Max Sprenger im Porträt mit einer Kappe auf dem Kopf

Max Sprenger ist 14 Jahre alt, als er eine massive Hirnblutung erleidet und ins Locked-in-Syndrom stürzt. Wie sich sein Leben vom einen auf den anderen Tag veränderte und wie er sich entgegen aller Prognosen zurück ins Leben kämpfte, erzählt der Autor im Interview.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Wenn Aufgeben keine Option ist

mt
Ende des Videobeitrags

Mit einem Finger hat Max Sprenger seine Biografie "Tsunami im Kopf" in ein Handy getippt. Der heute 18-Jährige ist halbseitig gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Vor vier Jahren erleidet er bei einem Familienurlaub in Holland eine starke Hirnblutung, die ihn ins Locked-in-Syndrom stürzt. Er ist körperlich komplett gelähmt, kann nicht sprechen und nur seine Augen bewegen. Dabei ist er hellwach und bei vollem Bewusstsein. Eigentlich eine aussichtslose Situation.

Weitere Informationen

Locked-In-Syndrom

Das Locked-In-Syndrom bezeichnet einen Zustand, in dem ein Mensch zwar bei Bewusstsein ist - körperlich aber fast vollständig gelähmt ist. Patienten sind meist nicht in der Lage, zu sprechen. Sie können meist nur durch ihre Augen kommunizieren - zum Beispiel durch Augenzwinkern oder Bewegungen des Augapfels.

Ende der weiteren Informationen

Entgegen ärztlicher Prognosen macht der Teenager aber nach drei Monaten schon kleine Fortschritte – kann einzelne Körperteile wieder bewegen. Er schafft es, mit dem Rollstuhl eigenständig fahren zu können und holt seinen Realschulabschluss nach. Die Hoffnung, dass er irgendwann wieder laufen kann, treibt Max voran. Und trotzdem ist ihm schnell klar: "Von einem selbstständigen und selbstbestimmten Leben ist keine Spur mehr zu erkennen."

hessenschau.de: In Deinem Buch "Tsunami im Kopf" schreibst Du über einen Urlaubstag in Holland, der Dein Leben für immer verändert hat. Was ist genau passiert?

Max Sprenger macht einen Salto am Strand

Max Sprenger: Am dritten Urlaubstag bekam ich plötzlich starke Kopfschmerzen. Das war ein stechender Schmerz, der durch meinen gesamten Hinterkopf ging. Irgendwann bekam ich Panik, weil der Schmerz immer stärker wurde. Alle Medikamente versagten, und als ich auf einmal nicht mehr richtig sprechen konnte und ich meine linke Körperhälfte nicht mehr bewegen konnte, fuhren wir sofort in ein Krankenhaus. Dort stellte sich dann die schreckliche Erkenntnis heraus, dass ich eine Blutung im Stammhirn hatte - mit gigantischen Ausmaßen. Die Ärzte konnten nichts tun, um diese Blutung zu stoppen. Ich musste dann in ein künstliches Koma gelegt werden.

hessenschau.de: Als du wieder aus dem Koma aufgewacht bist, warst du im Locked-in-Zustand. Du hast alles mitbekommen, konntest dich aber nicht bewegen. Wie fühlt man sich in diesem Zustand?

Sprenger: Meine Erinnerungen an die Zeit, in der ich mich im "Locked-in" befand, sind dunkel. Ich versuche sie trotzdem so gut es geht in Worte zu fassen: In dieser Zeit habe ich mich nicht als lebendiger Teil dieser Erde gefühlt. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich habe mich einsam und alleine gefühlt. Und das, obwohl meine Eltern physisch keine Sekunde von meiner Seite wichen.

hessenschau.de: Wie muss man sich diese Einsamkeit vorstellen?

Sprenger: Ich konnte all meine Gedanken aus dieser Zeit nicht mit ihnen teilen. Dabei ist es doch Interaktion, die uns Lebewesen von bloßen Dingen unterscheidet. Zum Glück hat die Zeit des "Locked-in-Syndrom" nur ungefähr drei Monate lang gedauert. Für die Ärzte war das ein Medizinisches Wunder. Doch für mich als junger Mensch war die Situation nicht zufriedenstellend.

hessenschau.de: Nun sitzt du in einem Rollstuhl und bist halbseitig gelähmt. Wie hat sich dein Leben durch diese körperlichen Einschränkungen verändert?

Max Sprenger sitzt im Rollstuhl im Universitätsklinikum in Frankfurt

Sprenger: Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht. Ich konnte meinen Hobbys nicht länger nachgehen, konnte keine Freunde mehr treffen und überhaupt nichts mehr alleine tun. Ab sofort war mein Tag streng getaktet und ich hatte gar keine andere Möglichkeit, als das zu tun, was die Therapeuten und Pfleger mir sagten. Von einem selbstständigen und selbstbestimmten Leben war keine Spur mehr zu erkennen.

hessenschau.de: Wie sind deine Familie und Freunde mit der Situation umgegangen?

Sprenger: Nur meine Eltern waren immer gleichbleibend an meiner Seite und haben versucht, mich glücklich zu machen - soweit das überhaupt möglich war. Die anderen Menschen in meinem Umfeld waren am Anfang sehr betroffen. Sie haben mir das Gefühl gegeben, als ob sie die Situation und mein neues Ich ganz "cool" akzeptierten. Später haben dann aber immer mehr Freunde den Kontakt abgebrochen. Dann kristallisierte sich allmählich ein ganz kleiner Kreis von Leuten heraus, der die Situation und damit meine Behinderung tatsächlich akzeptierte, und sich trotz allem dazu entschied, bei mir zu bleiben.

hessenschau.de: Du hast Deine Geschichte in der Reha mit einem Finger ins Handy getippt. Was hat Dich dazu bewegt?

Sprenger: Erst waren diese Aufzeichnungen meine persönliche Psychotherapie, mit der ich die schlimmen Erlebnisse verarbeiten konnte. In erster Linie habe ich also für mich geschrieben. Und um meine Gedanken für meine Familie zu erhalten. Mit der Zeit habe ich dann immer mehr Gefallen am Schreiben gefunden. Also habe ich beschlossen, meine Gedanken für jeden, den es interessiert, offen darzulegen und sie als Buch zu veröffentlichen. Somit kann ich Menschen erreichen, sie zum Nachdenken bringen und darauf aufmerksam machen, wie wertvoll und zerbrechlich ein Leben ist.

hessenschau.de: Wie funktioniert das, mit einem Finger auf dem Handy ein ganzes Buch zu schreiben?

Mein Smartphone lässt sich bequem mit der rechten Hand bedienen. Es dauert zwar erheblich länger, Sätze nur mit einem Daumen ins Handy zu tippen. Aber diese Variante hatte für mich auch erhebliche Vorteile. Ich konnte es zum Beispiel immer überall hin mitnehmen und konnte so die Wartezeiten zwischen den Therapien nutzen, um an meinem Buch weiterzuschreiben.

hessenschau.de: Woher nimmst du die Kraft, mit deinem Schicksal umzugehen?

Max Sprenger vor seinem "Unfall" am Strand

"Hoffnung" heißt das Schlüsselwort, aus dem ich meine Kraft schöpfe. Ich bin noch jung und der festen Überzeugung, eines Tages wieder auf meinen eigenen Füßen stehen zu können und auch wieder laufen zu können. Solange ich diese Überzeugung habe, gibt es keinen Grund, mich in Verzweiflung zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Ich versuche dieser Zeit sogar etwas Positives abzugewinnen. Zum Beispiel dann, wenn mir Menschen ein Lächeln schenken und mir sagen, dass sie durch mich neu erfahren durften, was es bedeutet zu leben.

Das Gespräch führte Sophia Luft schriftlich.