Robot-Avatar im Klassenzimmer neben anderem Schüler

Distanzunterricht 2.0: Für den 17-jährigen Eric Schrödel wäre es im Klassenzimmer zu gefährlich. Im Unterricht macht er dank seines Robot-Avatars trotzdem mit.

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Der Roboter
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AV1 ist 27 Zentimeter groß und ganz weiß, LED-Leuchten bilden sein Gesicht. Er steht im Klassenzimmer an dem Platz, auf dem normalerweise Eric Schrödel sitzt. AV1 ist ein kleiner Roboter und Erics Avatar in der Johann-Philipp-Reis-Schule in Friedberg.

Der Elftklässler kann nicht persönlich zum Unterricht kommen. Seit einem Sportunfall leidet der 17-Jährige an einer chronischen Niereninsuffizienz, sein Körper bildet kein Cortison mehr. Er ist deshalb nicht in der Lage, Stress zu kompensieren. Damit er in der Schule keiner Gefahr ausgesetzt ist, steht für ihn der Avatar im Klassenzimmer - "der kleine Eric", wie ihn seine Mitschülerinnen und Mitschüler nennen. Es ist ein Pilotprojekt in Hessen.

Zu-Wort-Melden per Blinklicht

Eric Schrödel selbst sitzt während des Unterrichts zu Hause in Limeshain (Wetterau) und bedient AV1 mit einer App auf seinem Tablet. Im Avatar ist eine LTE-Karte verbaut, so funktioniert die Verbindung auch, wenn das Schul-WLAN mal ausfällt.

Eric Schrödel vor Computern zu Hause, von wo aus er den Avatar steuert

Über einen Lautsprecher am Avatar kann Eric seine Lehrerinnen und Lehrer ansprechen und in Gruppenarbeiten mit seinen Mitschülern kommunizieren. Doch auch für ihn gilt: Er muss sich melden. Da AV1 keinen Arm hat, leuchten stattdessen an seinem Rumpf LEDs auf. Das funktioniere nicht immer, sagt Eric Schrödel, manchmal übersähen Lehrer das Blinklicht: "Dann rede ich einfach drauf los."

Der Avatar kann neutral, verwirrt, traurig oder glücklich gucken

Den Kopf des Avatars kann der Schüler von zu Hause aus drehen und auf und ab bewegen, so dass er zur Tafel und zu seinen Klassenkameraden schauen kann. Außerdem kann Eric Schrödel den Gesichtsausdruck des Avatars steuern. "Der kleine Eric" kann neutral, verwirrt, traurig oder glücklich gucken.

Bei Gruppenarbeiten stellt jemand im Klassenzimmer den Avatar an den richtigen Platz. Außerdem gibt es einen sogenannten AV1-Buddy: Er holt den Avatar morgens im Medienraum ab, bringt ihn ins Klassenzimmer und kümmert sich darum, dass er immer mit in den richtigen Kurs kommt. Nach Unterrichtsende schließt er ihn an die Ladestation. 

Eric Schrödel spricht mithilfe eines Avatars mit einem Mitschüler

Eric Schrödels Mitschüler haben sich an den Roboter im Raum gewöhnt und sprechen mit AV1, wie sie mit ihm sprechen würden. Tobias Bauschke, Abteilungsleiter des beruflichen Gymnasiums der Johann-Philipp-Reis-Schule, erinnert sich an den Beginn des Pilotprojekts: "Da ging es die ersten zehn Minuten vom Unterricht immer um den Avatar." Es habe immer viele Fragen dazu gegeben, etwa warum er mal blau, mal rot blinke. "Aber mittlerweile gehört er einfach dazu", sagt Bauschke. 

Es geht ums Dazugehören

Und ums Dazugehören geht es letztlich beim Einsatz des Avatars. "Chronisch kranke Kinder sollen in ihrem sozialen Umfeld integriert bleiben. Einsamkeit macht krank, und soziale Integration ist ein wesentlicher Baustein des Gesundwerdens", sagt Susann Schrödel. Sie ist Erics Mutter und Projektleiterin beim Verein Achse - Allianz chronisch seltener Erkrankungen. Sie leitet das Projekt "Dank Avatar wieder schulstark".

Dauerhaft kranke Menschen lebten oft isoliert, sagt Susann Schrödel. Bei Kindern und Jugendlichen komme der Druck hinzu, den Anschluss in der Schule und im Freundeskreis nicht zu verlieren. AV1, entwickelt von der norwegischen Firma No Isolation, helfe Eric dabei, einen Teil seines Soziallebens zurückzubekommen. Erst nachrangig gehe es darum, dass der 17-Jährige wenig Schulstoff verpasse.

Weitere Schüler für Projekt ausgesucht

Der Avatar erlaube ihrem Sohn, sich am Unterricht zu beteiligen - anders als wenn er nur per Videoübertragung zuschauen würde, sagt Susann Schrödel. Die Verbindung laufe verschlüsselt, sei daher sicherer - auch für die Mitschüler und Lehrer: Die Software erlaube keine Aufzeichnungen.

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hessenschau vom 04.12.2020
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Der Verein Achse arbeitet daran, dass noch mehr Schüler einen Avatar bekommen. Susann Schrödel hat schon drei Kinder und Jugendliche in Hessen ausgesucht. Derzeit wartet sie auf die Zustimmung der betroffenen Schulen, dass auch sie mittels Robot-Avatar besser am Unterricht teilnehmen können. 

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 04.12.2020, 16.45 Uhr