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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Bürger entwickeln interaktive Fahrradkarte für Marburg

Fahrräder und Autos auf einer Brücke

Wo sich Rad- und Autofahrer bedrohlich nah kommen, lauern Gefahren und Zoff. Das gilt auch für die Marburger Innenstadt. Weil die Verkehrsplanung an ihre Grenzen stößt, werden die Radfahrer nun selbst aktiv.

Am Fuß der Marburger Oberstadt radelt eine junge Mutter mit Kinderanhänger auf dem schmalen Fahrradstreifen der Universitätsstraße. Direkt neben ihr rauschen Autos vorbei, dahinter kommt ein Linienbus. Mit ihren engen Straßen und vielen Steigungen ist Marburg alles andere als die geborene Fahrradstadt.

Dennoch kann man hier gut und sicher mit dem Rad unterwegs sein - man müsse nur wissen, wo, meint die Marburger Radinitiative Lahnberge. "Und das wissen viele nicht", sagt Ulrich Schu. Er hat mit zwei Mitstreitern eine digitale interaktive Fahrradkarte entwickelt, die sichere Wege zu wichtigen Zielen in der Stadt zeigen soll.

Wissen an die nächste Generation Radfahrer weitergeben

"Natürlich kann man sich als Radfahrer auch so irgendwie durch die Stadt wurschteln", erklärt Schu. Wenn man denn knapp überholt werden und an den Ampeln in den Abgasen der Stadtbusse stehen wolle. Das mache aber keine Freunde, sei unsicher und oft auch gar nicht nötig, weil es Alternativrouten abseits der befahrenen Straßen gebe. Manchmal laufe ein Radweg direkt an einer Parallelstraße vorbei, oder es gebe eine Abkürzung abseits der Straße.

Schuh erklärt die Karte als eine Art Generationenprojekt: Langjährig "erradeltes" Wissen soll an die nächste Generation Radfahrer und Radfahrerinnen weitergeben werden. "Wie sollen neu Zugezogene oder Menschen, die neu mit dem Radfahren anfangen, denn wissen, dass man auch ruckizucki durch die Stadt fahren kann, ohne mit den Autos zu kollidieren?", fragt Schuh. Die Radinitiative ist überzeugt: Dieser Ansatz könnte auch in anderen Städten sinnvoll sein.

Karte soll Problemstellen zeigen

Die Macher haben einzelne Wege mit einem Navi aufgezeichnet, nachbearbeitet und in einer digitalen Karte zusammengeführt, die jeder kostenlos im Internet herunterladen könne, erklärt Schuh. "Es gibt auch eine Feedbackkarte, wo man sagen kann: Jungs, die Stelle habt ihr aber schlecht aufgezeichnet. Oder hier gibt’s noch einen supertollen Weg." Die Fahrradinitiative will die Karte der Stadt Marburg nächstes Jahr zum 800. Geburtstag schenken.

Ein Mann auf einem Fahrrad

Allerdings kommt das Geschenk in einer etwas eigenwilligen Verpackung: verbunden mit der Einladung an die Stadt, sich an dem Projekt zu beteiligen und mit der Bitte, das Radwegenetz weiter zu verbessern. Denn die Karte soll auch Problemstellen aufzeigen. Etwa Ziele, die aus Sicht der Radinitiative derzeit noch gar nicht sicher erreichbar sind, wie der Stadtteil Marbach.

Außerdem hat die Initiative Fahrradstreifen entlang der Fahrbahn, die die Stadt Marburg in letzter Zeit vermehrt eingerichtet hat, weitgehend außer Acht gelassen. "Aus Sicherheitsgründen", erklärt Schu. Denn oft werde auf diesen Streifen der notwendige 1,5-Meter-Sicherheitsabstand nicht eingehalten.

Kritik an Radstreifen: "Ich fahre lieber durch den Wald"

Diese Konfliktlage zeigt sich besonders deutlich an der Großseelheimer Straße, die aus der Stadt zur Uniklinik auf den Lahnbergen führt: Hier haben die Stadt und Hessenmobil bis hoch zur Klinik zwei nagelneue Radstreifen auf die Hauptverkehrsstraße gepinselt. Für die 1,5 Meter breiten Fahrradstreifen wurden stellenweise die Spuren für Autos verengt und Mittelstreifen entfernt. Für die Autos im Gegenverkehr bleiben in der Mitte insgesamt noch 4,64 Meter. Auch Busse und Lkw nutzen die Straße, es gilt Tempo 50.

Ein rotes Auto fährt auf einem Radstreifen

Eine zwanzigminütige Verkehrsbeobachtung vom Straßenrand zeigt: Weil sich die entgegenkommenden Fahrzeuge sonst sehr nah kommen, weichen fast alle auf den Fahrradstreifen aus. Zu Konflikten mit Radfahrern kommt es in dieser Zeit allerdings nicht – denn kein einziger nutzt den Streifen. Nur ein Mann radelt vorbei, allerdings auf dem Fußweg. "Ich persönlich fühle mich auf diesen Streifen nicht wohl und fahre auf die Lahnberge lieber weiterhin durch den Wald", meint Psychiater Ulrich Schu dazu.

ADFC ruft "Mapathon" aus

Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club ADFC hat den Wissenstransfer über gemeinsam erstellte Karten derzeit weit oben auf der Agenda. Der Bundesverband hat erst kürzlich zu einem sogenannten Mapathon aufgerufen und ermutigt Ortsgruppen, gemeinsam an einem digitalen Radkartenprojekt über die Plattform OpenStreetMap zu arbeiten.

Martin Engel vom ADFC Hersfeld-Rotenburg/Schwalm-Eder ist überzeugt: Von Bürgern erstellte Karten könnten durchaus eine Hilfe sein, um Städte und Kommunen auf Mängel hinzuweisen und so etwas mehr Druck aufzubauen. Er erklärt: Derzeit gebe es in Hessen schon die Meldeplattform Radverkehr, an der sich viele Kommunen beteiligen. "Leider ist es aber in den meisten Kommunen so, dass die gemeldeten Mängel dann nicht öffentlich gemacht werden, sondern nur intern bearbeitet werden."

Engel findet das aus Nutzersicht unfair: "Wenn man zum Beispiel ein Schlagloch oder einen umgekippten Baum meldet, weiß man ja gar nicht, was mit der Meldung dann passiert und ob das vielleicht schon vor mir jemand gemeldet hat. Dann ist meine Meldung ja eigentlich überflüssig." Nur eine Handvoll Städte machen die Mängel derzeit öffentlich: neben Frankfurt, Gießen und Hanau zum Beispiel auch die Stadt Marburg.

Marburg will unter die Top 10 im Fahrradklimatest

In Marburg will Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) die Karte der Radinitiative gerne als Geschenk annehmen. Grundsätzlich sei er sich der Herausforderungen für Radfahrerinnen und Radfahrer bewusst und es sei ihm ein großes Anliegen, die Radinfrastruktur in Marburg weiter zu verbessern. "Mein Ziel ist, dass wir es unter die besten 10 im ADFC Klimatest schaffen", meint Spies.

Durch kostenlose Leihfarräder und Ampelschaltung für Radfahrer hat Marburg in der Radfahrer-Befragung zuletzt bereits ordentlich aufgeholt und rangiert derzeit auf Platz 14 von 110 Städten ähnlicher Größe. Besonders die Schulnoten in Bereichen wie Sicherheit oder Konflikten mit Autofahrern sind aber weiterhin im Bereich der Schulnote 4.

"In einer Stadt wie Marburg müssen wir auf zivilisierten Umgang setzen"

Spies lobt nun das Engagement aus der radfahrenden Bevölkerung. Die Stadt könne selbst nicht einfach so einen Waldweg zum offiziellen Radweg erklären und auf einer Karte einzeichnen. Damit würde dann zum Beispiel eine Verkehrssicherungspflicht mit einhergehen, erklärt der Oberbürgermeister. Für ihn sei aber durchaus denkbar, dass die Stadt das Projekt in Zukunft unterstützt.

Zur Kritik an den schmalen Radstreifen räumt der Bürgermeister ein: Idealerweise müsste man überall bauliche Radwege erstellen. Das scheitere aber in der Praxis leider immer wieder an Regularien wie der Straßenverkehrsordnung oder selbst in einer relativ reichen Stadt wie Marburg am Geld. Oder es scheitert schlicht am Platz.

"In einem Tal von 700 Metern Breite, mit einem Fluss, einer Autobahn, einer Bahnlinie und vielen großen Gebäuden ist an vielen Stellen einfach der Raum nicht vorhanden", so Spies. Deshalb müsse man in Marburg auf Rücksicht und zivilisierten Umgang im Straßenverkehr setzen. "Das ist allerdings auch eine große Herausforderung."

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 21.05.2021, 15.30 Uhr