Gebäude der Vitos-Klinik in Weilmünster mit Hinweisschild auf die Psychiatrie

Der Vitos-Konzern will sein großes Klinikgelände in Weilmünster räumen. Was bislang an Ideen für eine neue Nutzung bekannt wurde, hat Kritiker aufgeschreckt. Denn 6.000 Patienten der früheren Heilanstalt wurden von Nazis ermordet.

Hanglage am Waldrand, bebaut und bebaubar in einer Parklandschaft mit uraltem Baumbestand, Flussnähe inbegriffen: Zehn Hektar bietet das Gelände, das im Taunus-Marktflecken Weilmünster (Limburg-Weilburg) in absehbarer Zeit frei werden und zu vermarkten sein dürfte. Projektentwickler, Architekten, eine kommunalpolitische Arbeitsgruppe und eine Geschäftsführung - sie alle entwerfen längst gemeinsam Ideen.

Was man an gängigen Vorstellungen erwarten kann, hat eine "Steuerungsgruppe zur Zukunftsentwicklung" schon gesammelt: Modernes Wohnen samt Mini-Appartements Marke Tiny Houses wäre doch schön auf dem freiwerdenden Psychiatrie-Gelände. Eine Sport- und Rehaklinik vielleicht, Co-Working-Spaces, Hotel und Event-Location nicht zu vergessen. Wenn bei so viel Zukunft nur nicht eine Vergangenheit wäre, die nicht so leicht in ein Maklerprospekt zu stecken ist.

Morde und Investitionen

Mit Ärzten und Pflegern als willigen Helfern töteten die Nazis zwischen 1939 und 1945 systematisch mehr als 6.000 Patienten der einstigen "Provinzial-Irrenanstalt" an der Weilstraße. Die Hälfte von ihnen starb abtransportiert in der nahegelegenen größeren Tötungsanstalt Hadamar, weil ihr Leben im Wahnsystem der Rassehygieniker nichts wert war. Die anderen Opfer brachte das Personal in Weilmünster aus dem gleichen Motiv einfach selbst um: Gift, Hunger, verweigerte Pflege.

Noch betreibt der Vitos Konzern über seine Vitos Weil-Lahn GmbH auf dem Areal in der 8.700-Einwohner-Gemeinde im Weiltal drei Kliniken: Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie. Aber die werden mitsamt der rund 500 Beschäftigten und derzeit 180 Patientenbetten wohl umziehen nach Weilburg in die Nähe des dortigen Krankenhauses. Nicht nur die Gebäude bleiben.

Bestürzende Pläne?

"Ich frage mich, ob mögliche Investoren wissen, dass es um den Boden einer Mordanstalt geht", sagt Martina Hartmann-Menz. Die Historikerin befasst sich als Mitgründerin des Vereins Gedenkort Kalmenhof vor allem mit der Aufarbeitung der Nazi-Krankenmorde von Idstein (Rheingau-Taunus). Nun zählt sie zu denen, die Eigentümer und politisch Verantwortliche öffentlich daran erinnert haben, was für einen Ort sie da gerade in Weilmünster beplanen.

Mehrere engagierte Menschen und Gruppen zeigten sich in einem Aufruf "bestürzt von solchen Plänen", wie Konzern und Gemeinde sie bislang öffentlich bekundet haben. Vom Bund der Euthanasiegeschädigten und Zwangssterilisierten über die "Stolperstein"-Initiative bis zum Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" unterschrieben sie den Aufruf.

Das Besondere am Hauptadressaten: Die Vitos-Holding ist kein privates Unternehmen, sondern Tochter des Landeswohlfahrtsverbandes, der wiederum als Kommunalverband von den Landkreisen und kreisfreien Städten Hessens getragen wird. Als größter Betreiber ambulanter und stationärer Einrichtungen für psychisch Kranke im Bundesland kommt er an vielen seiner Standorte an der NS-Vergangenheit nicht vorbei.

Stand der Dinge

1897 nahm die Weilmünsterer Anstalt ihre Arbeit auf. Die meisten Gebäude stammen aus dieser Zeit. Der aktuelle Betrieb soll moderner und rentabler werden, frei von Sanierungslasten. Und bei einer Standortverlegung winken obendrein Prämien aus dem Krankenhausstrukturfonds.

Die Absicht zum Umzug trifft die Gemeinde hart. Mindestens 150 neue Arbeitsplätze auf dem Gelände erhofft sie sich. In einem Gründerzentrum und einem Handwerkerhof oder dadurch, "das Freizeitpotential auszubauen und einen Teil touristisch zu erschließen". So referierte eine ausführliche Vitos-Pressemitteilung Ende des vergangenen Jahres, was in einer Steuerungsgruppe unter Leitung von Vitos-Konzernchef Reinhard Belling und Bürgermeister Mario Koschel Stand der Dinge sei.

Kein einziges Wort

Im Jargon der Projektentwickler ist von Ideenfindung die Rede, von Bewertungsmatrix und europaweiter Ausschreibung und davon, dass die "Belange des Marktfleckens" eine zentrale Rolle spielen müssten. Aber kein einziges Wort über die 6.000 Ermordeten, die Zwangssterilisierten und das Gedenken an sie. Auch nicht bei vorherigen Auftritten oder Stellungnahmen.

Deshalb erinnerten die Initiativen an das "schwere historische Erbe als Tatort von NS-Massenverbrechen". Und daran, dass ein solcher Ort "nicht als Freizeitarena oder Event-Location missbraucht werden darf".

Kein Vergnügungspark geplant

An so etwas war laut Bürgermeister Koschel allerdings auch nie gedacht. "Dass wir da keinen Vergnügungspark bauen können, wissen wir auch", sagt der parteilose Kommunalpolitiker, ein gelernter Industriekaufmann.

Es sei auch nichts vorgesehen, was Lärm mache. Romantik-Hochzeiten und Schönheits-Operationen schon eher - für Menschen, die das mit einem Urlaub im Weiltal verbinden könnten. Da alles erst "ganz ganz am Anfang" steht, wie Koschel sagt, wird vielleicht auch darüber noch einmal nachgedacht.

In der NS-Zeit waren auf dem Gelände am Waldrand in einem kleinen, wie eine Kapelle anmutenden Gebäude andere Eingriffe üblich: Gezielt wegen ihrer Krankheiten ausgewählten und ermordeten Patienten wurden die Gehirne entfernt, um sie für rassehygienische Forschungen nach Heidelberg zu schicken. Und in der Kirche, die Unwissenden idyllisch vorkommen mag, stapelte man Tote.

Bislang gehe es ja lediglich um Denkanstöße, sagt der Bürgermeister. "Wir haben das alles im Blick."

Kleine Gedenkstätte am Eingang der Vitos-Klinik in Weilmünster

"Würdiger Umgang" versprochen

Ignoriert, vergessen, verdrängt? Im Gegenteil, wehrt sich auch Klinikbetreiber Vitos. Das Gedenken sei ihm eine "Herzensangelegenheit", heißt es. Man werde selbstverständlich dafür Sorge tragen, dass es weiterhin "einen würdigen Umgang mit der Erinnerung gibt". So selbstverständlich ist das nicht, wie Überlebende und Angehörige überall erfahren haben, wo als "Euthanasie" getarnte Morde begangen wurden

Seit Anfang der 90er-Jahre erinnern Stelen und ein beschrifteter Gedenkstein am Klinikeingang an das Verbrechen, eine Ausstellung zu den Euthanasie-Verbrechen gibt es seit 1997 auch - Besuch nach Voranmeldung. Aber es gibt auch eine Tradition, die sich nach Ansicht der Kritiker im geschichtsvergessenen Auftakt der aktuellen Planungen fortsetze. "Das wurde im Grunde nie richtig aufgearbeitet", sagt Historikerin Hartmann-Menz.

Akten vernichtet

Mörder kamen davon, weil es einen "Weilmünster-Prozess" nie gab. Wie andere NS-Tatorte tat sich auch die Gemeinde lange schwer mit der bitteren Wahrheit, dass Täter und Helfer nicht nur Zugereiste waren. Im Ort selbst weist die Gemeinde nicht prominent auf die 6.000 Getöteten hin. Patientenakten wurden vermutlich bewusst vernichtet, der Soldatenfriedhof lange besser gepflegt als der mit den Gräbern der Ermordeten.

Neben der Frage nach der Vermarktung liegen den Planern mit der Kritik an ihrem bisherigen Vorgehen nun auch andere vor: Was geht überhaupt an einem solchen Ort? Was geschieht mit denjenigen der Gebäude, die für die Verbrechen eine zentrale Rolle spielten? Was wird aus einer bestehenden Ausstellung zur NS-Euthanasie - Besuch nach Anmeldung? Und vor allem: Wie wird in Zukunft nicht nur erinnert, sondern weiter aufgearbeitet?

Noch viel aufzuarbeiten

Denn bislang konzentriert sich die größte Aufmerksamkeit beim Erforschen und Erinnern auf die Tötungsanstalt in Hadamar, wo rund 14.500 Menschen starben. Die Gedenkstätte dort leistet viel beachtete Arbeit.

Aber gerade über die sogenannten Zwischenanstalten wie Weilmünster als feste Bestandteile der Vernichtungsmaschinerie ist noch einiges herauszufinden. Und sei es über das kaum bekannte Anstalts-Ghetto für jüdische Patienten. Die 91 Insassen wurden am selben Tag direkt nach ihrem Transport in Hadamar getötet.

All die Fragen werden später "im Rahmen der Erarbeitung der Konzeptvergabe erörtert und beantwortet", verspricht Vitos. Die Expertise der Gedenkstätte Hadamar und ihrer Mitarbeiter soll einfließen. So sei es von Beginn an auch gedacht gewesen. Und auch die Initiativen sollen eingebunden werden. Noch aber stehe die Standortverlegung von Weilmünster nach Weilburg ja "nicht definitiv fest".

Kein Lernprozess?

Treffen auf dem Klinikgelände kommen wegen Corona noch nicht in Frage. Zu einer Videoschalte, wie die Aufruf-Unterzeichner sie vorgeschlagen haben, kam es bislang nicht. Man sei in der Terminabsprache, sagt eine Vitos-Sprecherin auf Anfrage. Mehr zum anhaltenden Misstrauen dürfte beigetragen haben, dass kritische Beobachter gerade ein Déjà-vu erleben.

"Da hat sich offenbar kein Lernprozess ergeben", sagt Historikerin Hartmann-Menz mit Blick auf ähnlich gelagerte Erfahrungen des Gedenkvereins Kalmenhof. In dem Idsteiner Krankenhaus fielen mindestens 719 Kinder, Jugendliche und Erwachsene dem organisierten Mord der Nazis zum Opfer. Seit April 2020 erst und nach viel Druck von außen steht ein Teil des Geländes mit dem früheren Krankenhaus, der Leichenhalle und dem Gräberfeld als Ort eines NS-Verbrechens unter Denkmalschutz.

Das Verdienst des Vitos-Konzern ist das nicht. Er hatte das Krankenhaus wenige Jahre zuvor verkaufen wollen - ohne Hinweis auf die Vergangenheit und als "letzten Rohdiamanten" Idsteins, wie eine Immobilienanzeige pries.

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Ideologie des "lebensunwerten Lebens"

Die systematischen Morde in Weilmünster begannen als Teil der sogenannten "Aktion T4" zur Vernichtung "lebensunwerten Lebens". T4 steht für Tiergartenstraße 4, wo in Berlin die zuständige Zentraldienststelle ihren Sitz hatte. Graue Busse holten die Patienten aus Zwischenanstalten wie Weilmünster ab und brachten sie in insgesamt sechs Tötungsanstalten - darunter Hadamar. Die Morde wurden als "Euthanasie", also "guter Tod" beschönigt. Briefe mit erlogener Todesursache, Sterbeort und Sterbedatum gingen an Angehörige. Bekannt waren die Verbrechen in der Bevölkerung sehr wohl. Nach der offiziellen Einstellung der T4-Aktion 1941 hörten die Verbrechen nicht auf. Mehr als 100.000 Menschen kamen so ums Leben.

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