Eine Maske hängt an einem Tisch im Klassenzimmer am Haken, an dem früher die Schultaschen hingen. Im Hintergrund sind unscharf Schüler mit Masken an Tischen sitzend zu sehen.

Eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich die Situation an Hessens Schulen laut Kultusminister Lorz immer mehr normalisiert. Doch Elternbeiräte, Schülervertreter und die Lehrergewerkschaft GEW vermissen zu Beginn der Herbstferien noch immer ein tragfähiges Konzept.

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Sechs Wochen läuft das neue Schuljahr nun, wieder ein Corona-Schuljahr. Nun beginnen die Herbstferien. Mehr Normalität sei seit dem Sommer eingekehrt, bilanziert Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Er meint das positiv. Aus seiner Sicht ein Ergebnis der aktuellen Corona-Maßnahmen.

Normalität haben auch hessische Lehrer-, Eltern- und Schülervertreterinnen und -vertreter an den Schulen ausgemacht. Gut daran finden sie aber allenfalls die Rückkehr zum Präsenzunterricht mit der damit verbundenen Alltagsroutine. "Aus pädagogischer Sicht ist Routine für Kinder gut", sagt etwa Jörg Leinberger vom Verband der Lehrer Hessen.

"Oberstufenklassen zusammengelegt"

Weiter reicht Leinbergers Zustimmung aber nicht. Denn Normalität an Hessens Schulen bedeute eben vor allem, dass jetzt wieder die altbekannten Defizite des hessischen Schulwesens zum Tragen kommen: eine veraltete Verwaltung, die fehlende Digitalisierung, die marode Infrastruktur, der Lehrermangel.

"Der Lehrermangel ist inzwischen vor allem in den Fächern Mathe und Physik so gravierend, dass einige Schulen Oberstufenklassen zusammenlegen und in der Schulaula unterrichten", berichtet Leinberger.

Lehrer an der Belastungsgrenze

Lehrer, die sowieso schon an und über der Belastungsgrenze arbeiteten, müssten sich nun noch um die wöchentlichen Testungen und um die Heimbeschulung von Test- und Maskenverweigerern kümmern, ärgert sich Leinberger. Zudem wüssten sie nicht, wie sie diese Kinder und Jugendlichen bewerten sollten.

Derzeit diskutiere die Lehrerschaft deswegen mit dem Kultusministerium, ob diese Schülerinnen und Schüler für Klassenarbeiten per Beschluss in die Schule gezwungen werden können - was aber auch einen Mehraufwand bedeute, da diese Schülerinnen und Schüler von den anderen separiert werden müssten.

"Defizite aufholen ist nicht machbar"

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"Vor diesem Hintergrund Corona-bedingte Defizite aufzuholen, ist schlicht nicht machbar", pflichtet Volkmar Heitmann bei, Vorstandsvorsitzender des Landeselternbeirats von Hessen. Für das Aufhol-Programm des Landes "Löwenstark" gebe es nicht genug Personal, Quereinsteiger des Programms seien nicht ausreichend ausgebildet.

Aber auch in Sachen Gesundheitsschutz habe es kaum Fortschritte gegeben. Die vielfach geforderte Anschaffung von Luftfiltern werde zu unterschiedlich gehandhabt. In einigen Kreisen laufe das recht gut, in anderen schlecht: "Nehmen Sie zum Beispiel den Wetteraukreis", sagt Heitmann. "Dort wurden gerade einmal 134 Luftfilter für die über 100 Schulen angeschafft."

Wieder nichts passiert

"Hauptsächlich unzufrieden" sind deswegen auch die hessischen Schülerinnen und Schüler, sagt Julian Damm, Sprecher der Landesschüler*innenvertretung Hessen. "Die Politik hatte wieder sechs Wochen Zeit, um Konzepte für eventuell wieder nötigen Distanzunterricht auszuarbeiten oder für eine gute Ausstattung mit Luftfiltern, Desinfektionsmitteln und Masken zu sorgen." Passiert sei so gut wie nichts. "Wir fragen uns, ob wir überhaupt wichtig sind."

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Schüler mit Masken vor einem Hinweisschild zur Maskenpflicht
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Schließlich seien die Inzidenzen gerade in den jüngeren Altersgruppen nach den Ferien besonders stark nach oben gegangen. Auch er habe härtere Corona-Fälle im Umfeld gehabt, mitbekommen, dass Schülerinnen und Schüler längere Zeit nicht in die Schule konnten.

"Endlich auf Virologen hören"

"Ich bin deswegen auch gespalten, was den Präsenzunterricht angeht", sagt Damm. "Ja, Routine ist gut, die Frage ist aber, ob Präsenzunterricht für die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler am besten ist." Hier solle die Politik endlich auf Virologen und deren Forderungen hören - etwa nach Wechselunterricht, wo nicht gelüftet werden kann.

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Dem stimmt auch Volkmar Heitmann vom Landeselternbeirat zu: "Hessen sollte nicht nur sagen, dass man sich an die Empfehlungen etwa des Umweltbundesamtes hält, man sollte es auch tun."

Test-Fehlerquote zu hoch

Für Roman George, Referent Bildungspolitik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), gilt das auch für Corona-Tests an Schulen. Die Fehlerquote der derzeit verwendeten Schnell- und Selbst-Tests sei zu hoch.

"Wir fordern - wie auch Virologen - den Einsatz der so genannen Lolli-Tests", sagt George. "Die sind nicht nur leichter anwendbar und sicherer. Durch die so genannte Poolauswertung sind sie für das einzelne Kind auch weniger stigmatisierend."

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Der Lolli-Test

Kinder und Erwachsene in einer Schulklasse oder Kindergartengruppe lutschen für etwa 30 Sekunden an jeweils einem Tupfer - wie bei einem Lolli. Diese werden dann vor Ort in ein gemeinsames Proberöhrchen - als sogenannter Pool - gepackt, das dann später im Labor mit der zuverlässigen PCR-Methode auf Bestandteile des Coronavirus untersucht wird. Sollte sich der Pool als positiv herausstellen, machen die Beteiligten erneut einen Lolli-Test. Dann aber werden die Proben einzeln analysiert, um herauszufinden, wer konkret betroffen ist.

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Lehren für die Zukunft ziehen

Er vermisse zudem eine gewisse Weitsicht, sagt George: Luftfilter etwa seien eine dauerhaft gute Anschaffung auch für die jährliche "normale" Erkältungswelle. Auch aus dem Wechselunterricht könnten Lehren für die Zukunft gezogen und unter anderem auf kleinere Klassengrößen hingearbeitet werden.

Das sei aber nicht in Sicht, im Gegenteil: Vom Vorhaben, Grundschul-Klassen zu verkleinern, sei die schwarz-grüne Landesregierung inzwischen abgerückt - obwohl es im Koalitionsvertrag von 2017 festgehalten worden war.

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