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zum Video Junge Geflüchtete zwischen Verzweiflung, Hilflosigkeit und Schuldgefühle

Collage mit Yazan, Bahar und Pedram (von links nach rechts)

Sie selbst haben es nach Deutschland geschafft. Doch die Sorgen um ihre Verwandten und Freunde lassen viele Geflüchtete in Hessen nicht los. Drei junge Menschen erzählen davon, wie es ist, hilflos das Schicksal von geliebten Menschen aus der Ferne verfolgen zu müssen, ohne helfen zu können.

Schwer bewaffnete Taliban-Anhänger, panische Menschenmassen und Familien, die sich trennen müssen, um in Sicherheit zu gelangen: Die Bilder, die derzeit aus Afghanistan um die Welt gehen, sind verstörend. Und sie gehen auch an jenen Menschen nicht vorbei, die selbst schon mal auf der Flucht waren.

Yazan, Bahar und Pedram* haben es schon vor mehreren Jahren ins sichere Deutschland geschafft – aus Syrien, Afghanistan und dem Iran. Doch sie alle haben noch Verwandte und Freunde in ihren Heimatländern. Deren Schicksale müssen sie hilflos aus der Ferne verfolgen. Wie schwierig diese Situation für sie ist und welche Sorgen sie täglich quälen, erzählen sie im Interview.

Yazan, 22 Jahre: "Ich fühle mich auf jeden Fall hilflos"

Yazan steht lächelnd in einer Straße

Mit 16 Jahren ist Yazan aus dem syrischen Rakka nach Deutschland geflohen: Über die Türkei, mit einem Schlauchboot nach Griechenland und dann weiter nach Hessen. In Syrien musste er seine Eltern, seinen jüngeren Bruder und seine jüngere Schwester zurücklassen. Sie leben derzeit noch immer dort. Yazan wohnt in Dillenburg und studiert Maschinenbau in Gießen.

Als ich 16 Jahre alt war habe ich mich dazu entschieden, nach Deutschland zu kommen. Das war am Anfang eigentlich gar nicht gewollt. Ich wollte bei meinen Eltern bleiben, denn ich wollte sie nicht alleine lassen. Aber irgendwann hat sich die Situation in Syrien so sehr verschlechtert, dass mein Vater gesagt hat: "Hier ist deine Zukunft in Gefahr. Du musst hier weg."

Dort, wo ich gelebt habe, da wurden Häuser zerstört. Und man musste Angst haben, dass Kinder entführt werden. Als junger Mensch in Syrien hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man geht zu den Rebellen oder nicht. Aber dann muss man auch damit rechnen, dass man verhaftet wird, oder dass man nicht mehr in die Schule gehen kann. Oder, dass man sogar auf der Straße erschossen wird.

Vor dem Krieg war es alles normal. Und dann auf einmal sieht man Dinge, die man vorher nur in Filmen gesehen hat. Zum Beispiel, wie Menschen einfach umgebracht werden, oder wie Menschen verhaftet und Häuser zerstört werden.

Der große Wunsch nach Sicherheit

Meine Familie dort zurückzulassen, war für mich das schlimmste Gefühl, das ich bis jetzt erlebt habe. In Syrien sind derzeit noch mein Vater, meiner Mutter und meine zwei kleinen Geschwister. Ich mache mir jeden Tag Sorgen um sie. Und ich fühle mich schuldig, weil ich sie unbedingt hierher nachholen wollte. Das hat aber leider nicht geklappt.

Meine Familie ist nicht mit auf die Flucht gekommen, weil es zu riskant war. Man wusste gar nicht, wie es eigentlich auf dem Weg nach Deutschland ist. Es könnte ja sein, dass man auf dem Weg stirbt. Für diesen Weg waren meine zwei kleinen Geschwister einfach noch zu jung.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Leute diese Situation nicht verstehen. Sie denken, wir kommen hier her, weil wir nichts Besseres zu tun haben. Dass aber die meisten Menschen kommen, weil sie Angst um ihr Leben haben, das ist etwas anderes. Man möchte einfach in Sicherheit sein.

Das Gefühl, die Familie im Stich zu lassen

Ich fühle mich auf jeden Fall hilflos. Ich bin hier zum Glück in einem sicheren Land. Meine Familie aber nicht. Und dann denkt man sich: "Was kann ich dafür tun, dass sie in Sicherheit gebracht werden können?" Im Endeffekt gar nichts. Ich hoffe nur, dass sich die Situation dort verbessert oder ich die Möglichkeit habe, sie irgendwie hierhin nachzuholen. Aber trotzdem habe ich sie meiner Meinung nach im Stich gelassen. Und dieses Gefühl verfolgt mich die ganze Zeit. Das ist kein schönes Gefühl.

Die Bilder, die ich in den Medien aus Afghanistan gesehen haben, haben mich in letzter Zeit auf jeden Fall sehr berührt. Da musste ich irgendwie auch direkt an meine Flucht aus Syrien denken und wie das so ist, zu fliehen. Das ist gar nicht so einfach. Und ich habe nur gehofft, dass diese vielen Menschen jetzt einen Weg finden, dieses Land zu verlassen.

Ich kann nur sagen, dass ich sehr, sehr dankbar bin, dass ich jetzt in Deutschland leben darf. Das ist für mich ein Geschenk Gottes. Für Syrien wünsche ich mir Sicherheit und Frieden. Und ich hoffe, dass die Bevölkerung dort auch bald ihr altes Leben zurückbekommt. Das ist sehr wichtig. Und ich hoffe, dass ich dann auch irgendwann mal wieder dorthin kann, um das Land zu besuchen. Das wäre wirklich sehr schön.

Bahar, 23 Jahre: "Meine Verwandten sind einfach ratlos"

Porträtaufnahme von Bahar

Vor 22 Jahren, während der ersten Terrorherrschaft der Taliban, sind Bahars Eltern mit ihr zusammen aus Afghanistan nach Deutschland geflohen - damals war Bahar noch ein Kleinkind. Sie selbst konnte somit in Darmstadt aufwachsen, lebt dort bis heute. Sie studiert Jura in Mainz. Doch ein Teil ihrer Familie lebt noch immer in Afghanistan: Ihr Onkel, ihre Tante und auch ihre Cousine. Sie erleben jetzt erneut, wie die Taliban die Macht über ihr Heimatland ergreifen.

Ende 1998 bin ich zusammen mit meinen Eltern aus Afghanistan geflohen. Seitdem lebe ich in Hessen. Vor über 20 Jahren kamen die Taliban zum ersten Mal an die Macht und haben Afghanistan übernommen. Das war im Jahr 1996. Damals war das eine ähnliche, wenn nicht sogar eine schlimmere Situation als jetzt. Und deswegen haben sich meine Eltern gezwungen gefühlt, das Land zu verlassen.

Sie hatten dort beide einen akademischen Grad. Mein Vater war Arzt, meine Mutter, angehende Lehrerin. Natürlich haben die sich vom Leben etwas ganz anderes erhofft und hatten nicht vor, Afghanistan zu verlassen. Es war ja auch ihr Heimatland. Zu der Zeit mussten sie sich aber natürlich entscheiden: Werde ich dort in Sicherheit leben können? Oder gebe ich alles auf, um eine bessere Zukunft in Sicherheit zu haben?

Die große Sprachlosigkeit und viele Fragen

Ich habe noch immer Familie in Afghanistan. Zwei Tanten, meine Cousins und Cousinen, meinen Opa und eine Bekannte von uns leben noch in Kabul. Ihnen geht es gerade schrecklich. Sie können das gar nicht in Worte fassen, wie es ihnen geht. Wenn ich mit ihnen telefoniere, fangen sie an zu weinen, weil sie einfach ratlos sind und nicht wissen, wie sie aus der Situation herauskommen können.

Man ist natürlich auf der einen Seite froh, dass man diese Situation nicht miterleben muss. Andererseits mache ich mir natürlich auch darüber Gedanken, was wäre, wenn sich meine Eltern entschieden hätten, dort zu bleiben. Dann wäre heutzutage alles ganz anders. Das macht mich schon traurig.

Wer wäre ich jetzt, wenn ich dort wäre? Wo wäre ich jetzt? Wäre ich jetzt überhaupt am Leben? Wer ist die Person, die ich heute bin? Hätte ich jetzt studiert, hätte ich jetzt so frei herumlaufen können? Hätte ich jetzt hier sitzen können mit der Art und Weise, wie ich mich gerade kleide? Hätte ich die Freiheit gehabt, mit dem Auto zu fahren, als Frau rauszugehen, als Frau ernst genommen zu werden, als Frau auch gehört zu werden? Ich denke nämlich nicht.

Schuldgefühle und große Traurigkeit

Irgendwie ist man deshalb gerade auch so hilflos. Allein die Tatsache, worauf man gar keinen Einfluss hatte, wo man geboren ist, entscheidet schon darüber, ob man tagtäglich in Gefahr ist oder nicht. Auch das ist ein Gedanke, der mir in den letzten Tagen oft durch den Kopf geht.

Wenn ich jetzt die Bilder sehe, was in Afghanistan passiert und was in Afghanistan tagtäglich zugeht, löst es in mir natürlich auch irgendwo Schuldgefühle aus. Weil man nichts tun kann und nicht helfen kann. Und jetzt sehe ich, wie die Landsleute dort leider jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen. Und das macht einen sehr traurig.

Ich würde mir deshalb für meine Familie wünschen, dass sie in ein sicheres Land kommen und aus Afghanistan wegkommen. Ganz egal, ob es Deutschland ein anderes Land ist. Welches ist erst mal zweitrangig. Primär geht es darum, dass sie aus der Gefahrensituation erst einmal weg sind. Das erhoffe ich mir natürlich sehr für sie.

Pedram, 22 Jahre: "Jeden Tag, wenn Du nach Hause kommst, bist Du alleine"

Pedram steht - eine Hand in der Hosentasche - neben einem Fahrradständer.

Mit 16 Jahren ist Pedram aus dem Iran nach Deutschland geflohen - zuerst in die Türkei und danach in einem Lastwagen weiter nach Hessen. Im Iran sind seine Eltern und seine Schwester zurückgeblieben. Sie leben derzeit noch immer dort. Pedram wohnt in Darmstadt und arbeitet als technischer Mitarbeiter an der TU Darmstadt.

Als ich 16 Jahre alt war, habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich mein Land verlassen möchte. Der Grund, warum ich mein Land verlassen habe, ist eigentlich ein politischer. Darauf kann ich deshalb leider nicht genauer eingehen, weil ich noch eine Schwester, meine Mutter und weitere Familie im Iran habe und die möchte ich nicht in Gefahr bringen.

Aber allgemein kann ich sagen, dass ich einfach in Freiheit leben möchte. Jeder denkt, Krieg ist der einzige Grund, warum die Sicherheit und die Freiheit von Menschen in Gefahr ist. Aber das ist nicht so. Wenn ich zum Beispiel nicht mit meiner Freundin oder meinem Freund spazieren gehen kann, ohne dass ich von der Polizei aufgegriffen werde - das sind Dinge, die in Zeiten wie diesen für mich keinen Platz haben. Ich möchte auch Freiheit haben und ich glaube, jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit verdient.

Im Moment leben von meiner Familie noch meine Mutter, mein Schwester, meine Oma und mein Vater mit seiner neuen Familie, Frau und Kinder im Iran. Meine Mutter und mein Vater sind getrennt.

Jeden Tag in Sorge um seine Familie

Meine Familie im Iran zurückzulassen, war einfach eine harte Entscheidung. Ein Teil meines Lebens ist dortgeblieben. Und ich war weg. Sie fehlen mir sehr. Jeden Tag, wenn du nach Hause kommst, bist du alleine. Es ist auch schwierig, wenn du mal traurig bist. Die Familie spielt eine große Rolle, wenn man Probleme hat. Dann fehlt mir die Familie besonders.

Und jetzt bin ich weit weg und ich weiß nie wirklich, wie es ihnen geht. Und das kann ich nicht einfach ignorieren. Die Sorge, wie es ihnen geht, ist immer da. Wenn ich aufstehe. Die Sorge ist da, bis ich wieder schlafen gehe. Manchmal, nachts im Bett, ist es so schlimm, das ist aufstehen und herumlaufen muss.

Und manchmal ist das Gefühl da, dass ich denke, ich hätte meine Mutter und meine Schwester mitnehmen können. Aber wenn ich dann weiter darüber nachdenke, weiß ich: Ich wollte für meine Zukunft kämpfen. Aber dafür habe ich mich selbst in Gefahr gebracht.

Nun kann ich unmöglich für andere Menschen entscheiden, dass sie sich in eine solche Gefahr begeben. Ich kann doch nicht meiner über 50-jährigen Mutter sagen, dass sie mit mir laufen soll - 24 Stunden lang pausenlos über die Grenze in die Türkei. Das kann ich ihr nicht vorschreiben. Aber der Gedanke ist immer da, dass ich sage: 'Ja, ich hätte sie mitnehmen können.' Aber es hat nicht geklappt. Und das ist schmerzhaft.

Glück und Dankbarkeit

In Deutschland, schätze ich besonders die Freiheit und Sicherheit. Und natürlich die Bildung und diese Gleichbehandlung. Ich bin hier glücklich. Und ich bin für alles sehr dankbar. Ich habe schon immer die Möglichkeit gesucht, mich bei der Gesellschaft für die Chancen zu bedanken, die ich hier in Deutschland bekommen habe.

Für mein Heimatland Iran wünsche ich mir einfach Freiheit und Sicherheit und einen Iran, wo die Leute glücklich sein können. Das wäre ein großer Traum.

*Die Nachnamen von Yazan, Bahar und Pedram sind der Redaktion bekannt.