Ein Schild weist auf die Kleingartenanlage neben der US-Airbase in Wiesbaden-Erbenheim hin.

Gesundheitsschädliche Chemikalien in Boden und Wasser: Das Wiesbadener Umweltamt rät Pächtern einer Kleingarten-Anlage im Stadtteil Erbenheim von Obst- und Gemüseanbau ab. Die Ursache liegt nahe.

Neue Messungen der Stadt Wiesbaden zeigen nach Informationen des hr: Potentiell gesundheitsschädliche per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) belasten die Kleingartenanlage "Am Wasserwerk" im Stadtteil Erbenheim. Die Schadstoffe, die in Boden und Grundwasser stecken, stammen sehr wahrscheinlich vom angrenzenden US-Militärstützpunkt.

Einzelne Pächter erhielten vor wenigen Tagen Post aus dem Rathaus. Per Brief infomierte das städtische Umweltamt über die Schadstoff-Belastung und empfiehlt "dringend", den Gartenbrunnen nicht für den Bedarf an Brauchwasser zu nutzen. Genauso rät die Behörde vorerst dringend davon ab, Obst und Gemüse anzubauen.

Altlast stammt von Löschübungen 

Die giftigen PFC stammen wohl aus dem Löschschaum, den die Feuerwehr der US-Armee seit den 1970er Jahren auf ihrem Gelände einsetzt. Das geschah früher oft zu Übungszwecken. Die Chemikalien gelten laut Weltgesundheitsorganisation WHO als "möglicherweise krebserregend" für den Menschen.

Bei Tieren traten in Versuchen vermehrt Leber-, Nieren- und Hodenkrebs auf, die Stoffgruppe steht im Verdacht, die Fruchtbarkeit negativ zu beeinflussen. Laut Umweltbundesamt lagern sich die Chemikalien im menschlichen Körper ein, sie sind biologisch kaum abbaubar.

 Hohe Schadstoff-Werte gemessen

Gesetzlich festgelegte Grenzwerte gibt es für diese Chemikalien bislang nicht, lediglich Leitwerte zur Orientierung. Für einzelne Stoffe wie Perfluoroctansulfonsäur (PFOS), Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) liegt dieser Leitwert für Trink- und Grundwasser bei 0,1 Mikrogramm pro Liter (µg/l). Rund um den US-Stützpunkt in Wiesbaden wird dieser Wert teilweise um das Hundertfache überschritten.

Schon 2018 hat die Stadt im Brunnen eines Landwirts 33 µg/l PFOS gemessen. Im Grundwasser unter der Domäne Mechthildshausen, einem zertifizierten Bio-Betrieb, waren es in der Spitze 2,3 µg/l PFHxS, im angrenzenden Käsbach bis zu 1,4 µg/l PFOA. Neu hinzugekommen ist nun die Messung in der Kleingartenanlage. Dort wurden in einem Brunnen 0,71 µg/l PFHxS entdeckt, in einer Bodenprobe tauchten 2,8 µg/kg PFOS auf.

Stadt von Ausmaß überrascht

Wiesbadens Umweltdezernent Andreas Kowol (Grüne) ist überrascht, dass eine PFC-Belastung nun auch in der Kleingartenanlage gemessen wurde. Normalerweise fließt das Grundwasser unter dem US-Stützpunkt Richtung Süden und Südwesten, also von den nördlich gelegenen Parzellen weg.

Kowols Vermutung: Es gibt eine weitere Schadstoffquelle. "Wir haben die Amerikaner auch ausdrücklich gebeten, zu recherchieren, ob es irgendwelche Brandvorfälle gab, wo dann Löschschaum eingesetzt worden ist, vielleicht auch sehr große Mengen Löschschaum." Das wäre nach Angaben des Dezernenten eine der möglichen Erklärungen, warum nun auch an anderer Stelle eine Belastung von Boden und Grundwasser aufgetreten ist.

US-Militärstützpunkt Wiesbaden-Erbenheim

Behörden weiten Monitoring-Programm aus

Das Problem mit den giftigen Schadstoffen in Wiesbaden ist erst im Februar dieses Jahres öffentlich bekannt geworden. Damals hatte ein Experte von Greenpeace im hr-Interview die Situation rund um die US-Airbase als "besorgniserregend" bezeichnet. Das US-Militär weiß nach eigenen Angaben seit 2009 von der PFC-Belastung auf seinem Gelände, die Stadt Wiesbaden und das zuständige Regierungspräsidium Darmstadt wurden etwa 2011/2012 informiert.

Erst nach kritischen Medienberichten in den vergangenen Monaten haben die Behörden ihr Messprogramm ausgeweitet. Das Umweltamt der Stadt Wiesbaden hat zum Beispiel zusätzliche Wasserproben aus Bächen entnommen. Im Königsfloßbach, im Ochsenbrunnen und besonders im Käsbach wurden erhöhte PFC-Werte gemessen.

Von der Domäne Mechtildshausen wurden Feldfrüchte und Tiere untersucht. Im Obst und Gemüse des Biobetriebs hat die Stadt bislang keine Schadstoff-Spuren entdeckt, dafür in zwei geschlachteten Nutztieren. In den kommenden Wochen und Monaten sollen weitere Messungen folgen, unter anderem auch in der Kleingartenanlage.

 Sendung: hr-fernsehen, defacto, 4.5.2020, 20.15 Uhr