Michaela und Ryan - Arm in Arm vor Sonnenuntergang

Eine Fernbeziehung von Darmstadt nach Kanada ist nicht einfach, aber machbar. Doch Corona macht die Sache richtig kompliziert. Wie funktioniert eine Liebe auf Distanz, wenn plötzlich die Grenzen geschlossen sind?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Corona durchkreuzt Pläne binationaler Paare

Michaela und Ryan vor dem Brandenburger Tor
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Eigentlich sollte Michaela jetzt in Kanada sein, bei ihrem Freund Ryan in Vancouver. Und zwar nicht nur zu Besuch, sondern langfristig - im Mai stand der Umzug an. Jetzt ist die 25-jährige Michaela immer noch in Darmstadt und sieht ihren Freund wieder mal nur per Skype. Schuld daran: Corona. Kanada hat seine Grenzen geschlossen.

"Als ich am 18. März die Nachricht bekam, dass Kanada die Grenzen zu macht, war das ein ziemlicher Schock. Man sitzt erstmal da und denkt: Okay, mein ganzer Plan für dieses Jahr hat sich in Luft aufgelöst", erzählt Michaela. Sie hatte Anfang des Jahres gerade ihr Studium abgeschlossen und ihre Bewerbungen für einen Job in Kanada vorbereitet. Doch mit der weltweiten Pandemie kamen die Grenzschließungen - und brachten massive Probleme für binationale Paare in der ganzen Welt.

Fernbeziehung nur per Skype

Heutzutage sind binationale Paare keine Seltenheit mehr. Dank der Globalisierung verlieben sich Menschen eben auch über Grenzen hinweg. Und mit Hilfe der Digitalisierung lässt sich der Kontakt auch auf die Distanz gut halten. Michaela und Ryan skypen jeden Tag und besuchen sich regelmäßig. Kennengelernt haben die beiden sich in Kanada, wo Michaela nach dem Abi in einem Café gearbeitet hat. Nach fünf Jahren Fernbeziehung sollte jetzt der nächste Schritt kommen - stattdessen heißt es nun Warten. Seit fünf Monaten haben sie sich nicht mehr getroffen.

Hiltrud Stöcker-Zafari, Bundesgeschäftsführerin des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften

So geht es momentan tausenden Paaren, sagt Hiltrud Stöcker-Zafari. Sie ist die Geschäftsführerin des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften und beobachtet eine klare Tendenz: "In unseren Beratungen geht es gerade zu 70 Prozent um Probleme durch Corona." Vor allem Paare, die offene Grenzen und visafreies Reisen gewohnt sind, fühlten sich überrumpelt von dem Ausnahmezustand. Aber auch Paare und Familien, die schon immer auf Visa angewiesen sind, stünden vor Problemen: Die Botschaften und Behörden arbeiteten nur teilweise, es würden kaum Dokumente ausgestellt.

Partner in unsicheren Zeiten besonders wichtig

In der EU hat sich die Situation mittlerweile zwar wieder etwas entspannt und einige Grenzen wurden geöffnet, doch auch in Deutschland bestehen immer noch Einreisebeschränkungen für viele Länder außerhalb der EU, sogenannte Drittstaaten.

Für dadurch getrennte Familien und Paare ist diese Situation schlimm, erzählt Hiltrud Stöcker-Zafari: "Gerade in dieser unsicheren Zeit ist die Unterstützung eines Partners oder einer Partnerin wichtig für die psychische Gesundheit. Und das betrifft auch ganz besondere Stunden: Wenn zum Beispiel das gemeinsame Kind geboren wird und der Partner nicht dabei sein kann."

#LoveIsNotTourism - Protest der Unverheirateten

Bei all den Klagen gibt es aber auch Fortschritte: Seit dem 1. Juli dürfen ausländische Ehepartnerinnen und -partner von Deutschen nach Deutschland einreisen. Das reicht vielen aber nicht: Vor allem unverheiratete Paare fühlen sich dadurch benachteiligt. Sie gelten für die Behörden als einfache Touristen, denen die Einreise verwehrt bleibt.

Unter dem Hashtag #LoveIsNotTourism, also "Liebe ist kein Tourismus", protestieren sie online dagegen. In großen Facebookgruppen und auf Twitter teilen getrennte Paare ihre Schicksale. Außerdem gibt es mehrere Petitionen, die sich für die Öffnung der Grenzen einsetzen, damit Paare sich wiedersehen können.

Als Vorbilder gelten ihnen zum Beispiel Dänemark oder Österreich, wo Paare einreisen dürfen, wenn sie die Beziehung dokumentieren und einen negativen Coronatest vorweisen können.

Michaela hat wenig Hoffnung für 2020

Michaela kann verstehen, dass während einer weltweiten Pandemie nicht einfach alle Grenzen aufgemacht werden können. Sie wartet zwar gespannt darauf, was in Kanada passiert, doch optimistisch ist sie nicht: "Ich habe mir selbst gesagt, dass es dieses Jahr wohl nichts mehr wird. Wenn doch, ist die Freude natürlich umso größer." Das tägliche Skypen, dass man sich so lange nicht sieht - das seien sie und Ryan ja gewöhnt: "Wir halten das jetzt auch noch aus, wenn wir das schon fünf Jahre lang geschafft haben!"