Blick auf das Straßenschild Halitplatz, benannt nach dem Namen des Kasseler NSU-Mordofers Halit Yozgat.
Blick auf das Straßenschild Halitplatz, benannt nach dem Namen des Kasseler NSU-Mordofers Halit Yozgat. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Die Absage der Gedenkfeier für das Kasseler NSU-Opfer Halit Yozgat durch die Stadt stößt auf Kritik. Bürger wollen nun von sich aus am Freitag an den Mord vor zwölf Jahren erinnern und verbinden dies mit heftigen Vorwürfen.

Kulturschaffende, Politiker, Unternehmer und Kirchenvertreter haben dazu aufgerufen am kommenden Freitag an den am 6. April vor zwölf Jahren ermordeten Halit Yozgat zu erinnern. Die mit Sicherheitsbedenken begründete Absage der Gedenkfeier durch die Stadt Kassel sei ein falsches politisches Signal, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung der 59 Unterzeichner. "Wir dürfen es nicht Brandstiftern und Extremisten überlassen, ob wir uns öffentlich versammeln."

Hintergrund des Verzichts auf das städtische Gedenken waren antitürkische Proteste und Aktionen gegen türkische Einrichtungen in Deutschland sowie der ungeklärte Brandanschlag auf eine Kasseler Moschee. Man müsse befürchten, dass die Würde der Veranstaltung massiv beeinträchtigt werde, hatte die Stadt erklärt. Mit der Familie Yozgat sei dies abgesprochen.

"Wenn nötig unter Schutz der Polizei"

Jene Bürger, die nun dennoch zum Gedenken aufrufen, sehen das anders: "Die Gedenkfeier wird ein guter Anlass sein, jeden politischen und religiösen Extremismus zurückzuweisen und für gemeinsame demokratische Werte und die unteilbaren Menschenrechte einzutreten - wenn nötig unter dem Schutz der Polizei und mit zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen."

Die Polizei hatte bereits nach der Absage der Stadt vergangene Woche erklärt, sie sei auf einen größeren Einsatz vorbereitet und könnte die Veranstaltung schützen. Ein Sprecher der Stadt sagte am Mittwoch, man habe der Erklärung aus der vergangenen Woche nichts hinzuzufügen. Damals hatte Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) die Absage öffentlich begründet.

"Zeichen an die Familie Yozgat"

Zu den Unterzeichnern des neuen Aufrufs "Wir erinnern an Halit Yozgat!" gehören unter anderem der DGB-Bezirksvorsitzende Michael Rudolph, der 1. Vorsitzende des Documentaforums, Jörg Sperling, und die Leiterin des Sara Nussbaum Zentrums für Jüdisches Leben, Elena Padva.

Auch die ehrenamtliche Stadträtin Marlis Wilde-Stockmeyer (Linke) sowie der örtliche Sprecher der Grünen, Boris Mijatovic, unterstützen den Aufruf. Die Veranstaltung erinnere an die Opfer der Rechtsterroristen und sei "ein Zeichen an die Familie Yozgat, dass wir ihren Schmerz wahrnehmen". Gedacht werden soll am Freitag um 15.30 Uhr auf dem Halitplatz in Kassel.

Kritik der Türkischen Gemeinde

Bereits am Dienstag hatte die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) die Absage der städtischen Gedenkveranstaltung kritisiert. "Das Signal ist eindeutig und es lautet: Wir konnten euch damals nicht schützen und wir können es auch heute nicht!", sagte TGD-Vorsitzender Atila Karabörklü. Angesichts brennender Flüchtlingsunterkünfte und Moscheen, sowie einer rechtspopulistischen Partei im Bundestag sei das Gedenken an die Opfer der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) wichtiger denn je.

Der türkischstämmige Yozgat war in seinem Internetcafé im Kasseler Stadtteil Nord-Holland am 6. April 2006 mutmaßlich vom NSU als vorletztes Opfer einer Mordserie erschossen worden.

Sendung: hr4, 06.04.2018, 6.30 Uhr