Eine Frau liegt im Bett und reibt sich die Augen.

Die Corona-Pandemie raubt Menschen den Schlaf. Der Marburger Schlafforscher Werner Cassel sagt, warum das so ist und gibt Tipps, wie man trotzdem gut durch die Nacht kommt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tipps für einen gesunden Schlaf

Ein Mann mit grauen Haaren sitzt in der Sonne auf einer Bank und lächelt in die Kamera. Er trägt ein rotes Hemd und ein blaues Jackett.
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Edina aus Rodgau liegt wach. Mal wieder. Die Gedanken rasen. Sie versucht einzuschlafen, doch keine Chance. Dabei braucht sie dringend Energie für Job, Studium und Hausbau. Doch genau das sind auch die Dinge, die sie nun grübeln lassen: "In den letzten Monaten kam so einiges zusammen bei mir: Die Erhöhung der Kurzarbeit, der Start des Hausbaus, Prüfungsstress im Studium und dann wurde auch noch mein Hund krank", erzählt sie.

Eine Frau mit dunklen Haaren lächelt in die Kamera. Sie sitzt auf einem Bett und trägt einen grauen Pulli.

Seit dem zweiten Corona-Lockdown schläft sie nicht mehr durch. Das sei sehr untypisch für sie: "Normalerweise hab ich wirklich keine Probleme damit ein- oder durchzuschlafen. Aber in den letzten fünf Monaten hatte ich Durchschlafprobleme und Albträume."

Viele Menschen in Hessen schlafen schlecht

So wie ihr geht es derzeit vielen Menschen in Hessen. Erste Studien zeigen bereits: Die Pandemie raubt vielen den Schlaf. Das beobachtet auch Werner Cassel. Er ist Psychologe und behandelt an der Uniklinik Marburg Menschen mit Schlafproblemen: "Eine ganz genaue Zahl kann man noch nicht nennen, aber es sind schätzungsweise 20 Prozent mehr Menschen, die über relevante Schlafstörungen klagen", sagt er.

Die Gründe dafür sieht der Experte darin, dass jüngere Menschen unter Existenzängsten litten und Ältere unter Vereinsamung. Beides sei sehr schlecht für den Schlaf. "Wir neigen nachts zum Grübeln", erklärt er, "weil wir instinktiv nach Gefahr suchen." Dieses Verhalten stamme noch aus der Zeit, als Menschen in Höhlen schliefen. "Jetzt ist aber nicht mehr der Säbelzahntiger die Bedrohung, sondern der hysterische Chef." Oder eben die Pandemie.

Tageslicht tanken ist wichtig

Edina hat auch das Gefühl, dass sie schlecht schläft weil, sie "nicht mehr in Fitnessstudio oder Radfahren gehen konnte zwischen November und März". Auch der soziale Kontakt fehle ihr sehr. Die beste Auslastung erlebt sie zur Zeit durch Hündin Lupa. "Wir gehen drei, vier Mal am Tag spazieren. Das tut mir total gut", meint sie.

Tageslicht tanken - das ist extrem wichtig für guten Schlaf. Es regt die Produktion des Hormons Serotonin an, das uns Energie gibt und macht, dass wir uns wach und vital fühlen. Aber auch das Schlafhormon Melatonin ist abhängig vom Tageslicht. Wenn wir nicht mehr rauskommen, haben wir auch davon nicht genug. "Dabei ist Tageslicht der entscheidende Faktor, wenn man vorhersagen will, ob jemand gut schlafen wird", meint Experte Cassel. "Es gibt Studien, die belegen: Wer zu wenig Tageslicht bekommt, schläft schlecht."

So gelingt das Schlafen

Wenn wir schlecht schlafen, steigt das Risiko für Depressionen, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und vieles mehr: "Sie haben ein höheres Risiko, sich mit Corona anzustecken und eine Covid-19-Erkrankung zu bekommen, weil das Immunsystem wesentlich schlechter arbeitet", so Cassel.

Sich unter Druck zu setzen, bringt laut Cassel nichts: "Das gute Schlafen kann am besten gelingen, wenn wir es nachts möglichst gar nicht erst versuchen", beschreibt er das Paradox. "Je mehr Sie aktiv versuchen, möglichst schnell einzuschlafen, desto weniger gelingt es." Er gibt den Tipp, das Schlafen eher wie einen Urlaubstag anzugehen, das bedeutet: Keinen Plan dafür machen, wie die Nacht verlaufen soll.

Bildschirme am Abend meiden

Stattdessen solle man sich auf die Ruhezeit freuen, auch wenn sie unterbrochen wird. Wenn man mitten in der Nacht aufwacht, helfe es nicht, sich zu ärgern. "Seien Sie lieber glücklich, dass Sie das angefangene Buch nun weiterlesen können, bis sie wieder müde werden." Eine entspannte Situation zu schaffen, sei der Schlüssel zum Erfolg.

Damit könne man auch gut schon vor dem Schlafengehen beginnen: "Eineinhalb Stunden vor dem Zubettgehen sollten Sie Bildschirme meiden." Ganz konkret heißt das: Handy aus, Fernseher aus. "Nachrichten gucke ich selbst am liebsten morgens. Die machen nämlich oft Angst und das ist ziemlich schlecht für den Schlaf", erzählt der Psychologe.

Lieber zum Buch greifen als zum Smartphone

Wer sich nicht so ganz vom Smartphone im Bett verabschieden wolle, solle es im Nachtmodus benutzen: "Die blaue Strahlung des Displays macht uns nämlich wach." Stattdessen solle man lieber zu einem guten Buch greifen, das die Fanatsie anrege. Auch Tagebuch schreiben und Entspannungsübungen könnten dabei helfen, Abstand zum Alltag zu gewinnen und den Körper aufs Schlafen vorzubereiten.

Sendung: hr4, 29.3.2021, 10:00 Uhr