Ein Schwein in einem Tiertransport

Nach der Schließung eines Schlachthofs in Mannheim müssen südhessische Schweinezüchter jetzt oft weite Wege in Kauf nehmen. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach regional produziertem Fleisch im Sinne des Tierwohls. Ein Dilemma.

Die letzte Reise wird für viele Schweine in Südhessen künftig eine längere sein. Durch die Insolvenz eines Betriebs in Mannheim herrscht in Südhessen akuter Schlachthof-Mangel. Viele Züchter aus der Region haben dort ihre Tiere hingebracht, nun müssen sie teils deutlich weitere Strecken in Kauf nehmen. Das hat Auswirkungen auf das Tierwohl und die Vermarktung des Fleischs.

Rund 5.000 Schweine wurden wöchentlich in Mannheim geschlachtet, Anfang des Monats musste der Regio-Schlachthof seinen Betrieb einstellen. Rund 1.800 Schweine hätten südhessische Züchter pro Woche nach Mannheim gebracht, sagt Willi Billau, Vorsitzender des Bauernverbandes Starkenburg, dem hr. Diese Tiere müssten nun auf die Schnelle woanders untergebracht werden.

Tierwohl-Gedanke in Gefahr

Das Problem: Es gibt in der Region nicht ausreichend Schlachtbetriebe. "Wir haben jetzt fast keine Kapazitäten mehr", klagt Billau. Neben dem Schlachthof in Brensbach (Odenwald) gäbe es nur noch kleinere Metzgereibetriebe, die selbst schlachten. Brensbach hat derzeit eine Kapazität von etwa 600 Schweinen pro Woche, also bei weitem nicht ausreichend, um den Ausfall von Mannheim zu kompensieren. Der Schlachthof in Bensheim (Bergstraße) musste bereits 2015 schließen.

Für viele südhessische Schweine führt ihr letzter Weg nun zu einem Groß-Schlachthof nach Crailsheim in Baden-Württemberg. Von Mannheim aus sind das noch einmal 145 Kilometer mehr, von Brensbach über die schnellste Route sogar über 200 Kilometer. "Das entspricht natürlich nicht dem Tierwohl-Gedanken", sagt Billau. Von regionaler Schlachtung könne man in diesem Fall auch nicht mehr sprechen.

Nachfrage nach regionalem Fleisch steigt

Ein Aspekt, der auch Schweinezüchter Markus Bechtloff Sorgen bereitet. "Besonders die kleinen Betriebe haben jetzt ein Problem", sagt der Landwirt, der in Bürstadt eine der größten Schweinzuchten in Südhessen betreibt. Er selbst habe nur wenige Tiere in Mannheim verarbeiten lassen, er wisse aber von vielen Metzgereien und Höfen auf dem Land, die ihre eigenen Schweine dort schlachten ließen, um das "regionale" Fleisch dann in ihrer Theke oder ihren Hofläden verkaufen zu können.

Für diese Betriebe sei das Attribut "regional" überaus wichtig, da Fleisch aus der Region bei der Kundschaft immer gefragter sei. Auch für ihn als Züchter sei es deutlich lukrativer, Tiere an regional verarbeitende Betriebe zu verkaufen: "Da bekomme ich mehr Geld für meine Tiere."

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Audioseite Der Hofladen boomt: Nachfrage nach regionalem Fleisch wächst

Theke mit regionalem Fleisch in einem Hofladen
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Fördergelder für Metzgerei in Modautal

Eine Metzgerei, die noch selbst schlachtet, ist "Dieters Wurstladen" in Modautal (Darmstadt-Dieburg). Jüngst bekam der Betrieb vom Land Hessen Fördergelder in Höhe von 1,7 Millionen Euro zugesprochen, damit soll die Schlachtung saniert und auf den neuesten Stand gebracht werden. Trotz Investitionen in die Zukunft gehört "Dieters Wurstladen" einer aussterbenden Gattung an. "Es gibt im ganzen Landkreis vielleicht noch drei oder vier Betriebe, die selbst schlachten", sagt Inhaber Dieter Roßmann dem hr.

In den Schlachträumen werde vorwiegend für die eigene Metzgerei geschlachtet, hin und wieder könnten auch umliegende Höfe ihre Tiere nach Modautal bringen. "Wir können aber keinen Schlachthof ersetzen", sagt Roßmann. Generell würde er sich aber wünschen, dass die Politik regionale Metzgereibetriebe noch stärker unterstützt und somit unabhängiger von großen Schlachthöfen macht. Denn auch Roßmann registriert: "Die Nachfrage nach regionalem Fleisch steigt stetig."

Viele Betriebe haben bereits aufgegeben

Der Bauernverbands-Vorsitzende Billau freut sich über die Finanzspritze für "Dieters Wurstladen", sagt aber auch: "Das kommt zu spät!" Viele Betriebe hätten angesichts immer weiterer Vorschriften und immer strengeren Kontrollen, die eigentlich dem Tierwohl dienen sollen, bereits aufgegeben. "Und die, die aufgegeben haben, kommen nicht mehr zurück."

Die unsichere Situation und die fehlende Perspektive sorgten zudem für ein Nachwuchsproblem im Metzger-Beruf. "Wer will sich das denn noch antun?", fragt Billau.

"Es passiert das genaue Gegenteil"

Schweinezüchter Bechtloff bringt das Dilemma auf den Punkt: "Eigentlich will die Politik ja regionale Fleischerzeugung fördern, aber es passiert das genaue Gegenteil." Als Folge der Schließung des Mannheimer Schlachthofs dürften neben der Schlachtung nun auch viele kleine Höfe ihre Schweinezucht einstellen, fürchtet Bechtloff. Schlicht und einfach, weil sie nicht mehr wüssten, wohin mit den Tieren.

Die Folge: weniger regionale Fleischerzeugung, mehr überregionale Massentierzucht. "Das will niemand."

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