...

Folgt man dieser These, beginnt Franco A. am 29. Dezember 2015 mit der Umsetzung seines Plans. An diesem Tag wird er auf einem Polizeirevier in Offenbach vorstellig und gibt sich als syrischer Flüchtling aus. Einen Tag später stellt er in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen einen Asylantrag. Ihm wird eine Unterkunft im bayerischen Erding zugewiesen. Ein knappes Jahr später wird ihm subsidiärer Schutz als Bürgerkriegsflüchtling zugebilligt.

Mehr als ein Jahr lang bezieht Franco A. Leistungen vom Staat - insgesamt etwas weniger als 10.000 Euro. Die Anklage gegen ihn lautet daher auch auf Betrug. Doch um das Geld geht es ihm nicht. Mathias F., ein enger Freund des Angeklagten, der in dessen doppeltes Spiel eingeweiht ist, wird später im Polizeiverhör erklären, dass Franco A. verdeckt recherchieren wollte, um Schwächen im Asylsystem offenzulegen.

Für die Bundesanwaltschaft legen die Aufzeichnungen Franco A.s einen anderen Schluss nahe. Auf einen seiner "Schmierzettel" zeichnet A. eine Art Flussdiagramm: Offenbach -> Schrotflinte/ Zug Berlin -> Motorrad Berlin -> Motorrad Straßburg -> Auto Bayreuth -> Erding. Die Ermittler lesen das als grobe Ablaufskizze für einen Anschlag: Der Attentäter fährt mit dem Motorrad nach Berlin, die Waffe wird derweil im Zug in die Hauptstadt transportiert. Nach vollbrachter Tat geht es mit dem Motorrad zunächst zurück nach Straßburg, wo Franco A. eine Wohnung unterhält und später weiter nach Erding, wo Benjamin David gemeldet ist.

... zwei mögliche Ziele

Auf demselben Blatt soll A. mögliche Ziele festgehalten haben. Am unteren Rand hat A. biografische Stichpunkte zu Heiko Maas (SPD), damals Bundesjustizminister, und zu Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung zusammengefasst. Neben den Notizen zu Kahane findet sich eine handgezeichnete Straßenkarte der unmittelbaren Umgebung der Stiftungsbüros. Auf A.s Handy finden die Ermittler schließlich Fotos von Autos mehrerer Mitarbeiter der Stiftung - aufgenommen im Sommer 2016 in der Tiefgarage des Stiftungssitzes in Berlin.

Plante A. also einen Anschlag auf die bei Rechten verhasste Amadeu-Antonio-Stiftung? Nicht alles, was A. niederschreibt, will dazu passen. Unklar ist etwa, warum in dem Ablaufplan eine Rückkehr nach Erding vorgesehen ist. Wenn A. möchte, dass die Tat dem Flüchtling Benjamin David angelastet wird, warum sollte er dann an den Ort zurückkehren, an dem die Polizei als erstes nach ihm suchen wird? Und warum notiert er die Preise von Flobert-Gewehren, die als bessere Übungsgewehre gelten und auf größere Distanz kaum Durchschlagskraft besitzen?

Funktionstüchtig und geladen

Die Waffe, die Franco A. im Januar 2017 am Wiener Flughafen versteckt, wäre für ein Attentat jedenfalls besser geeignet gewesen: eine halbautomatische 7,65 Millimeter Browning aus französischer Produktion. Als eine Putzfrau die Waffe in einem Putzschacht auf der Behindertentoilette entdeckt, ist sie funktionstüchtig und mit sechs Schuss geladen, hält die österreichische Polizei fest.

Deponiert hatte Franco A. sie am 21. Januar 2017. Seine Erklärung hierfür mutet abenteuerlich an. Tags zuvor hatte er auf Einladung eines Kameraden in Wien den Ball der Offiziere besucht. Als er sich bei einer anschließenden Kneipentour in einem Gebüsch erleichtern will, habe er die Waffe zufällig entdeckt und eingesteckt, beteuert Franco A.. Erst im Transitbereich des Flughafens sei ihm wieder eingefallen, dass er sie noch bei sich habe.

Um seinen Flug nicht zu verpassen, habe er beschlossen, die Waffe am Flughafen zu deponieren. Auf der Toilette macht er ein Foto des Verstecks - und teilt es in einer Chatgruppe mit jenen "Kameraden", mit denen er tags zuvor den Ball besucht hatte. Die kommentieren das Bild mit Smileys und den Worten: "Mega witzig!!"

Am 3. Februar kehrt Franco A. nach Wien zurück. Um die Waffe der Polizei zu übergeben und alles zu erklären, behauptet er bis heute. Doch dafür hätte es andere Möglichkeiten gegeben. Die einfachste: ein Anruf bei der Polizei. Stattdessen versucht er, die Waffe wieder an sich zu nehmen. Die Falle der Wiener Polizei schnappt zu.

Anreise ohne Rückflugticket

In Franco A.s Notizen findet sich kein Hinweis auf die Pistole, nichts was sie mit den möglichen Überlegungen für einen Anschlag in Berlin in Verbindung bringen würde. Österreichische Medien spekulieren schon bald über ein anderes Ziel. Denn am Abend des 3. Februar steht der jährliche Akademikerball an. Eine Veranstaltung, die von der rechten FPÖ für nicht weniger rechte Studentenverbindungen organisiert wird. Jahr für Jahr demonstrieren dagegen Tausende Menschen vor der Wiener Hofburg.

Verfeindete Lager, aufgeheizte Stimmung auf den Straßen, Tausende Menschen an einem Ort. Die perfekte Ausgangslage für ein Attentat unter falscher Flagge - zumindest theoretisch. Franco A. reist alleine nach Wien, ohne Rückflugticket. Er wird später gegenüber der Polizei erklären, dass ein befreundeter Offizier aus Wien angeboten habe, ihn nach Straßburg zu fahren. Würde man A.s geplanten Tagesablauf für den 3. Februar 2017 schematisch darstellen, käme dabei vielleicht ein Flussdiagramm heraus, wie man es aus seinen Aufzeichnungen kennt: Offenbach -> Pistole/Wien -> Auto Straßburg.

Doch eine solche Skizze fehlt. Und so stellt sich weiterhin die Frage, wofür Franco A. die Pistole brauchte. Und warum er sie ausgerechnet an einem stark überwachten Ort wie dem Flughafen deponierte.

Kontakte zum Hannibal-Netzwerk

Die Waffe für einen Anschlag in Berlin eigenhändig aus Österreich einzuführen, wäre für Franco A. jedenfalls ein unnötiges Risiko gewesen. Wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellt, unterhält der Offenbacher Bundeswehroffizier Kontakte zu André S., dem Mann hinter dem sogenannten Hannibal-Netzwerk.

Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss sogenannter "Prepper", die sich auf den Zusammenbruch aller staatlichen Ordnung an einem "Tag X" vorbereiten. Dass sie das anschließende Chaos auch zur Abrechnung mit politischen Gegnern nutzen wollen, legen unter anderem Bestellungen von Leichensäcken und bei Mitgliedern des Netzwerkes gefundene Feindeslisten nahe.

Zu den Mitgliedern gehören Polizisten, Reservisten und Berufssoldaten wie Franco A. Zahlreiche Kontakte, die ihm problemlos eine Waffe beschaffen könnten. Doch im Zweifel braucht Franco A. auch sie nicht. Er sitzt selbst quasi direkt an der Quelle.

Munitionsdepot als "Freundschaftsdienst"

Als A. fast drei Monate nach seiner ersten Verhaftung in Wien erneut festgenommen wird, zeigt sich, dass sich der Oberleutnant bereits ausgiebig im Bestand der Bundeswehr bedient hat. Mehr als 1.000 Patronen, darunter auch Fabrikate, die dem Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegen, werden im Zuge der Ermittlungen beschlagnahmt. Hinzu kommen Leucht- und Nebelmunition sowie Granatenteile. Das meiste davon finden die Beamten in einer Studentenwohnung in Friedberg.

Franco A. hat sie zwei Wochen nach seiner Festnahme in Wien an seinen Freund Mathias F. übergeben, zusammen mit Büchern, von denen er glaubt, dass sie ein schlechtes Licht auf ihn werfen könnten - unter anderem "Mein Kampf". Mathias F. wird 2019 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er habe Franco A. lediglich einen Freundschaftsdienst erweisen wollen, beteuert F.. Dass dieser sich an Planungen für eine Gewalttat beteiligt hat, kann man ihm nicht nachweisen.

Wie weit waren die Pläne fortgeschritten?

Die Indizien, dass Franco A. plante, schon vor dem "Tag X" aktiv zu werden, sind hingegen zahlreich. Auch einschlägige Literatur wie das "Mujahideen Explosives Handbook" mit Anleitungen zum Bombenbau fanden die Ermittler auf Datenträgern in seinem Besitz. Doch wie weit waren die Pläne des inzwischen suspendierten Oberleutnants gediehen? Waren Ziel, Ort und Zeit bereits festgelegt? Oder ging Franco A. den Sicherheitsbehörden ins Netz, ehe er seine Planungen konkretisieren konnte?

Auf den "Schmierzetteln" von Franco A. sticht eine Notiz besonders hervor. Als einzige verläuft sie diagonal über das Blatt. Man sei an einem Punkt, hält Franco A. fest, an dem man noch nicht so handeln könne, wie man letztendlich wolle.