Grün-Paten pflegen kommunale Flächen
Grün-Paten pflegen kommunale Flächen Bild © hr/Sophie Spelsberg

Wo Schotter lag, wachsen heute Schnittlauch, Salbei und Majoran – mitten in Marburg. Möglich machen das Anwohner durch Grün-Patenschaften. Ein Erfolgskonzept, das inzwischen vielerorts Wurzeln schlägt.

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Aus der Gießkanne klatscht ein dicker Wassertrahl auf die frisch gepflanzte Aster, dahinter ranken Rosen an der Fachwerkwand. "Im Moment blühen die alle, dann ist es hier einfach wunderschön“, sagt Katrin Kutschera, streicht sich die kurzen Haare über die Brille und schneidet einzelne trockene Blüten ab.

Beim Einzug, erzählt sie, habe es hier vor allem Unkraut und Müllberge gegeben. "Die Fläche lag quasi brach und ich wollte etwas gestalten. Ich hatte damals noch keinen Garten“, sagt Kutschera. "Ich habe darauf geachtet, insektenfreundliche Stauden zu pflanzen.“ So lasse sich Naturschutz mit etwas Schönem verbinden. Hinter ihr fliegen auch immer wieder Spatzen aus dem Gebüsch.

"Win-Win-Situation"

Das Beet, in dem heute Insekten um Flieder und Katzenminze schwirren, liegt zwar direkt vor ihrem Haus in der Marburger Innenstadt, eigentlich ist aber die Stadt für den zwei mal 20 Meter breiten Streifen zuständig.

Trotzdem gärtnert Kutschera hier seit sechs Jahren ganz offiziell. Sie hat eine Patenschaft für die Fläche übernommen und kann dort pflanzen wie und was sie will. Gleichzeitig muss die Stadt sich um eine Fläche weniger kümmern. Silvia Vignoli, die das Projekt von Stadtseite koordiniert, spricht von einer "Win-Win-Situation“.

Mehr als 1000 Grün-Paten in Wiesbaden

Etwa ein Dutzend hessische Gemeinden, Städte und Dörfer haben solche Patenschaftsprojekte aufgelegt – das größte besteht in Wiesbaden. Hier können Bewohner die Patenschaft für die kleinen Beete rund um einzelne Stadtbäume übernehmen. Mehr als 1000 Paten gibt es hier inzwischen, manche kümmern sich laut Roland Beek vom Grünflächenamt um ganze Straßenzüge.

Wiesbaden übernimmt im Gegensatz zu Marburg auch die Kosten für die Paten. Das Interesse sei groß, sagt Beek, "wir haben in der Regel mehr Anfragen, als wir fördern können.“

"Naschgarten" in Naumburg

Nicht überall läuft es so gut, in Wetzlar teilt der Grünflächenamtsleiter mit, der Rücklauf sei in den drei Jahren seit Projekt-Start "sehr, sehr gering“ gewesen. In Altenstädt, einem 1200-Seelen-Dorf bei Naumburg, kümmern sich die Bewohner dagegen schon seit fast 20 Jahren als offizielle Paten um grüne Ecken und die Obststräucher in ihrem "Naschgarten“.

Der wurde nur möglich durch Eigeninitiative. "Es gibt gar nicht genug Bauhof-Mitarbeiter, um alles so zu pflegen, wie die Anwohner es gerne hätten“, sagt Ortsvorsteherin Yvonne Franke.

"Die Stadt wird reicher“

Grün-Paten pflegen kommunale Flächen
Grün-Patin: "Selbst mitwirken und gestalten" Bild © hr/Sophie Spelsberg

Silvia Vignoli vom Marburger Stadtgrün sagt, Geld spare die Stadt mit den Patenschaften trotzdem nicht: "Dafür ist die Organisation zu aufwändig“. Einen klaren Vorteil für die Städte sieht sie trotzdem. "Jeder Pate gestaltet die Flächen anders, die Stadt wird dadurch reicher.“ Kleine Schilder weisen inzwischen auf die Pflege durch Paten hin.

Auch sonst versucht Marburg, mehr Aufmerksamkeit für das Projekt zu schaffen. Mit Erfolg: Seit dem vergangenen Jahr sind etwa 15 Paten dazugekommen, inzwischen sind es gut 90. Zehn weitere sprechen mit der Stadt über eine Beteiligung. Und auch Katrin Kutschera will unbedingt weitergärtnern: "Man sollte nicht alles an die Stadt delegieren, sondern selbst mitwirken und gestalten“, sagt sie. Wie mit den vier Stauden, die sie gerade gepflanzt hat.

Sendung: hr fernsehen, hessenschau kompakt, 6. Juni 2019, 17:50 Uhr