Fastenbrechen bei Familie Kilincarslan. Sie sitzen um einen Tisch, auf dem viele Schüsseln und Schalen mit Essen stehen.

Der Fastenmonat Ramadan hat begonnen. Wegen der Corona-Pandemie ist für Muslime auch in diesem Jahr vieles anders. Das zeigt sich bei Familie Kilincarslan in Hanau.

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Der Esstisch ist reich gedeckt: Datteln, Wasser, Fladenbrot, Suppe, gefüllte Weinblätter, Tee. Um den Tisch herum sitzen Anil Kilincarslan, seine Frau Gamze, die beiden Kinder und deren Großeltern. Allerdings: Es ist ein Foto. "Aus besseren Zeiten", scherzt Anil Kilincarslan und meint damit: Ramadan vor der Corona-Pandemie.

Während des Fastenmonats Ramadan dürfen Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen oder trinken, nicht rauchen und keinen Geschlechtsverkehr haben – kurzum: Sie müssen enthaltsam leben. Nach dem muslimischen Glauben soll damit Allah, also Gott, gedient werden. Aber auch Körper und Geist sollen gereinigt werden. Für Muslime ist der Ramadan heilig. Und zur Tradition gehört das allabendliche Fastenbrechen in Gesellschaft: mit der Familie, Freunden oder Nachbarn.

Familienzusammenkunft diesmal nur digital

"Es ist eigentlich, wenn man es vergleichen will, wie Weihnachten und Ostern, wo die Familie zusammenkommt", sagt Anil Kilincarslan: "eine große Sause. Das ist schon immer eine sehr schöne Zeit." Doch wegen der Corona-Pandemie gibt es all das auch an diesem Dienstagabend nur in abgespeckter Version. "Das macht einen schon sehr betroffen", so der 35-Jährige.

"Wir haben uns per Videochat getroffen", erinnert sich seine Frau Gamze an den ersten Corona-Ramadan im vergangenen Jahr. Das sei einfach nicht dasselbe gewesen. "Gerade auch für die Kinder: Oma ist nicht da, Opa ist nicht da. Das Zusammenkommen fehlt. Die Unterhaltung am Tisch fehlt. Das ist nicht schön." Genau wie Familie Kilincarslan aus dem Hanauer Stadtteil Klein-Auheim geht es auch vielen anderen Muslimen in Hessen.

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Gebet in Moschee
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Moscheen verkürzen Gebet

Immerhin: Im Gegensatz zum Vorjahr sind in diesem Jahr die Moscheen geöffnet – unter strengen Corona-Regeln: Abstand halten, Maske tragen, Gläubige müssen ihren eigenen Gebetsteppich mitbringen. In den vergangenen Wochen waren nach Angaben mehrerer hessischer Imame die Moscheen deutlich schwächer besucht als vor Beginn der Pandemie.

Während des Ramadan sei ein Moscheebesuch aber für viele Muslime wichtig. "Das gibt den Menschen Kraft", glaubt zum Beispiel der Hanauer Imam Mustafa Macit Bozkurt. Deshalb haben einige Gemeinden wegen geltender Ausgangssperren Ausnahmegenehmigungen für Besuche der Gotteshäuser beantragt und stellen Teilnehmerkarten aus.

Dafür wird in den Moscheen das Tarāwīh-Gebet, das während des Ramadan gebetet wird, verkürzt: Statt 20 Gebetsabschnitten sind es in diesem Jahr nur acht. "Damit die Menschen weniger Zeit gemeinsam in der Moschee verbringen", erklärt Imam Bozkurt. Viele Moscheen bieten normalerweise jeden Abend kostenloses Essen für Menschen, die zuhause niemanden haben oder in Gemeinschaft fastenbrechen wollen – auch das entfällt in diesem Jahr erneut.

Wie zahlreiche andere hessische Imame auch, überträgt der Hanauer Imam Bozkurt seine Koranlesungen per Livestream im Internet. Das habe schon im vergangenen Jahr gut geklappt.

Video kann das Treffen nicht ersetzen

Digital findet auch Familie Kilincarslan zusammen: Neben Vater Anil und Mutter Gamze sitzen Tochter Nisa und Sohn Batu am Tisch. Mit deren Oma sind sie auch dieses Jahr zum Videochat verabredet. "Habt Ihr schon gegessen?", fragt sie. "Ja, klar", antwortet die 6-Jährige Nisa und ihr Vater Anil ergänzt: "Ich war schon nach der Suppe satt." Alle lachen, strahlen über das ganze Gesicht und freuen sich sichtlich, einander zu sehen. Nach wenigen Minuten ist das Gespräch wieder beendet. Es sei einfach nicht dasselbe. Gefastet wird heute trotzdem wieder.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 14.04.2021, 16.45 Uhr