Eingeimpft Filmstills
Meine Tochter impfen? Diese Frage stand am Anfang von David Sievekings Doku "Eingeimpft". Bild © Flare Films

Über kaum etwas wird so heftig diskutiert wie über das Impfen. Einen unaufgeregten Beitrag zur Debatte leistet der Kinofilm "Eingeimpft". Im Interview erzählt Regisseur David Sieveking aus Friedberg, warum es für ihn bei der Frage kein klares Ja oder Nein gibt.

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Der 1977 in Friedberg geborene Regisseur David Sieveking hat einen unaufgeregten und informativen Dokumentarfilm (Kinostart am 13. September) über Impfen gemacht. Gedreht hat der zweifache Träger des Hessischen Filmpreises (für "David wants to fly" und "Vergiss mein nicht") unter anderem im Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Im Interview erzählt er, wie er auf die Idee zu dem Film kam und was seine spannendsten Erkenntnisse waren.

hessenschau.de: Herr Sieveking, am Anfang Ihrer Recherche zu "Eingeimpft" stand ein Konflikt mit Ihrer Lebensgefährtin. Worum ging es?

David Sieveking: Meine Lebensgefährtin wollte unser erstes Kind aus Sorge vor Nebenwirkungen nicht impfen. Ich wollte impfen aus Sorge vor den Risiken durch die Krankheiten, gegen die man impfen kann und weil es für mich einfach selbstverständlich war. Beide hatten wir die besten Absichten, wir wollten, dass unser Kind bestmöglich geschützt ist. Ich habe dann - zunächst widerwillig - angefangen, mich mit Impfkritik zu beschäftigen, weil meine Lebensgefährtin sagte: Wenn du impfen willst, dann solltest du dich damit wirklich gut auskennen.

Zitat
„Die Extremisten sind die Lautesten und oft die Erfolgreichsten im Verbreiten ihrer drastischen Nachricht.“ Zitat von Regisseur Sieveking
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hessenschau.de: Haben Sie auch mit Freunden und Bekannten darüber gesprochen?

Sieveking: Ja, bei Gesprächen auf dem Spielplatz oder mit Freunden habe ich gemerkt, dass das Thema bei vielen frisch gebackenen Eltern ein heißes Eisen ist. Nach den ersten Recherchen wurde dann klar, dass es durchaus auch seriöse Kritik gibt. Mich erstaunte, wie heftig und emotional die Impfdebatte geführt wird. Aus dieser Erfahrung hat sich die Filmidee kristallisiert.

hessenschau.de: Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis?

Sieveking: In dieser hitzigen Debatte wird viel zu viel in einen Topf geschmissen. Es werden dauernd Dutzende völlig verschiedene Impfstoffe über einen Kamm geschoren. Auch sind nicht alle Krankheiten gleich gefährlich, gegen die die Impfstoffe schützen können.

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Gespräche auf dem Spielplatz zeigten: Beim Thema Impfen werden Eltern schnell emotional. Bild © Flare Films

Ich finde es falsch zu fragen: Impfen - ja oder nein? Diese Polarisierung ist unangemessen und schafft nur Feindseligkeiten. Ich habe eine differenzierte Haltung entwickelt: Nicht einfach ungefragt alles impfen, was auf dem Impfkalender steht - aber ich bin auch überhaupt nicht gegen Impfungen. Ich halte bestimmte Impfungen sogar für sehr, sehr wichtig und vorteilhaft.

hessenschau.de: Woher kommt es, dass die Impfdebatte so hitzig geführt wird?

Sieveking: Ich habe für den Film Wissenschaftler interviewt, die darüber klagen, dass die Impfforschung so stark politisiert ist. Sobald man datenbasierte Forschungsergebnisse vorstelle, die ansatzweise impfkritisch sind, werde man gleich in die Ecke der Impfgegner gestellt und verteufelt.

hessenschau.de: Warum?

Sieveking : Die Forscher sagen, dahinter stecke die Angst der Gesundheitsbehörden: Wenn das Impfen in schlechtes Licht gerückt werde, steige die Impfmüdigkeit der Bevölkerung. Die Befürchtung ist: Wenn sich weniger Leute impfen, dann werden im Falle einer Epidemie Menschen unnötig krank. Um also bloß nicht am Image des Impfens zu kratzen, werden Probleme unter den Teppich gekehrt und Impfkomplikationen eher kaschiert. Das ist meiner Meinung nach aber kontraproduktiv, weil es das Misstrauen eher fördert und die Menschen letztendlich zwingt, dubiosen Ratgebern zu folgen und auf zweifelhafte Quellen zurückzugreifen.

Weitere Informationen

Die Empfehlungen der Stiko

Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) inklusive ausführliche Begründungen und FAQs zum Thema Impfen finden sich beim Robert Koch Institut.

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hessenschau.de: Zum Beispiel verbreitet über das Internet.

Sieveking: Ja, wenn die Leute die Erfahrung machen, von ihrem Arzt oder den Behörden nicht über die zwar sehr seltenen, aber vorhandenen Risiken aufgeklärt zu werden, dann gucken sie im Internet oder lesen ein impfkritisches Buch, das unter Umständen sehr eindimensional ist. Im Internet kommt man dann schnell in eine Filterblase mit einer krassen Negativauslese, denn die Extremisten sind natürlich die Lautesten und oft auch die Erfolgreichsten im Verbreiten ihrer drastischen Nachricht.

Zitat
„Um bloß nicht am Image des Impfens zu kratzen, werden Impfkomplikationen eher kaschiert.“ Zitat von Regisseur Sieveking
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hessenschau.de: Sie zeigen in "Eingeimpft", dass das Hinterfragen von Impfungen aber kein Luxusproblem der Industrieländer ist.

Sieveking: Eine Zeit lang hat mir das Argument Luxusproblem sehr eingeleuchtet. Im Sinne von: Dass wir hier überhaupt die Möglichkeit haben, uns übers Impfen Gedanken zu machen, kommt doch daher, dass wir Infektionskrankheiten nicht mehr als Bedrohung zu sehen brauchen mit unserem hoch entwickelten Gesundheitssystem. Langzeitstudien skandinavischer Wissenschaftler vor allem in Westafrika haben aber gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Global gesehen und besonders in Entwicklungsländern ist Impfkritik und Zweifel an unseren Impfprogrammen überhaupt kein Luxusproblem, sondern existenziell wichtig.

Genauso wie einige Impfstoffe im hohen Maße lebensrettend und lebensverlängernd wirken, gibt es offenbar auch Impfstoffe, die das Gegenteil bewirken und die allgemeine Sterblichkeit der Geimpften erhöhen.

hessenschau.de: Sie sprechen von so genannten Totimpfstoffen (siehe Infobox am Ende). Sie stehen im Verdacht, die Krankheitsanfälligkeit zu erhöhen. Lebendimpfstoffe sollen dagegen einen positiven Effekt haben.

Sieveking: Daten des schwedischen Mediziners Peter Aaby und seiner Mitarbeiter zufolge ist es so, dass sich Lebendimpfstoffe positiv auf die Gesundheit auswirken, also die allgemeine Krankheitsanfälligkeit senken, aber Totimpfstoffe die gegenteilige Wirkung haben, indem sie Geimpfte empfänglicher für Infektionskrankheiten machen.

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Sieveking im Gespräch mit dem schwedischen Wissenschaftler Peter Aaby. Bild © Flare Films

Man ist zwar nach einer Totimpfung in der Regel gegen die Krankheit geschützt, gegen die geimpft wurde, aber fängt sich leichter irgendeinen anderen Infekt ein als ohne diese Impfung. In einem hochentwickelten Land wie bei uns ist diese negative Auswirkung weniger gravierend, da man Infektionskrankheiten oft gut behandeln kann. Aber in Entwicklungsländern kann eine Durchfallerkrankung schnell tödlich enden.

Weitere Informationen

Das Buch zum Film

"Eingeimpft. Familie mit Nebenwirkungen"
von David Sieveking
Herder Verlag 2018

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Umgekehrt hat sich beispielsweise durch die Einführung der Masernimpfung, also einem Lebendimpfstoff, in Entwicklungsländern gezeigt, dass die Kindersterblichkeit bis um die Hälfte gesenkt werden konnte. Ein Effekt, der sich nicht allein durch die Verhinderung von Masernerkrankungen erklären lässt und auch in Zeiten auftrat, in denen es zu gar keinen Masernausbrüchen kam.

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„Die Verbraucher müssten mehr Druck machen, damit sich in der Debatte wirklich etwas bewegt.“ Zitat von Regisseur Sieveking
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hessenschau.de: Von diesen unterschiedlichen Effekten hört man in der Impfdebatte hierzulande wenig bis gar nichts.

Sieveking: Ja, dabei hat Aaby die Weltgesundheitsorganisation WHO schon vor 20 Jahren das erste Mal auf seine Forschungsergebnisse hingewiesen. Und es gibt konkrete Vorschläge unabhängiger Wissenschaftler, wie die Erkenntnisse zu den unspezifischen Effekten von Impfungen ohne allzu großen Aufwand in der Praxis umgesetzt werden könnten, was zu einer deutlichen Verringerung der Kindersterblichkeit und überhaupt der Krankheitsanfälligkeit führen würde. Das kann man alles in renommierten Fachzeitschriften nachlesen.

hessenschau.de: Womit wir wieder bei den Gesundheitsbehörden sind.

Sieveking: Die Behörden müssten erst einmal offen dafür sein, auch negative Aspekte von bestimmten Impfstoffen einzuräumen und ihre Empfehlungen zu korrigieren. Bei der WHO und auch bei den Pharma-Herstellern gibt es mittlerweile Teams, die sich damit beschäftigen, aber bislang ist noch nichts umgesetzt.

Impfen wird wie eine heilige Kuh behandelt, die auf keinen Fall in schlechtes Licht gerückt werden darf, sonst könnten die Menschen komplett vom Glauben abfallen. Dabei glaube ich, dass die meisten bereit sind, auch ein differenziertes Bild beim Impfen zu akzeptieren: Es gibt eben gute und schlechte Seiten, und man muss die richtige Balance finden. Die Verbraucher müssten hier mehr Druck machen, damit sich wirklich etwas bewegt.

hessenschau.de: Kritiker werfen Ihnen vor, "Eingeimpft" orientiere sich eher an Gefühlen und könne die Impfmüdigkeit verstärken.

Sieveking: Ich empfinde diese Kritik als haltlos. Meine Recherchen basieren nicht auf Gefühlen, sondern auf wissenschaftlicher Forschung. Ich habe nur mit seriösen Experten gesprochen. Meine Kritiker versuchen, mich pauschal in eine Ecke mit Impfgegnern zu stellen, zu denen ich absolut nicht gehöre: Das Gegenteil ist der Fall, der Film steckt voll von Begeisterung fürs Impfen, speziell für Lebendimpfungen. Mein Film ist kein Film generell über das Impfen, sondern über eine Impfentscheidung, und gerade eine Reaktion auf das Bauchgefühl meiner Lebensgefährtin. Keiner wird aus meinem Film gehen und aufgrund des Films dem Impfen abschwören.

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„Zuschauer werden nach dem Film mehr Verständnis für die jeweils andere Seite haben.“ Zitat von Regisseur Sieveking
Zitat Ende

Anstatt zu versuchen, mich als "Verschwörungstheoretiker" mundtot zu machen, sollten die Kritiker lieber die wirklich spannenden wissenschaftlichen Themen aus dem Film aufnehmen - wie die Forschung von Peter Aaby. Sie sollten den Film als das nehmen, was er ist: Ein autobiografischer Bericht einer individuellen Impfentscheidung eines Elternpaars, das versucht, zu einer vernünftigen und für beide Seiten akzeptablen Lösung zu kommen.

hessenschau.de: "Eingeimpft" lief schon auf verschiedenen Festivals. Wie waren dort die Reaktionen?

Sieveking: Ich habe bislang nur sehr positive Reaktionen erlebt. Viele Zuschauer freuen sich, dass der Film so unaufgeregt ist. Wir haben trotz guter Unterhaltung aber auch eine ganze Menge Information und Wissenschaft reingepackt. Im Publikum sitzen oft sowohl Impfbefürworter wie Gegner, und beide erfahren Interessantes. Mehrmals habe ich gehört, dass Zuschauer nach dem Film mehr Verständnis für Impfkritiker haben, aber auch umgekehrt gibt es Leute, die ihre grundlegende Ablehnung des Impfens nach dem Film in Frage stellen.

Erstaunt war ich darüber, wie viele Leute ihrem Arzt nicht trauen und mich als Laien fragen, wie sie ihr Kind impfen sollen. Da gibt es einen Vertrauensverlust, an dem die Ärzte und Behörden arbeiten müssen. Vielleicht kann mein Film da ein bisschen das Eis brechen, Türen öffnen und idealerweise Brücken bauen.

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Was sind Lebend-, was sind Totimpfstoffe?

Ärzte unterscheiden zwischen Lebend- und Totimpfstoffen. Zu den Lebendimpfstoffen, in denen abgeschwächte Erreger benutzt werden, gehört beispielsweise die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln. Totimpfstoffe werden unter anderem gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Grippe verwendet. Im Gegensatz zu Lebendimpfstoffen sind die Erreger abgetötet und können sich nicht vermehren oder es werden nur Bestandteile eines Erregers verwendet.

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Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

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12 Kommentare

  • Das einzig Tröstliche ist, dass die Kinder von Impfgegnern erkranken, die anderen aber nicht. Einer der wenigen Fälle, wo der Individualegoismus bestraft wird (Masern in Usingen!). Die Kinder tun mir leid, den Eltern wünsche ich, dass sie wenigstens hinterher ihre Götzen verdammen, denen sie bis dahin gefolgt sind (viel Hoffnung habe ich aber nicht).

  • Im Vergleich zu meinen Kindern mit allen Impfungen und einem ungeimpften ist der gesunde Zustand des völlig ungeimpften der beste. Jeder sollte tun was er für richtig hält. Für mich nie wieder eine Impfung und auch für keines meiner Kinder. Ps. Masern hatte mein Kind mit vollständigen Impfschutz sehr viel stärker als das ungeimpfte. Also auch eine Impfung ist keine Garantie für einen Schutz/ und schon gar nicht wie gerne erwähnt "abgeschwächt" !!! Muß jedes Elternteil für sich abwägen und das volle Risiko tragen. Bei uns wird auch kein Tier geimpft und die sind bereits viele Jahre bei uns und kennen auch keinen Tierarzt. Unser Nesthäkchen kennt den Kinderarzt nur zu U- Besuchen die ja Pflicht sind.

  • Das Ende des Artikels bringt es auf den Punkt, in dem Film äußern anscheinend Laien ihre Sicht der Dinge und die Laien im Publikums fühlen sich bestätigt. Ich empfehle zur Diskussion die Berichte z.B. bei Gwup. Auch in anderen Zeitungen FAS oder Süddeutsche gab es deutlich bessere / differenziertere Berichte über den Film.

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