Das Deutsche Rote Kreuz und die Feuerwehr üben am Rande von Nidda-Fauerbach den Einsatz bei einem Autounfall

Mit einem Mobilfunkpakt hat Schwarz-Grün 2018 hunderte neue Funkmasten angekündigt. Die meisten lassen auf sich warten. In Nidda in der Wetterau stecken selbst Rettungsdienste oft im Funkloch.

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zum hr-fernsehen.de Video Funklöcher in Hessen – Warum die Digitalisierung nicht vorankommt

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Ein Auto liegt in einem Graben in Nidda-Fauerbach (Wetterau), nahe der Landstraße 3185. Die Windschutzscheibe ist zerborsten, ein Kotflügel gebrochen, die hintere Achse ist verbogen. Der Fahrer ist mit seinem Wagen aus der Kurve geflogen, er sitzt ohnmächtig und mit blutendem Gesicht hinterm Steuer. Da fährt ein Mann mit seiner Enkelin vorbei. Sie halten ihr Auto an, wollen Hilfe rufen - doch das Telefon funktioniert nicht. Funkloch! Sie fahren rasch zum nächsten Ort, um einen Notruf abzusetzen, doch das kostet Zeit.

Ein Übungsszenario der Feuerwehr Nidda - aber eines ganz nah an der Wirklichkeit. In einem großen Bereich bei Fauerbach herrscht buchstäblich Funkstille. Ausgerechnet. "Das hier ist ein Unfallschwerpunkt", sagt DRK-Rettungssanitäter André Hübsch, der an der Übung teilnimmt. Er berichtet: "Am 12. Dezember vergangenen Jahres hatten wir in diesem Bereich wegen Blitzeis drei Unfälle gleichzeitig, davon einer tödlich. Wir hatten erhebliche Probleme mit der Kommunikation."

Kein Handynetz, kein Empfang für Digitalfunkgeräte

Auf einem kilometerlangen Stück der Landstraße 3185 gibt es nicht nur kein Handynetz, sondern auch keinen Empfang für die Digitalfunkgeräte der Einsatzkräfte, die das sogenannte BOS-Netz benutzen. Zwar habe sich die Situation im Land seit der Digitalisierung des Mobilfunks "wesentlich verbessert", sagt Thomas Hanschke, Bereichsleiter Katastrophenschutz und Suchdienst beim DRK-Landesverband. Er wolle sich nicht beschweren, was fehlende Netzabdeckung angeht, sagt Hanschke, räumt aber auch ein: "Eine hundertprozentige Abdeckung gibt's in Hessen wegen der Topographie nicht."

Hessenkarte mit Funklöchern, nach Angaben der Nutzer der Funkloch-App

Einer dieser nicht abgedeckten Bereiche liegt in Nidda-Fauerbach. André Hübsch und seine Kollegen vom DRK-Kreisverband Büdingen müssen damit tagtäglich umgehen.

Hübsch schildert, wie sie vorgehen, wenn sie ihren Leitstellen Informationen durchgeben wollen, um das richtige Krankenhaus anzusteuern: "Wir müssen Ersthelfer am Einsatzort bitten, mit dem Auto so weit zu fahren, bis sie ein Handynetz haben. Stille-Post-Prinzip! So kann es natürlich zu Komplikationen kommen." Fühlt er sich wohl in solchen Situationen? "Nein, es ist natürlich nicht professionell", sagt Hübsch: "Wir haben einen erhöhten organisatorischen Aufwand. Das kann sehr nachteilig für den Patienten sein."

Helfer vor Ort müssen Meldeketten organisieren

Laut Benjamin Balser, dem Stadtbrandinspektor von Nidda, besteht das Problem seit Jahren. "Einen der drei Unfälle im Dezember haben wir nur entdeckt, weil unsere Kräfte von einem anderen Unfall zufällig daran vorbeigefahren sind", berichtet er: "Das Funkloch beschert uns inakzeptable Verzögerungen."

Direkt vor Ort hätten keine Rettungskräfte angefordert werden können. Die Helfer vor Ort hätten erst Meldeketten organisieren müssen, weswegen wertvolle Minuten verloren gegangen seien, sagt der Feuerwehrchef: "Mit Menschen, die dann woanders fehlten."

Auch der Bürgermeister ist sauer

Feuerwehr und Rettungskräfte haben eigene Masten für ihr BOS-Netz. Normalerweise. Dieses Funknetz, wofür das Land zuständig ist, reiche nicht bis Nidda-Fauerbach, mindestens ein Funkmast mehr sei nötig, betont Balser. Die Feuerwehrleute von Fauerbach und den Niddaer Stadtteilen Schwickartshausen und Ober-Lais fordern seit längerem eine Nachrüstung - bislang vergeblich. Thomas Hanschke vom DRK-Landesverband gibt sich indes zuversichtlich: "Das Land Hessen ist dabei nachzurüsten, wo Bedarf besteht."

Aber es geht eben nicht nur um den Digitalfunk der Einsatzkräfte. Die Bürger von Nidda und Umgebung - und damit potenzielle Ersthelfer bei Unfällen - quälen sich seit Jahren mit Funklöchern. Die Stadtverwaltung beklagt, sie bemühe sich schon seit 2009 bei Mobilfunkanbietern und Behörden um einen zusätzlichen Mobilfunkmast in dem betroffenen Bereich. Doch außer Ankündigungen sei bislang nichts passiert, kritisiert Bürgermeister Hans-Peter Seum (parteilos).

An dieser Stelle gab es 45 Unfälle binnen weniger Jahre

"Es kann so nicht weitergehen", sagt Stadtbrandinspektor Balser. Land und Behörden müssten dem dringenden Handlungsbedarf in Nidda und Umgebung endlich nachkommen. "Dieser Einsatzbereich mit den Kreis- und Landesstraßen ist ein Einsatzschwerpunkt. In den zurückliegenden Jahren gab es hier 45 Unfälle." Darunter etliche schwere Unfälle, bei denen jede Minute zähle, die der Rettungsdienst eher kommt, sagt Balser.

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Ausbau des Mobilfunknetzes

Nach Auskunft des Digitalministeriums bräuchte es rund 800 neue Funkmasten, um die Mobilfunklücken im Land zu schließen. Welche Regionen kommen früher dran? Welche Masten will das Land selbst finanzieren, wenn Mobilfunkanbieter die Standorte für wenig lukrativ halten?
Das hr-Magazin defacto bat beim Ministerium um detaillierte Informationen. Zurückkamen allgemeine Beteuerungen für einen zügigen Netzausbau und Verweise auf ältere Mitteilungen. Dort steht etwa: Seit einem Jahr seien 81 neue Masten errichtet und 1.306 Standorte von Masten modernisiert worden.
Ein Ministeriumssprecher räumt allerdings ein: "Eine lückenlose hundertprozentige LTE-Versorgung der Fläche ist aufgrund der hessischen Geländestruktur nicht möglich." Berge und Wälder könnten den Empfang verhindern.
Da die Mobilfunkunternehmen nicht alle Lücken schließen könnten, werde derzeit ein Förderprogramm des Landes gegen Funklöcher "finalisiert", berichtet der Sprecher. Dazu seien aber noch Abstimmungen mit der Europäischen Kommission notwendig.

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Sendung: hr-fernsehen, defacto, 03.02.2020, 20.15 Uhr