Das Oberlandesgericht in Frankfurt von außen.

Weil sie die Terrororganisation IS unterstützt haben soll, muss sich die 32-jährige Kim Teresa A. vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verantworten. Ein erheblicher Teil der Anklage basiert darauf, was sie Journalisten über ihre Zeit im Kalifat erzählt hat.

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hessenschau von 16:45 Uhr
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Die Frankfurterin Kim Teresa A. ist angeklagt, weil sie 2014 als 25-Jährige mit ihrem damaligen Mann Onur E. nach Syrien gegangen ist, um sich dem IS anzuschließen. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft ihr vor, dass sie ihren Mann dabei unterstützte, für den IS zu kämpfen. Während er an der Front war, habe sie ihm, "wie im IS für die Ehefrau eines Kämpfers vorgesehen", den Haushalt geführt und ihn im Krankheitsfall gepflegt, so die Anklagebehörde.

Sie habe mit ihrem Mann in mehreren Wohnungen und Häusern gelebt, aus denen die syrischen Besitzer gewaltsam vertrieben worden waren. Außerdem habe sie gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen, weil sie eine Kalaschnikow hatte.

Prominenter Pflichtverteidiger: Gregor Gysi

Bereits 2016 will sie sich durch Flucht aus dem Herrschaftsgebiet des IS von der Terrororganisation losgesagt und ihren Mann verlassen haben. "Meine Mandantin hat den schwersten Fehler ihres Lebens begangen, als sie ihrem türkischen Lebensgefährten folgte und beim sogenannten Islamischen Staat landete", erklärt Gregor Gysi. Der ehemalige Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag ist einer ihrer Pflichtverteidiger.

Gysi hatte sich zuvor schon aus humanitären Gründen für Kim Teresa A. eingesetzt, noch bevor er das Mandat übernahm. Erst nach fünf Jahren, die die Frau zum Teil in einer Art Gefangenschaft verbracht habe, sei es ihr gelungen, über die Türkei nach Deutschland zurückzukommen. Seit ihrer Ankunft am Frankfurter Flughafen im Oktober 2020 sitzt sie in U-Haft.

Anklage basiert zum Teil auf Biografie

Die Vorwürfe der Generalstaatsanwaltschaft gegen Kim Teresa A. ähneln den zahlreichen anderen Fällen junger Frauen, die als IS-Rückkehrerinnen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor Gericht stehen. Die Besonderheit an diesem Fall ist jedoch, dass die Angeklagte einen Teil der Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft gegen sie erhebt, den Ermittlern selbst frei Haus geliefert hat. Die 32-Jährige hat Journalisten ihre IS-Geschichte erzählt.

So sieht es zumindest ihre Co-Verteidigerin Christina Sinnecker. Demnach basiere die Anklage zum Teil auf der Biografie, die der Journalist Christoph Reuter 2017 veröffentlicht hat. Als Spiegel-Reporter hat er jahrelang über den Krieg in Syrien berichtet. Basierend auf Interviews und Chatprotokollen schrieb er das Buch "Maryam A. - Mein Leben im Kalifat".

In der Ich-Perspektive wird darin der Weg der Frau zum IS beschrieben. Es ist die Geschichte einer jungen Deutschen aus zerrütteten Verhältnissen, die schon mit zehn Jahren nicht mehr bei ihrer Mutter leben möchte. Sie kommt in die Obhut der Frankfurter Jugendhilfe, die ihr nicht wirklich hilft, im Leben Fuß zu fassen. Mit 19 Jahren konvertiert sie zum Islam: "Ich landete in einer Gemeinschaft, die mir näher war als meine Familie."

Reise ins syrische Kampfgebiet

Von dort führte der Weg über Kontakte zu einer Offenbacher Salafistengruppe, die 2013 mit einem Angriff auf ein SWR-Fernsehteam vor einer Offenbacher Moschee für Aufregung gesorgt hatte. Der Wortführer der Gruppe hatte die hessischen Sicherheitsbehörden genarrt, indem er sich mit einer elektronischen Fußfessel über die Türkei nach Syrien abgesetzt hatte.

Onur E. und seine Ehefrau Kim Teresa A. beschlossen, der Gruppe ins syrische Kampfgebiet zu folgen. Ob sie im Gebiet des IS oder der konkurrierenden Terrororganisation Al-Qaida landeten, will sie bis zuletzt nicht gewusst haben. Der richtige Ort, so habe ihr damaliger Mann entschieden, sei dort, "wo die anderen Offenbacher sind".

Aus finanziellen Gründen mit Reporter gesprochen

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Der freimütige Bericht über ihr Leben im Kalifat bildet nun die Basis der Anklage. "Sie hat den Spiegel-Reporter ihre Lebensgeschichte aufschreiben lassen, weil sie Geld brauchte, um nach ihrer Flucht vor dem IS in Syrien zu überleben", erklärt Anwältin Sinnecker. Jetzt werde ihr daraus ein Strick gedreht. Dabei kooperiere sie mit den Ermittlungsbehörden, habe als Zeugin in Prozessen gegen andere IS-Rückkehrerinnen ausgesagt und sich durch ihre Flucht glaubhaft vom IS losgesagt.

Sie werde dennoch härter angefasst als zahlreiche andere Frauen, die nicht mit dem IS gebrochen hätten und unbehelligt frei herumliefen. Die Generalstaatsanwaltschaft äußert sich auf Anfrage nicht zu den Beweisen ihrer Anklage, "um die Durchführung der Hauptverhandlung nicht zu beeinträchtigen".

Journalist gibt Chatprotokolle weiter

Schwerwiegender als das Buch des Spiegel-Reporters wertet die Verteidigung das Handeln eines weiteren Journalisten beim Zustandekommen der Anklage. Der Reporter einer überregionalen Tageszeitung hat als Kriegsberichterstatter ebenfalls über den Konflikt in Syrien berichtet. Auch er habe vorgehabt, ein Buch über Kim Teresa A. zu schreiben. Doch diese gab für ihre Geschichte dem Spiegel-Kollegen den Vorzug.

Aus Verärgerung darüber soll der Reporter Ende 2020 gegenüber den Ermittlern ausgesagt haben. Dabei habe er belastende Informationen aus den Vorgesprächen für das mögliche Buch und Chatprotokolle weitergegeben. "Journalisten haben ein gesetzlich geschütztes Zeugnisverweigerungsrecht. Davon sollten sie Gebrauch machen, um ihre Gesprächspartner zu schützen. Ansonsten zerstören sie die Basis vertraulicher Zusammenarbeit", so Verteidigerin Christina Sinnecker.

Wer sich äußert, trägt das juristische Risiko

"Um der Gerichtsverhandlung nicht vorzugreifen, will sich Christoph Reuter vor seiner anberaumten Zeugenvernehmung nicht zu dem Thema äußern", erklärt die Spiegel-Pressestelle. Ein Interview zu einem späteren Zeitpunkt sei möglich. Der Reporter der Tageszeitung hat bislang nicht auf hr-Nachfragen reagiert.

Grundsätzlich können Journalisten gegenüber Ermittlungsbehörden die Aussage verweigern, weil nur so der Schutz von Informanten gewährleistet ist. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, müssen sie davon aber nicht Gebrauch machen. Eine allgemein verbindliche Aussage dazu könne es nicht geben.

Journalisten hätten die gleichen Pflichten wie alle anderen Staatsbürger, das gelte insbesondere im Zusammenhang mit schweren Straftaten. Außerdem seien Journalisten keine Rechtsberater. "Wenn Protagonisten ihre Zitate gegenüber Journalisten zur Veröffentlichung freigeben, tragen sie auch das mögliche juristische Risiko. Es ist fair von Journalisten, sie darauf hinzuweisen, aber keine Pflicht", meint er zu der Biografie als Grundlage der Anklage.

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