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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kritik an Fabarius-Büste in Witzenhausen

Verhüllung der Büste von Fabarius

In Witzenhausen ist dem Gründer der dortigen Kolonialschule eine Statue und ein Straßenname gewidmet. Dabei galt Ernst Albert Fabarius als Rassist und Antisemit, kritisieren Studenten bei einer Verhüllungsaktion. Sie fordern ein Umdenken und nehmen auch die Uni Kassel in die Pflicht.

Beatrice und ihre Kommilitonin wickeln eine Rolle durchsichtige Plastikfolie um die Büste von Ernst Albert Fabarius, Gründer der Kolonialschule in Witzenhausen (Werra-Meißner). Mittlerweile ist der Ort eine Außenstelle der Universität Kassel. Die Verhüllungsaktion zu Wochenbeginn soll die seit Monaten währende Debatte neu anregen: Was tun mit Denkmälern von Akteuren der Kolonialzeit, warum stehen sie noch - und sollten sie gestürzt werden?

Auf der Büste steht "Rassist"

Die Büste von Fabarius hatte schon vor der Plastikverhüllung einiges abbekommen, sie wurde mit Farbe attackiert, ein weißer Schriftzug zieht sich quer über die Figur: "Racist" ist zu lesen. Neben der Büste steht eine Tafel mit Erklärungen, jemand hat "Warum?" darüber gesprüht.

"Fabarius ist eine zentrale Schlüsselfigur der Kolonialschule Witzenhausen, mit einer sehr rassistischen Grundhaltung, deswegen ist der Kult um ihm kritisch zu sehen", erklärt Beatrice, die die Verhüllung gemeinsam mit anderen Studierenden aus einem Seminar über postkoloniales Gedächtnis geplant hat.

Weitere Informationen

Die Geschichte der Kolonialschule Witzenhausen

hr2-kultur hat ein großes Web-Spezial über die ehemalige Kolonialschule Witzenhausen gemacht. Hier kommen aktuelle und ehemalige Studierende zu Wort - es geht auch um den Umgang mit Ernst Albert Fabarius.

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Der 18. Januar als Aktionstag ist dabei kein Zufall. Zum 150. Mal jährte sich am Montag die Kaiserproklamation im französischen Schloss Versailles. Noch bis 2008 wurde an dem Tag auch feierlich Fabarius gedacht, im Hof des Witzenhäuser Unigebäudes wurden Kränze niedergelegt.

Dabei war Fabarius nicht nur Begründer der sogenannten Kolonialpädagogik, sondern trat als Vorsitzender der Ortsgruppe der rechtsradikalen Deutschen Vaterlandspartei in Witzenhausen auch offen als Rassist und Antisemit in Erscheinung, so die Kritik der Studenten.

Jenen gedenken, die gelitten haben

Darf man so jemandem noch gedenken? Um das zu diskutieren, initiierten die Studierenden des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften ein Seminar zum Thema. Dozentin ist die Historikerin Birgit Metzger.

Büste des Gründers der Kolonialschule in Witzenhausen, Ernst Albert Fabarius

Die Perspektive müsse sich verändern, sagt sie. Vielleicht brauche es aus postkolonialer Sicht andere oder stark veränderte Denkmäler. Es müsse auch denen gedacht werden, die unter dem Kolonialismus gelitten haben, so Metzger. Diese Debatte sei auch beim Nationalsozialismus noch nicht abgeschlossen, es gebe weiterhin Straßennamen, die an NS-Größen erinnern. Auch Fabarius ist in Witzenhausen eine Straße gewidmet.

Kolonialgeschichte sichtbar machen

Auch der Prozess der Rückgabe von Gütern, die den kolonialisierten Ländern geraubt wurden und nun in deutschen Museen lagern, sei sehr zäh: "Es passiert was, aber es wird noch dauern, bis das ernsthafter verfolgt wird", sagt Metzger.

Die Studierenden in Witzenhausen wollen noch mehr und öffentlich über die Kolonialgeschichte debattieren. "Vielen ist nicht bewusst, was hier mal für ein Wind wehte", sagt Student Tom, der seinen echten Namen nicht nennen möchte. Dafür sei es nötig, die Kolonialgeschichte auch sichtbar zu machen für Besucher und Studierende.

Appell an Uni Kassel

Die Studierenden des Kolonialismus-Seminars fordern, dass die Büste von Fabarius und der Straßenname entfernt und umgewidmet werden - und gleichzeitig mehr Forschung und Seminare zum Thema zu ermöglichen. Das ist auch ein Appell an die Universität Kassel: Mit einem neuen Schwerpunkt Agrargeschichte könne über das koloniale Erbe und die Ungleichheit zwischen den Ländern und Kontinenten diskutiert werden.

Ganz im Sinne der "Black Lives Matter"-Proteste, bei denen Statuen von Kolonialherren gestürzt wurden. Der Rassismus von heute habe seinen Ursprung im Kolonialismus und Deutschnationalismus, sagt Tom. Es gebe deswegen keinen Grund, warum jemand wie Fabarius überhaupt noch ein Denkmal habe.

Sendung: hr4, 18.01.2021, 14 Uhr