Grippeimpfung

In diesem Herbst wollen sich mehr Menschen als sonst gegen Grippe impfen lassen. Der Grund: die Corona-Pandemie. Die Arztpraxen in Hessen können sich vor Nachfrage kaum retten.

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Kann Leben retten: Eine Impfung gegen Grippe
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Kinderarzt Matthias Hachmann aus Darmstadt hat in diesem Jahr 300 Grippeimpfdosen mehr als sonst bestellt. Denn der Ansturm auf seine Praxis von Eltern, die ihre Kinder impfen lassen wollen, ist in diesem Jahr besonders groß. "Wir haben letzte Saison zwischen November und Ende Januar 150 Impfdosen verimpft. Dieses Jahr haben wir 450 Impfdosen schon vorgeordert und die werden weggehen wie geschnitten Brot."

Auch Allgemeinmediziner Wolfgang Seher aus Frankfurt hat mehr Impfstoff geordert als üblich. Auch in seiner Hausarztpraxis ist die Nachfrage höher als sonst, sagt der Vorsitzende der Bezirksärztekammer Frankfurt. "Man schützt damit erst einmal die Leute die sowieso durch eine normale Grippe gefährdet sind. Also ältere Menschen aber auch Jüngere, die etwa lungenkrank sind." Der Grund, warum sich 2020 mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen wollen als in den Vorjahren liege auf der Hand: Die Corona-Epidemie.

Grippeimpfung empfohlen von der Politik

Und die Empfehlung kommt auch von ganz oben: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) haben dringend dazu geraten, sich in diesem Herbst gegen Grippe impfen zu lassen. Und auch der hessische Apothekerverband empfiehlt es und klärt über die Grippeschutzimpfung auf. Denn: Eine heftige Grippewelle will man in diesem Corona-Jahr unbedingt vermeiden. Das Gesundheitssystem soll bei wieder steigenden Corona-Infektionszahlen nicht noch zusätzlich belastet werden.

Denn allein wegen der Grippe gibt es jedes Jahr mehrere Millionen Arztbesuche und mehrere tausend Einweisungen ins Krankenhaus, sagt Sabine Wicker. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Auch der Darmstädter Kinderarzt Matthias Hachmann wünscht sich deshalb, dass sich in diesem Herbst mehr Menschen als sonst impfen lassen. "Wenn wir Grippe schon mal ausschließen können weil die Menschen gegen Grippe geimpft sind, macht uns das die Arbeit leichter."

RKI empfiehlt Impfung nur für Risikogruppen

Anders als die Stimmen aus der Politik empfiehlt die STIKO eine Grippeschutzimpfung aber erst einmal nur für Menschen aus Risikogruppen. Also Menschen die älter sind als 60 Jahre, chronisch Kranke, Schwangere und Menschen die im medizinischen Bereich oder mit viel Publikumsverkehr arbeiten. Der Grund: Wenn diese gefährdete Gruppe geschützt ist, kann man den größten Effekt erzielen, sagt Sabine Wicker. Schwere Verläufe und Krankenhauseinweisungen könnten verringert und so das gesamte System entlastet werden.

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2,6 Millionen Impfdosen für Hessen

Etwa 26 Millionen Grippe-Impfdosen stehen in diesem Jahr für ganz Deutschland zur Verfügung. Sechs Millionen davon hat Bundesgesundheitsminister Spahn persönlich bestellt. Das sind rund fünf Millionen mehr als im letzten Jahr. Auch in Hessen gibt es gut 30 Prozent mehr Impfstoff als sonst. Laut kassenärztlicher Vereinigung Hessen stehen für Hessen diesmal ca. 2,6 Millionen Grippe-Impfdosen zur Verfügung.

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Bisher lassen sich von den über 60 Jährigen in Deutschland nur rund 35 Prozent gegen Grippe impfen. Dieser Anteil sollte erhöht werden, so Wicker. Wenn sich aber jetzt alle aus der Risikogruppe plötzlich impfen lassen würden, würde der Impfstoff wiederum nicht ausreichen. "In diesem Jahr haben wir zwar deutlich mehr Influenza-Impfstoff im Vergleich zu den vergangenen Jahren mit rund 26 Millionen Impfdosen. Wenn sich aber alle Risikogruppen impfen lassen würden, bräuchten wir allein schon über 40 Millionen Impfstoffdosen."  Die stellvertretenden STIKO-Vorsitzende glaubt zwar nicht daran, dass das passieren wird. Denn in der Vergangenheit wurde der Grippe-Impfstoff oft auch gar nicht ganz ausgeschöpft. Das bestätigt auch eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts im hessischen Langen dem hr. Aber sicher ist sicher. Deshalb empfiehlt die STIKO die Grippeimpfung nur für Risikopatienten.

 Grippe und Corona - kein guter Mix

Was passiert, wenn man sich gleichzeitig mit Corona und Grippe infiziert, darüber weiß man wissenschaftlich noch wenig. Allgemeinmediziner Wolfgang Seher aus Frankfurt möchte es aber lieber nicht ausprobieren. "Das wird dann für unser Immunsystem schwierig. Sie haben zwei Bereiche, wo Sie die Lunge schwer belasten, über entsprechende Lungenentzündungen und wir wissen ja inzwischen, dass Corona auch andere Organe befällt." Das sei ein "sehr problematischer" Mix. Eine Grippeimpfung schütze zwar nicht gegen Corona, es gebe aber Hinweise aus der Wissenschaft, dass auch eine Corona-Erkrankung milder verlaufen könnte.

Und Angst sollte ohnehin niemand haben, auch nicht ohne Impfung, beruhigt die Expertin in Sachen Impfung Sabine Wicker von STIKO: Wer jung und gesund sei könne davon ausgehen, eine Grippe ohne Folgeschäden zu überstehen.

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Infos über Grippe

Wann impfen?: Eine Grippeschutzimpfung wird für die Monate Oktober und November empfohlen. Nicht zu früh im Herbst aber auch nicht zu spät. Der Immunschutz hält zwischen sechs und zwölf Monaten. Da der Höhepunkt der Grippewelle in den vergangenen Jahren oft erst im Februar oder März erreicht war, sollte nicht zu früh geimpft werden, um sicherzugehen, dass man noch geschützt ist, wenn die Viren am heftigsten umgehen. Wenn man aber erst impft, wenn die Grippewelle schon in vollem Gange ist, kann es vielleicht zu spät sein. Denn der Körper braucht nach der Impfung etwa zwei Wochen, um den Immunschutz aufzubauen.

Schwere und leichte Grippewellen: Laut Robert-Koch-Institut schwankt die Stärke der Grippewellen von Jahr zu Jahr erheblich. Bei einer schweren Grippewelle wie in der Saison 2012/2013 mussten in Deutschland rund 30.000 Menschen wegen Influenza ins Krankenhaus, geschätzt sind damals 20.000 Menschen daran gestorben. In einer milden Saison (2013/14) mussten dagegen nur 3.000 Menschen ins Krankenhaus.

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Sendung: hr-iNFO, 12.10.2020, 06.05 Uhr.