Zwei Fotografien der Pulitzer-Preisträger Carrie Lam und Kai Pfaffenbach

Der Fotograf Kai Pfaffenbach aus Hanau wird mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Mit hessenschau.de hat er über das Siegerfoto, seine weltweiten Einsätze sowie Aufnahmen vom Kaninchenzüchterverein in Kleinauheim gesprochen.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Pulitzerpreis geht nach Klein-Auheim

mt-pulitzer-klein-auheim
Ende des Videobeitrags

Kai Pfaffenbach stammt aus Hanau (Main-Kinzig) und bereist als Foto-Journalist für die Nachrichtenagentur Reuters die ganze Welt. Die Aufnahmen des 49-Jährigen sind nicht nur Sport-Fans in Erinnerung: Er drückte auf den Auslöser, als Mario Götze Deutschland 2014 zur Fußball-Weltmeisterschaft schoss. Und er fotografierte Sprintstar Usain Bolt bei den Olympischen Spielen, wie er im Vollsprint lächelnd auf die Konkurrenz blickt. Dafür hat Pfaffenbach schon etliche Preise eingeheimst.

Sprinter Usain Bolt blickt kurz vor Zieleinlauf auf die Konkurrenz zurück

Jetzt kommt wieder einer hinzu, die renommierteste Auszeichnung für Journalisten: der Pulitzer-Preis – für ein Foto der Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam. Er ist damit der einzige Deutsche, der sowohl den "World Press Foto Award" als auch den Pulitzer-Preis gewonnen hat. hessenschau.de hat mit Pfaffenbach aus dem Hanauer Stadtteil Klein-Auheim gesprochen.

hessenschau.de: Plötzlich Pulitzer-Preisträger – das muss man erstmal realisieren, oder?

Kai Pfaffenbach: Es ist eine besondere Ehre, ich fühle mich aber immer noch als ein ganz normaler Reuters-Fotograf. So richtig ist dieser Erfolg bei mir noch nicht angekommen. Ein Kollege sagte zu mir, das sei ja wie ein Nobelpreis für einen Wissenschaftler. Ich weiß nicht, ob man das so hoch hängen sollte. Aber klar, ich freue mich: die Auszeichnung ist für Journalisten das Nonplusultra.

hessenschau.de: Kann man das vergleichen mit einem Champions-League-Sieg im Fußball?

Pfaffenbach: Eigentlich ist es sogar ein bisschen mehr: Das ist so, wie wenn man in einem Jahr die Champions League und die Fußball-WM gewinnt. Mehr geht eigentlich nicht.

hessenschau.de: Wie haben Sie von dem Erfolg erfahren? Wird man von der Jury angerufen, wie beim Nobelpreis?

Pfaffenbach: Eine Kollegin hat mir am Montagabend eine WhatsApp geschickt, dass das Team von Reuters den Preis gewonnen hat. Sie fragte mich dann, ob von mir auch eine Arbeit dabei ist. Ich hatte gar keine Ahnung. Fünf Minuten später rief mich dann der Reuters-Kollege aus Texas an, der unsere Fotos beim Pulitzer-Preis eingereicht hatte und sagte: Junge, dieses mal bist Du dabei! Dann haben sich ziemlich schnell viele Kollegen gemeldet, um Mitternacht hat dann unser Chefredakteur aus New York eine virtuelle Telefonkonferenz einberufen und wir haben dann alle mit einem Glas Champagner angestoßen.

hessenschau.de: Wie viele Glückwünsche sind denn bei Ihnen eingegangen?

Pfaffenbach: Das waren bei Instagram, Facebook und WhatAapp sowie per SMS und E-Mail so um die 1.000 Nachrichten.

hessenschau.de: Sie haben den Pulitzer-Preis für ein ungewöhnliches Foto bekommen. Es zeigt die Regierungschefin Hongkongs, Carrie Lam, während einer Pressekonferenz in der Hoch-Zeit der Proteste. Sie hat die Augen geschlossen, das Porträt ist auch nur zur Hälfte zu sehen, unter der Nase ist es abgeschnitten. Wie ist das Bild entstanden?

Pfaffenbach: Ich war mit anderen Kollegen wochenlang in Hongkong während der Proteste. Bei ihren Pressekonferenzen hat sich Carrie Lam immer sehr tough und kämpferisch gegeben. Und ich habe mir gedacht, ich muss mal was anderes machen. Ich suche ein besonders nahes Motiv, vielleicht von den Augen. Ich hatte dann ein extrem langes Teleobjektiv mitgenommen, was die meisten Kollegen bei Pressekonferenzen nicht tun, um dieses sogenannte Close-Up-Bild zu machen. Und dann hat sie in diesem Moment die Augen zu und wirkt eher so ein bisschen fragil, verletzlich und weich – also ganz anders, als sie sich die ganze Zeit gegeben hat.

Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam mit geschlossenen Augen kurz vor Beginn einer Pressekonferenz

Für mich kam es trotzdem unerwartet, dass der Kollege das Bild unter zehntausenden Reuters-Fotos aus der Zeit in Hongkong als eines von 20 ausgewählt und eingereicht hat. Von fotografischen Grundsätzen spricht ja eigentlich alles gegen das Bild: Ich habe es extrem beschnitten, zu sehen ist nur der halbe Kopf, die Augen sind zu. Das ist nichts, was man jetzt in der Foto-Schule lernen würde. Ich fand einfach, dass es gut gepasst hat und habe die Geschichte dazu erzählt. Und das war wahrscheinlich auch der Grund, warum das Bild in der New York Times auf dem Titel war.

hessenschau.de: Es gibt ein Bild von Ihnen aus Hongkong, das zeigt Sie mit Helm, mitten unter Demonstranten. Ist das denn sehr gefährlich gewesen?

Pfaffenbach: Das sieht natürlich alles sehr wild aus und es war sehr anstrengend. Sehr heiß, eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Ich habe zum Teil mit Gasmaske gearbeitet, wegen Tränengas und Pfefferspray. Die Demonstranten waren aber gegenüber den internationalen Medien extrem freundlich und zurückhaltend. Auch die Polizei war respektvoll. Und wenn jemand aus Versehen in dich rein gerannt ist, dann ist der stehengeblieben, um sich zu entschuldigen. Das kenne ich aus anderen Ländern oder auch aus Deutschland ganz anders. Ich bin aber auch körperlich robust und falle nicht gleich, wenn es mal ein bisschen rumpelt.

Fotograf Kai Pfaffenbach in mitten von Demonstranten in Hongkong

hessenschau.de: Wann wird Ihnen und Ihren Kollegen der Pulitzer-Preis verliehen?

Pfaffenbach: Das Pulitzer-Komitee plant, die Preisverleihung an der Columbia-Universität in New York im Oktober durchzuführen. Und ich bin vorsichtig optimistisch, dass man bis dahin vielleicht wieder reisen kann. Wenn das bis dahin nicht geht, dann haben wir wirklich größere Probleme, als dass ich dieses Ding physisch verliehen bekomme – oder später mit der Post bekomme.

hessenschau.de: Was hat Ihr Team mit dem Preisgeld von 15.000 Dollar vor?

Pfaffenbach: Ich habe mit drei Kollegen schon gesprochen und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das Geld aufteilen. Ich gehe davon aus, dass wir den Betrag vielleicht für "Ärzte ohne Grenzen" oder ähnliche Organisationen spenden.

hessenschau.de: Sie sind wegen Corona zurzeit eher in Hessen als Foto-Reporter unterwegs. Was fotografiert der Pulitzer-Preisträger da so?

Pfaffenbach: Ich versuche gute Geschichten rund um die Corona-Misere zu fotografieren, etwa für den Lokaljournalismus, zu dem ich meine Brücken nie abgebrochen habe. Vor zwei Wochen war ich mit dem Rettungshubschrauber unterwegs, das war ein richtiger Schocker, mit isolierten Corona-Patienten an Bord. Ich habe aber auch in meiner Heimatstadt Hanau eine Trauung im Standesamt fotografiert, mit Plexiglas, Mundschutz und allem. Keine große weite Welt, keine langen Flüge – dafür ist es aber etwas stressbefreiter (lacht).

hessenschau.de: Sie waren bei großen Sportereignissen im Einsatz und in Krisengebieten – ist da der Kaninchenzüchterverein in Kleinauheim immer noch interessant?

Pfaffenbach: (lacht) Ich habe ja tatsächlich in der Schulzeit angefangen, den lokalen Geflügelzuchtverein oder die Obstbauern zu fotografieren. Ich bin zwar bei einer großen internationalen Fotoagentur, aber die Bezüge ins Lokale sind genauso wichtig. Ich will für die Leute ein "paar Augen in die Welt" sein und deshalb ist es eine Frage des guten Respekts, dass man lokale Themen mit genauso viel Sorgfalt und Engagement behandelt wie die globalen Themen. Ich bin da immer auf dem Boden geblieben.

Das Interview führte Marcus Narloch-Bode.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 11.05.2020, 18 Uhr