Laufhäuser im Frankfurter Bahnhofsviertel wollen trotz Corona wiedereröfnen

Seit der Betrieb von Bordellen coronabedingt verboten ist, blüht in Frankfurt die illegale Straßenprostitution. Schon zweimal haben Bordellbetreiber versucht, das Verbot zu kippen - ohne Erfolg. Jetzt versucht es ein Betreiber aus dem Bahnhofsviertel erneut.

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Corona: Leere Straßen im Bahnhofsviertel
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Die Elbestraße im Frankfurter Bahnhofsviertel. Crack-Raucher lungern vor einem Drogenkonsumraum, auf dem Bürgersteig liegen Menschen, offenbar zugedröhnt. Eine Person sticht heraus: Grell geschminkt, kerzengrade Haltung, knallblaues Tütü-Kleid. Das Outfit wirkt feminin, Körperbau und Stimme dagegen männlich. Er nennt sich Frau Wilde und er ist beruflich hier: "Ja, manchmal mach' ich Prostitution."

Frau Wilde ist nicht allein. Streetworker schätzen, dass derzeit rund hundert Prostitutierte im Bahnhofsviertel auf Freier warten. Auf der Straße. Dabei ist das dort verboten - unabhängig von Corona. Die Stadt will das Geschäft eigentlich auf die Bordelle, die sogenannten Laufhäuser, beschränken. Aber das verhindert die Corona-Verordnung des Landes. Diese untersagt zwar nicht Prostitution generell, aber den Betrieb von "Prostitutionsstätten" wie etwa Laufhäusern.

Käuflicher Sex auf Hotelzimmern, Hinterhöfen oder Baustellen

Käuflichen Sex gibt es im Bahnhofsviertel dennoch nach wie vor reichlich. Angebahnt auf der Straße, vollzogen in Wohnungen, Autos oder Hotels, sagt Matthias Heinrich, Leiter der Frankfurter Stadtpolizei: "Es gibt hier bestimmte Hotels, die entsprechende Zimmer anbieten zu kleinem Preis." In manchen Fällen werde auch auf leerstehende Häuser, Hinterhöfe und Baustellen ausgewichen.

Für die Bordellbetreiber ist das existenzgefährdend, sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Michael Karthal. Er hat im Auftrag der Betreiber schon zweimal gegen die Corona-Verordnung geklagt, beide Male hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel die Klage abgewiesen. Nun versucht Karthal es ein drittes Mal. Vergangene Woche hat er im Eilverfahren beim VGH beantragt, dass die Bordellsperre wegfällt (Az. 8 B 2229/20.N).

Prostituierte in die Illegalität gedrängt

Karthal sieht diesmal gute Chancen. Schon allein deshalb, weil solche Klagen in anderen Bundesländern inzwischen Erfolg hatten. Immer mehr Länder lassen den Bordellbetrieb unter strengen Kontroll- und Hygieneauflagen wieder zu. Für Karthal ist das nur logisch, denn ohnehin sei Prostitution in legalen Bordellen sicherer als auf der Straße: "Dort haben Sie eine Kontrolle darüber, dass die dort tätigen Damen eine Zulassung haben."

Rückenwind bekommen die Bordellbetreiber auch von Prostituiertenverbänden: Sie rufen für Samstagmittag zu einer Demonstration vor der Alten Oper in Frankfurt auf. "Öffnet die Bordelle" ist die Losung. Die Verbände befürchten, dass Prostituierte durch den Bordell-Bann zunehmend in die Illegalität gedrängt werden. Auf dem illegalen Straßenstrich seien sie gewaltbereiten Freiern oft hilflos ausgeliefert.

Sozialministerium: Infektionsschutz geht vor

Und auch beim Gesundheitsschutz hapert es. Das Frankfurter Gesundheitsamt berichtet, dass von Januar bis März, also vor der Pandemie, noch 500 Prostituierte zu den gesetzlich vorgesehenen Beratungen gekommen seien. In den sechs Monaten seit Beginn der Pandemie waren es gerade noch 115. Von den beratenen Prostituierten habe mehr als die Hälfte keine Krankenversicherung gehabt, viele hätten Angst um ihre Zukunft.

Das Sozialministerium räumt auf hr-Anfrage ein: "Prostituierte befinden sich in Folge des Coronavirus derzeit in einer prekären Situation." An der Corona-Verordnung will das Ministerium aber vorerst nichts ändern. Die wirtschaftlichen Interessen der Sexdienstleister müssten hinter dem Infektionsschutz zurückstehen. Von Bordellen gingen nach wie vor "beträchtliche infektiologische Risiken" aus. Die Prostituierten und Bordellbetreiber verweist das Land auf die bestehenden finanziellen Hilfsangebote. Wieder einmal muss in diesem Streit nun das Gericht entscheiden.

Sendung: hr-iNFO, 17.09.2020, 6:20 Uhr